Doğu Perinçek war Gast von Jülide Ates und beantwortete kritische Fragen. Dann ist er ausgerastet.

Ein kleiner alter Mann, Anführer einer politischen Kleinstpartei, schafft es in der Türkei regelmäßig, Aufmerksamkeit zu generieren. Es ist die Rede von Doğu Perinçek. Zuletzt ist der alte Greis mit einer harschen Reaktion auf eine Journalisten-Frage aufgefallen.

Die Sendung „40“ mit TV-Moderatorin Jülide Ateş ist ein spannendes Format. Das Prinzip der Sendung ist schnell erklärt. Dabei wird ein Gast mit spitz formulierten Fragen, 40 an der Zahl, sehr direkt konfrontiert und bekommt je Frage zwei Minuten Zeit zu antworten. Wenn die Zeit abläuft, darf die Ausführung nicht mehr fortgesetzt werden. Wenn sich der Gast bei einer Frage knapp hält und Sekunden spart, darf er oder sie diese übrige Zeit bei der nächsten Frage ausschöpfen. Mit einer roten Aufmachung sowie Licht- und  Soundeffekten wird auch gelegentlich zusätzlicher Druck erzeugt.

Wer ist Doğu Perinçek?

In der Sendung vom 17. September war der umstrittene Politiker Doğu Perinçek eingeladen. Doch wer ist dieser Perinçek eigentlich? Der 78-Jährige sitzt der Vatan Partisi (zu Deutsch „Heimat-Partei“) vor. Gemessen an den Wahlerfolgen ist die politische Bedeutung verschwindend gering. Doch sein Einfluss resultiert aus seiner Ideologie, seinem Netzwerk im Militär und dem sogenannten Tiefen Staat in der Türkei. Perinçek gilt bis heute als bedeutender Ideologe der ultra-kemalistischen Elite. Er tritt für eine strikt antireligiöse Haltung ein, möchte religiöse Gruppen nicht nur aus der Öffentlichkeit verbannen, sondern gänzlich verbieten.

Perinçek ein inoffizieller Koalitionspartner der AKP?

In einem Fernsehauftritt von 2016 in der Sendung des renommierten Talk-Show Moderators Fatih Altaylı deutete Perinçek erstmals öffentlich eine Koalition zwischen seinem militaristisch-linken Lager und der Erdoğan-AKP an.

„Nicht wir sind zu Erdoğan und seinen Leuten gegangen, sie sind zu uns gekommen. (…) Unser Programm besagt, dass wir die Revolutionen Atatürks vervollständigen werden. Alle Religionsgemeinschaften und religiöse Orden werden wir vernichten. Atatürk sagte, die Türkei darf kein Land der Derwische und der Scheichs sein. Das ist ein Revolutionsprogramm. Tayyip Erdoğan hat unseren Standpunkt eingenommen und das macht uns äußerst glücklich.“

Perinçek: „Wie können Sie es wagen, mir eine solche Frage zu stellen?“

In der Sendung von Jülide Ateş verlor der Politiker bei einer der 40 Fragen die Fassung. „Wie können Sie es wagen, mir eine solche Frage zu stellen? Wenn Sie das nicht veröffentlichen, sind sie würdelos.“ Die verwunderte Moderatorin ließ sich von diesem Vorstoß Perinçeks nicht aus dem Konzept bringen. Die Frage, die den Politiker so wütend machte, lautete: „War Doğu Perinçek jemals für einen ausländischen Geheimdienst tätig?“ (Frage 25, ab 1:22 ca.). Eigentlich eine Frage, die ein so erfahrener Mann mit einem einfachen „Nein“ beantworten könnte.

Dass seine Haut durchaus dünn ist, belegt auch sein Ausraster während einer Talkshow des verstorbenen türkischen Journalisten Mehmet Ali Birand im Jahre 1995. Perinçek verlor die Fassung, er beleidigte sogar einen Mitstreiter als Dreckskerl. Mehr noch: Er drohte seinem Kontrahenten sogar mit Gewalt. Bei seinem Ausraster in diesem Jahr ist Perinçek allerdings doch nicht so weit gegangen. Nach der kurzweiligen Krise ging die Sendung ohne weitere Zwischenfälle weiter.

Perinçek zweifelt an Unterdrückung der Uiguren durch China

Dass es moderne Konzentrationslager in China gibt, in die Uiguren „umerzogen“ werden, ist auf internationaler Ebene keine offene Frage mehr. Zahlreiche Dokumente belegen, dass Peking mit sogenannten Umerziehungsmaßnahmen, Folter, Quarantäne und Geburtenkontrolle die Muslime diskriminiert. Ziel der chinesischen Regierung ist es offenbar, die muslimisch-türkische Minderheit der Uiguren zu indoktrinieren. Doch auf die Frage von Ateş, wie der für seine China-Nähe bekannte Perinçek das Vorgehen gegen die Uiguren bewerte, antwortete der Politiker deutlich: „Ich war vier Mal in meinem Leben bei den Uiguren. Ich habe gesehen, in welchem Wohlstand sie leben. Das sind Erziehungslager. Diese Vorwürfe stimmen nicht.“