Kolumnen Ramadan

Fastenbrechen mit DITIB und IGMG: Dialog statt Ausgrenzung

  • März 4, 2026
  • 3 min read
  • 12 Views
Fastenbrechen mit DITIB und IGMG: Dialog statt Ausgrenzung

Die Einladung von Vertretern der DITIB und der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş zu einem Fastenbrechen im Reinickendorfer Rathaus sorgt für Kontroversen. Ercan Karakoyun warnt jedoch vor pauschaler Ausgrenzung und plädiert für Dialog auf kommunaler Ebene.

Ich kann nicht in die Köpfe der Menschen schauen, die derzeit ein Kesseltreiben gegen Reinickendorfs Bürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner veranstalten. Deshalb weiß ich nicht, ob es ihnen wirklich um die Frage geht, wer zum Fastenbrechen im Ramadan ins Rathaus eingeladen wird. Oder ob ihr Ärger nicht tatsächlich daher rührt, dass es überhaupt eine solche Veranstaltung gibt.

Als jemand, den die Regierung Erdoğan seit Jahren als Staatsfeind stigmatisiert, bin ich sicher der Letzte, der gegenüber DITIB oder IGMG unkritisch wäre. Die DITIB ist ein verlängerter Arm der türkischen Regierung – und sie war es auch schon vor Recep Tayyip Erdoğan. Das ist die Konsequenz des Versuchs der kemalistischen Türkei, sich eine staatsnahe, kontrollierbare Religion zu formen. Vor der Regierungsübernahme durch die AKP hat das im Westen kaum jemanden gestört.

DITIB und IGMG bleiben problematisch

Ja, die DITIB ist ein Machtinstrument Erdoğans. Es gab Fälle von Bespitzelung, Ausgrenzung und Denunziation – teils auf Anweisung aus Ankara, teils mit freiwilliger Mitwirkung einzelner Akteure. Und es gibt Menschen, die darin bis heute kein Unrecht sehen.

Auch über die IGMG lässt sich als Organisation nicht viel Positives sagen. Sie hat sich nie glaubwürdig von den Ansichten ihres Gründers Necmettin Erbakan distanziert. Verschwörungsdenken, Antisemitismus und Schwarz-Weiß-Welten finden sich in Teilen ihrer Geschichte und Strukturen wieder – auch wenn einzelne Landesverbände Entwicklungen durchlaufen haben und teilweise nicht mehr vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Soll man also DITIB und IGMG zu einem bezirklichen Fastenbrechen einladen? Wer vor allem die Erwartungen seines eigenen Publikums bedienen möchte, kann diese Frage leicht mit einem kategorischen Nein beantworten.

Politische Verantwortung bedeutet Realitätssinn

Eine Bezirksbürgermeisterin jedoch kann nicht nur eine Echokammer bedienen. Sie ist für alle Bürger zuständig. Realismus und Weitsicht müssen Vorrang vor ideologischer Abgrenzung haben.

Zur Realität gehört, dass DITIB und IGMG seit Jahrzehnten etablierte und flächendeckend organisierte Verbände innerhalb der muslimischen Community in Deutschland sind. DITIB erreicht eine hohe sechsstellige Zahl an Mitgliedern und Gemeindebesuchern, IGMG mehrere zehntausend.

Ein Blick auf die Türkei unter Präsident Erdoğan zeigt, wie leicht es ist, große gesellschaftliche Gruppen vollständig auszugrenzen, ihre Anhänger kollektiv zu stigmatisieren und gesellschaftlich zu isolieren. Ich bin überzeugt: Das darf nicht zum Vorbild für unser Gemeinwesen werden – und es wäre mit unserer Verfassung auch nicht vereinbar.

Abkapselung hilft niemandem

Wenn wir große Organisationen mit hunderttausenden Menschen von vornherein ausgrenzen, überlassen wir sie genau jenen politischen Kräften, deren Einfluss wir eigentlich begrenzen wollen. Diese wissen sehr genau, wie sie emotionale und kulturelle Bindungen in der Diaspora ansprechen. Sie reichen ihre Hand – unabhängig davon, ob wir es tun oder nicht.

Eine gezielte Abkapselung ganzer Bevölkerungsgruppen liegt nicht im Interesse unseres Gemeinwesens. Chancen zur Begegnung und Einbindung müssen gerade auf lokaler Ebene genutzt werden – dort, wo demokratische Kultur konkret erfahrbar wird und wo autoritäre Einflussnahme nicht unmittelbar präsent ist.

Deshalb halte ich es für richtig, dass die Bezirksbürgermeisterin das Fastenbrechen ausrichtet und Vertreter auch dieser beiden Organisationen einlädt: nicht aus Naivität, sondern aus politischer Verantwortung und im Sinne eines Dialogs, der Integration ermöglicht statt Abgrenzung vertieft.

About Author

Ercan Karakoyun