Bahadır Odabaşı (l., mit seinem Vater) ist mit nur 16 Jahren in den Tod gesprungen. Foto: privat

Präsidialerlasse gehören in der Türkei zum Alltag. Zehntausende zivile Existenzen wurden dadurch in den Ruin getrieben. Neben wirtschaftlichen Schäden sind auch gesundheitliche Probleme für Betroffene der Dekrete eine ernste Gefahr. Nun mehren sich Selbstmorde – auch unter Jugendlichen.

Sie heißen auf Türkisch Kanun Hükmünde Kararname, kurz KHK. Unter diesem Begriff versammeln sich diejenigen, die unter die Räder des Staates gekommen sind. Lehrer:innen, Ärzt:innen, Akademiker:innen, Gewerkschafter:innen, Hausfrauen, Kinder und alte Menschen: Es gibt mittlerweile eine breite Community in der Türkei, die sich als „KHK’ler“ bezeichnen.

Wenn die türkische Regierung jemanden verdächtigt, einer „Terror-Organisation“ anzugehören, verändert sich das Leben der Betroffenen schlagartig. Die Folgen: Ausschluss aus dem Beamtentum, Ausgrenzung der Gesellschaft und im schlimmsten Fall Inhaftierung. Das Leid ist groß. Gehört werden die „KHK’ler“ kaum.

Selbstmord eines 16-Jährigen schockiert Elite

Ein Fall zeigt die familiären Dramen hinter den Dekreten exemplarisch: Seit 2016 wird Nurettin Odabaşı aufgrund eines Dekrets hinter Gittern gehalten. Der Familienvater und Lehrer ist seit nunmehr fünf Jahren von seiner Familie getrennt. Das ist kein Einzelfall: Tausende Schicksale in der Türkei teilen dieses Leid. Die Kinder sind meist die Leidtragenden.

Psychische und physische Konsequenzen sind die Folge. Doch es gibt auch solche, die an der staatlichen Willkür zugrunde gehen – so wie der Sohn von Odabaşı. Bahadır Odabaşı hat sich mit nur 16 Jahren in den Tod gestürzt. Das geht aus einem Tweet von Ali Babacan, dem ehemaligen AKP-Minister für Wirtschaft und heutigen Parteivorsitzenden der oppositionellen DEVA-Partei, hervor. Erst vor wenigen Tagen hatte der Freitod eines jungen Menschen in der Türkei für große Diskussionen gesorgt.

Hoffnungslosigkeit in der Türkei kostet Leben

Bahadır Odabaşı hatte offenbar schwere Depressionen, geriet in den vernichtenden Sog der Hoffnungslosigkeit. Als er zwölf Jahre alt war, wurde sein Vater per Dekret des türkischen Präsidenten inhaftiert. Sein Vater war im Zuge des Ausnahmezustandes als Türkisch-Lehrer für die Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung für schuldig befunden.

Bis heute geht die türkische Regierung mit einer erbarmungslosen Hexenjagd gegen Mitglieder der Bewegung vor. Belege für die tatsächliche Beteiligung der Organisation am Putsch lieferte die türkische Regierung nie. Eine internationale Investigation durch objektive Gutachter wurde stets abgelehnt.

„Diskriminiert und in den zivilen Tod getrieben“

Babacan twitterte zu dem Fall emotional, dass „Odabaşı der Hoffnungslosigkeit zum Opfer gefallen“ sei. Auch die für Menschenrechte verantwortliche CHP-Politikerin Gülizar Biçer Karaca kommentierte den Fall: „Die Menschen werden durch die Dekrete in den zivilen Tod getrieben. Bahadır ist ein weiterer Jugendlicher, der durch die Entlassung seines Vaters in der Gesellschaft diskriminiert und mit seiner Familie in den zivilen Tod getrieben wurde.“

Nurettin Odabaşı durfte sein Kind nur in Handschellen beerdigen. Sein Vergehen ist indes banal: Vor seiner Inhaftierung hatte er einige Jahre in Gülen-Schulen in Aserbaidschan gearbeitet. Danach war er an der Selahattin-Eyyübi-Universität in Diyarbakır tätig. Auch diese Institution ist von den präsidialen Erlassen betroffen. Sie wurde nach dem Putschversuch 2016 per KHK geschlossen.

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