Im Fokus: das Buch "Die satanischen Verse" von Salman Rushdie. Hier zu sehen im Regal einer Bücherei. Foto: Carsten Koall/dpa

Seit dem Angriff auf Salman Rushdie sind seine „satanischen Verse“ wieder Thema. Zwischenzeitlich war das Buch in Deutschland im Handel sogar vergriffen. Worum geht’s darin eigentlich? Und wie lesen sich die rund 700 Seiten?

Nach dem Angriff auf Schriftsteller Salman Rushdie geht nicht nur dessen Name weltweit durch die Nachrichten, auch seine Bücher stehen wieder in der Öffentlichkeit. Allen voran das Buch, das Rushdie eine Todesdrohung im Iran einbrachte: „Die satanischen Verse“ sind seit dem Anschlag wieder öfter Thema.

Nach Verlagsangaben war es im deutschen Handel zwischenzeitlich sogar vergriffen. Auch in einigen Bibliotheken wurde danach gefragt. In den vergangenen Jahren habe man „Die satanischen Verse“ jährlich im vierstelligen Bereich verkauft, teilte eine Sprecherin der Penguin Random House Verlagsgruppe mit.

„Weitere Auflage in Vorbereitung“

Nach dem Attentat sei die Nachfrage sprunghaft angestiegen, so dass das Buch für einige Tage vergriffen gewesen sei. Die Nachauflage in Höhe von 25.000 Exemplaren sei nun wieder lieferbar. „Eine weitere Auflage ist in Vorbereitung.“

Der Autor war Mitte August in den USA angegriffen und schwer verletzt worden. Als Reaktion habe es nicht nur eine große Welle der Solidarität gegeben, sondern auch eine erneute Einordnung der literarischen Bedeutung seines Werkes quer durch alle Medien, hieß es beim Verlag.

Bibliotheken vermelden erhöhte Nachfrage

„So wünschte sich zum Beispiel Daniel Kehlmann in der „Zeit“ Salman Rushdie zurück auf die Bestsellerliste: „Ein Vorschlag: Kaufen Sie jetzt ‚Die satanischen Verse.'“ Der Deutsche Bibliotheksverband hat sich in Köln, Hamburg und Frankfurt am Main umgehört. Auch dort sei die Zahl der Ausleihen von Rushdies Werken gestiegen.

Bei der Stadtbibliothek Köln seien nach dem Attentat 16 Exemplare ausgeliehen worden. „Viele davon waren davor monate- bis jahrelang nicht entliehen“, hieß es dort. „Die satanischen Verse“ von 1988 hätten sie noch als E-Book, aber nicht mehr als Printausgabe im Bestand gehabt. „Es ist aber nun als Leserwunsch bestellt.“

Solidarität weltweit

Auch in Großbritannien zog die Nachfrage nach Büchern Rushdies laut Angaben des Branchendiensts Nielsen BookData seit dem Anschlag erheblich an. Die Verkaufszahlen stiegen demnach im Vergleich zu Anfang August beinahe um das Dreißigfache.

Das Internationale Literaturfestival Berlin rief dazu auf, am 29. September an vielen Orten aus Rushdies Büchern zu lesen. Die Autorin Madame Nielsen schlug in einer Mitteilung des Festivals zudem vor, bis dahin überall im öffentlichen Raum „Die satanischen Verse“ bei sich zu tragen – „dass wir das Buch überall aufschlagen und lesen, in Cafés, Parks und der U-Bahn“.

„Große Bedeutung für die Literaturgeschichte“

Beim Berliner Kulturkaufhaus Dussmann wurde ebenfalls öfter nach Rushdie gefragt. „Salman Rushdie ist ein Autor von Weltrang mit großer Bedeutung für die Literaturgeschichte“, teilte die Geschäftsführung mit. „Es ist traurig, dass ein solches Ereignis der Auslöser dafür ist, dass das Lesen von guten Büchern ein politisches Statement und ein Bekenntnis der Solidarität mit Demokratie und Meinungsfreiheit ist.“

Das Buch „Die satanischen Verse“ wurde auch kurzerhand ins Programm des „Literarischen Quartetts“ aufgenommen. Moderatorin Thea Dorn stellte in der ZDF-Sendung die These auf, das Buch sei zwar zum berüchtigten Titel geworden, aber kaum jemand habe es wirklich gelesen. Sich selbst nahm Dorn übrigens nicht aus.

Roman über Lehre des Islams

Als 19-Jährige habe sie damals die Aufregung mitbekommen. „Ich habe mir das Buch damals gekauft, weil ich dachte: Skandal, interessant“, erzählte sie in der jüngsten Ausgabe der Literatursendung. Sie habe damals ein bisschen reingeblättert, das Buch wieder weggestellt und sich gedacht: „Deshalb regen sich alle auf? Ich versteh’s nicht.“

Nach dem Angriff auf Rushdie habe sie das Buch nun in die Hand genommen – „und ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen“. Rushdie verarbeitet in dem Roman im für ihn typischen Stil des magischen Realismus verschiedene Erzählungen über die Frühzeit des Islams, die im Kontrast zu der orthodoxen Lehre von der Unfehlbarkeit des Propheten Muhammad stehen.

Beziehung zwischen Indien und Großbritannien

Die Anspielungen werden eingeflochten in die vielschichtige Erzählung über zwei aus Indien stammende Männer. Ihre Wege kreuzen sich, als sie auf wundersame Weise zu den einzigen beiden Überlebenden beim Absturz eines entführten Flugzeugs über dem Ärmelkanal werden, das auf dem Weg von Mumbai (Bombay) nach London ist.

Beide ringen mit ihren familiären Verhältnissen, der Beziehung zu Indien und Großbritannien, sowie dem Verhältnis zueinander. Wie auch in seinen Interviews kommt Rushdie stets ins Plaudern, vom Hundertsten aufs Tausendste, und so entstehen eine ganze Reihe von Nebensträngen und ein Pantheon von Nebenfiguren, mit ihren eigenen, teils absurden Geschichten.

Knackpunkt: Gabriel und Satan?

Der Titel „Die satanischen Verse“ bezieht sich auf eine nicht-kanonische Überlieferung in der islamischen Tradition, wonach der Prophet Muhammad (gest. 632 n. Chr.) eine Offenbarung durch den Teufel erhalten haben soll, die er zunächst den Menschen in seiner Heimatstadt Mekka unwissentlich als göttlich und Teil des Korans präsentierte.

Später soll er die betreffenden Verse wieder zurückgezogen haben. Der Koran wurde Muhammad gemäß orthodoxer islamischer Tradition durch den Erzengel Gabriel diktiert und stammt von Gott.

Mischung der Kulturen

Rushdie verarbeitet diese und andere Erzählungen in Form von Träumen seiner Protagonisten, die Züge des Erzengels Gabriel und des Teufels annehmen. Neben der islamischen Tradition lässt er aber auch Inspirationen aus der hinduistischen Mythologie, der Traumfabrik Bollywood und dem Leben der südasiatischen Community in London sowie aus seiner Geburtsstadt Mumbai einfließen.

Wegen des Buchs von 1988 hatte der frühere iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini per Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten, zur Tötung des britisch-indischen Autors aufgefordert. Er warf Rushdie vor, den Islam, den Propheten und den Koran beleidigt zu haben. Auf das Todesurteil folgten damals eine dramatische Flucht Rushdies und jahrelanges Verstecken.

Roman begeistert Yücel

Im „Literarischen Quartett“ wurde das Buch von Journalist Deniz Yücel vorgestellt. „Mit einem Wort: Es ist leider geil.“ Es sei ein großes Stück Weltliteratur. Es sei opulent, witzig, klug, manchmal auch derb. Es habe seine Längen, aber darüber lese man hinweg. Es sei schade, dass es erst den Mordversuche habe geben müssen, um es auch im „Literarischen Quartett“ zu besprechen.

In dem Buch gebe es einen Schlüsselsatz, sagte Yücel. „Da wird die Frage aufgestellt: Was ist das Gegenteil von Glauben?“ Unglauben vielleicht? Nein, das sei zu gewiss, zu klar, selber eine Form des Glaubens. „Das Gegenteil des Glaubens ist der Zweifel. Darum geht es in diesem Buch – und außerdem ist es verdammt komisch.“

dpa/dtj