Solingen: Mevlüde Genç nimmt 2018 am Ort des Brandanschlags an einem Gebet teil. Sie ist nun im Alter von 79 Jahren gestorben. Sie stand für Toleranz und ein friedliches Miteinander zwischen den Kulturen. Foto: Marius Becker/dpa

Mevlüde Genç ist nicht mehr am Leben. Sie verstarb am Wochenende im Alter von 79 Jahren, wie das türkische Generalkonsulat in Düsseldorf mitteilte. Die Nachricht löste bundesweit Bestürzung und Betroffenheit aus.

Genç hatte bei einem rechtsextremistischen Terroranschlag in Solingen am 29. Mai 1993 zwei Töchter, zwei Enkelkinder und eine Nichte verloren. Mehrere weitere Familienmitglieder waren dabei zum Teil schwer verletzt worden. An den Folgen haben sie noch heute zu leiden.

Das Totengebet für sie findet am Dienstag, den 1. November, ab 14 Uhr in der Unteren Wernerstraße 81 in Solingen statt – dort, wo einst das Zweifamilienhaus stand, auf das der Brandanschlag verübt wurde. Es wird mit einer großen Anteilnahme gerechnet, da am Dienstag auch ein gesetzlicher Feiertag in Nordrhein-Westfalen (Allerheiligen) ist. Interessierte, die mit dem Auto anreisen, werden gebeten, am Theater- und Konzerthaus Solingen (Teschestraße), am Rathaus (Potsdamer Straße), an der DITIB-Moschee in der Schlachthofstraße oder an weiteren geeigneten Standorten zu parken und die Strecke bis zur Unteren Wernerstraße zu Fuß zurückzulegen.

Versöhnende Worte nach dem Anschlag verhindern weiteres Chaos

Durch ihre versöhnenden Worte unmittelbar nach dem Anschlag wurde Mevlüde Genç nicht nur in Solingen, sondern auch darüber hinaus zu einer wichtigen Persönlichkeit im Kampf gegen Rassismus. „In der Nacht habe ich geweint. Aber am Tag habe ich meinen überlebenden Kindern ins Gesicht lächeln müssen, um dafür zu sorgen, dass Hass nicht Eingang findet in ihre Herzen“ – so lautete einer ihrer vielbeachteten Sätze.

Mit diesen und weiteren ähnlichen versöhnenden Worten verhinderte die starke Frau womöglich sogar ein größeres Übel in Deutschland, das damals von einer Welle des Fremdenhasses überzogen wurde. „Nach 1993 ist meine Welt zusammengebrochen. Meine Tränen habe ich nicht gezeigt. Aber ich habe gesehen, dass die Menschen in Frieden und Freundschaft weiterleben müssen. Deshalb habe ich sie zu mehr gegenseitiger Freundschaft, Friede und Liebe eingeladen. Das war in dieser Situation meine große Aufgabe. Dessen war ich mir bewusst“, so Genç, die wegen ihrer Haltung und ihrem Engagement unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet wurde.

„Nur wenn ich sterbe, wird es zu Ende sein“

Die Tatnacht und ihre schlimmen Folgen verfolgten sie ihr Leben lang. „Ich höre noch ihre Schreie. Es ist so, als wenn man eine Kassette abspielt. Nur wenn ich sterbe, wird es zu Ende sein“, sagte sie einmal.

Mit den Ereignissen vom Mai 1993 und der Person von Mevlüde Genç, die in der deutsch-türkischen Community auch als „Mevlüde ana“ – Mutter Mevlüde – verehrt wurde, befassten sich auch mehrere filmische Werke, darunter „93/13 | 20 Jahre nach Solingen“ von Mirza Odabaşı.

„Gefühl der großen Leere“: Reaktionen auf den Tod von Mevlüde Genç

Gençs Tod löste bundesweit Bestürzung und Betroffenheit aus. Solingens Oberbürgermeister würdigte Mevlüde Genç als große Frau mit großem Herzen. Er sei tief traurig gewesen, als ihn diese plötzliche und unerwartete Todesnachricht erreicht habe, sagte Tim Kurzbach (SPD) am Sonntag der dpa. „Genauso wie wir in Solingen eben auch alle traurig sind, weil wir sie immer in Erinnerung haben, als die Frau, die in der dunkelsten Stunde unserer Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg uns zu Freundschaft aufgerufen hat“, betonte er.

„Und wenn diese große Frau mit ihrem großen Herzen, das jetzt aufgehört hat zu schlagen, von uns gegangen ist, ist ein Gefühl der großen Leere und auch der großen Trauer, was in mir und in uns herrscht“, unterstrich der Oberbürgermeister. Genç würdigte er als Inbegriff einer Mutter. „Aber sie war eben auch eine große Frau, weil sie diese mütterliche Art auch übertragen hat, selbst da, wo es zum Schlimmsten für ihre Familie gekommen ist, allen die Hand zu reichen. Und das hat sie tief ausgezeichnet“, erklärte Kurzbach.

Steinmeier: „Nächstenliebe und Menschlichkeit stärker als Hass und Gewalt“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach am Montag in einem Schreiben an ihren Mann Durmuş Genç der Familie sein Beileid aus. „Die Nachricht vom Tod Ihrer Frau hat mich sehr traurig gemacht“, hieß es. „Unser Land hat eine große Versöhnerin verloren.“ Genç sei eine „Botschafterin des friedlichen Miteinanders, in ihrer Heimatstadt Solingen und in ganz Deutschland“ gewesen, schrieb der Bundespräsident weiter. „Sie hat uns vor Augen geführt, dass Nächstenliebe und Menschlichkeit stärker sind als Hass und Gewalt.“ Dass sie nach allem, was sie in ihrer deutschen Heimat erleiden musste, die Kraft zu ihrem großartigen, warmherzigen Engagement gefunden habe, „das ist ein Geschenk an uns alle“.

Steinmeier erinnerte an ein Treffen kurz vor dem 25. Jahrestag des Brandanschlags. „Es war eine beeindruckende Begegnung, die ich nie vergessen werde: Mevlüde Genç hatte ihren Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren, obwohl sie allen Grund dazu gehabt hätte. Auch das macht sie zu einem Vorbild für alle Menschen in unserem Land.“ Man werde sie nicht vergessen und ihr Vermächtnis bewahren.

Wüst: „Unermesslichen Schmerz in Kraft umgewandelt“

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) würdigte Genç als „ein großes Vorbild der Versöhnung“. Wie wenig andere habe sie den Glauben an das Gute im Menschen verkörpert. „Sie verstand es, den unermesslichen Schmerz, der ihr zugefügt wurde, umzuwandeln in Kraft, um sich für andere Menschen einzusetzen. Sie hat den Hass, die Gewalt und die Missgunst, die ihr entgegenschlugen, als Großherzigkeit und Toleranz zurückgegeben“, unterstrich Wüst. Ihr Vermächtnis und ihr Andenken würden auch durch die nach ihr benannte Mevlüde-Genç-Medaille des Landes Nordrhein-Westfalen weiterleben.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schrieb auf Twitter, Mevlüde Genç werde als „Stimme der Versöhnung“ unvergessen bleiben. Sein Beileid gelte ihrer Familie.

Schweigeminute am Mittwoch

„Nordrhein-Westfalen verliert ein Vorbild für das friedliche und tolerante Miteinander“, erklärte Landtagspräsident André Kuper (CDU). „Sie ist Hass und Gewalt mit Vergebung und Liebe entgegengetreten“, sagte er. Die Größe, mit der sie Schmerz und Trauer in Vergebung gewandelt habe, bleibe – auch über ihren Tod hinaus. Er kündigte an, dass der Landtag Genç am Mittwoch mit einer Schweigeminute gedenken werde.

Auch die NRW-Integrationsministerin Josefine Paul (Grüne) gedachte Genç: „Zeit ihres Lebens hat Mevlüde Genç zu Toleranz und einem friedlichen Miteinander zwischen den Kulturen aufgerufen. Dafür gebührt ihr mein Dank und der unserer gesamten Gesellschaft.“

dtj/dpa