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Gesellschaft

Lkw-Hilfen sorgen teils für Chaos in der Türkei: Was bei der Organisation zu beachten ist

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Nach den Erdbeben in der Türkei benötigen die Menschen vor Ort Nahrungsmittel, Hygieneartikel und vieles mehr. Türkischstämmige in Deutschland und weitere hilfsbereite Menschen, denen das Leid nahegeht, organisieren vielerorts eigenständig Lkw, die vollgepackt in die Katastrophengebiete fahren. Nicht immer wird dabei das türkische Konsulat informiert – und das hat teils gravierende Folgen.

Die Spendenbereitschaft in- und außerhalb der Türkei ist hoch, viele Menschen wollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihre Hilfe anbieten, sei es in Form von Geld, Sachspenden oder einfach als Arbeitskraft zum Sortieren und Einpacken der Spenden-Kartons. In WhatsApp-Gruppen und Sozialen Medien gibt es viele Spendenaufrufe, auch für Hilfslieferungen für den Lkw-Transport. Viele helfen, weil sie ihre Heimat unterstützen und den dortigen Opfern wollen – mit der Selbstverständlichkeit und Erwartung, dass die Spenden auch ankommen. Doch das ist nicht immer der Fall. Es sind einige Videos im Umlauf, die zeigen, dass Lkw mit den Sachspenden nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden.

Diese Aufnahme stammt vom 10. Februar 2023 und wurde im Erdbebengebiet in der Türkei aufgenommen. Quelle: privat

Der Mann, der wahrscheinlich auch das Video aufnimmt, sagt sinngemäß: „Das ist das Ergebnis, wenn unüberlegt gespendet wird. Ohne Koordination. Jeder prahlt damit, dass er oder sie einen Lkw in die Erdbebenregion geschickt hat. Da die Lkw-Fahrer vor Ort keinen Ansprechpartner finden, laden sie die Kartons einfach auf der Straße ab. Aber wenn man nachfragen würde bei den Leuten, die spenden, hieße es, Ja, wir haben gespendet.“ Aber es gibt auch positive Beispiele – wie eine Mitarbeiterin aus einer in Krefeld ansässigen Speditionsfirma DTJ-Online gegenüber berichtet.

AFAD und türkisches Konsulat einbinden

„Wir haben uns mit AFAD (Anm. d. Red.: AFAD ist die türkische Katastrophenschutzbehörde) abgesprochen, unser Lkw wird dort von Verantwortlichen empfangen. Das türkische Konsulat haben wir ebenfalls informiert und auch die Papierarbeit erledigt. Von hier aus wird es sofort in die Türkei gemeldet“, berichtet die Mitarbeiterin. Sie hat kürzlich einen Spenden-Lkw für die Türkei organisiert und musste dafür auch entsprechende Listen anfertigen. „Wir haben eine Übersicht erstellt, wie viele Kartons es gibt und was darin zu finden ist (Hygieneartikel, Desinfektionsmittel, Baby- und Kinderkleidung etc.) und die Kartons auch beschriftet“.

Dieses Video schickte uns die Speditionsmitarbeiterin aus Krefeld zu.

Sie erzählt, dass die Spendenbereitschaft sehr groß gewesen sei und viele Sachen vorbeigebracht wurden, auch außergewöhnliche. „Den Lkw haben wir auch mit Rollatoren und Kinderwagen beladen. Die Erdbebenopfer haben zwar keine Möbel, aber in den Zelten wäre es sicher hilfreich – vor allem für die Älteren –, wenn sie zumindest sitzen können.“

Wenig Verständnis hat sie für Helfende, die Lastwagen vollpacken, aber die türkischen Behörden nicht informieren. Das sei ein Beispiel für gut gemeinte, aber schlecht umgesetzte Hilfe. Die Folge könne sein, dass die Hilfen dann gar nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Denn an der Grenze der Türkei könne es möglicherweise zu Problemen kommen, was letztlich dazu führen könne, dass der Lkw gar nicht einfahren darf. Der Zoll rät daher „von der Durchführung eigener Hilfstransporte durch Privatpersonen in das Erdbebengebiet derzeit dringend ab“.

Lkw-Lieferungen: Zoll muss informiert werden

Die Warenausfuhr in die Erdbebengebiete ist zwar erleichtert worden, dennoch gibt es einige Dinge zu beachten. So müssen – allgemein auch bei Spenden in Notlagen – die aktuellen Zollvorschriften eingehalten werden. Daher muss zunächst erst einmal geprüft werden, ob es sich bei den Hilfsgütern um genehmigungspflichtige oder -freie Waren handelt. Zu genehmigungspflichtigen Waren gehören z.B. Medikamente, die Betäubungsmittel sind, und in bestimmten Fällen auch Schutzausrüstung. Sachspenden und Hilfslieferungen in die Türkei – mit Ausnahme von genehmigungspflichtigen Waren – können mündlich zur Ausfuhr direkt bei der letzten Zollstelle vor dem Verlassen des Zollgebietes der Union angemeldet werden, informiert der Zoll. Achtung auch beim Transport von Spendengeldern: Wenn das Bargeld 10.000 Euro überschreitet, muss dies schriftlich beim Zoll angemeldet werden.

Wenn diese Rahmenbedingungen erstmal erfüllt sind, muss noch eine Packliste mit den in den Kartons befindlichen Gegenständen erstellt und die Zolldokumente ausgefüllt werden. Auch ist es hilfreich, wenn der Empfänger der Waren bekannt ist und genannt wird.

Besser ist es, Geld zu spenden

Wie kann man am besten helfen, fragen sich viele. „Momentan sind Geldspenden wichtiger als Sachspenden“, schreibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Geldspenden könnten im Gegensatz zu Sachspenden bedarfsgerechter und zielgenauer an die Menschen in Not verteilt werden. „Damit können Hilfsgüter dort gekauft werden, wo sie benötigt werden. Geldspenden sind daher flexibler und einfacher zu verteilen. Des Weiteren werden Hilfsorganisationen in der Türkei und Syrien mit Geldspenden besser unterstützt.“

Auch Deutsche Rote Kreuz (DRK) rät davon ab, Hilfsgüter in Deutschland zu beschaffen und dann in die Türkei zu transportieren. „Gut gemeinte, aber nicht abgestimmte Hilfslieferungen füllen Lagerhäuser, binden Transport- und Sortierkapazitäten. Sie helfen leider nicht, sie behindern die humanitäre Arbeit vor Ort. Geldspenden sind gegenüber Sachspenden eine deutlich effektivere Art der Hilfe“, erklärte Rebecca Winkels, Pressesprecherin des DRK, im Interview mit rbb24.

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