Extremismus Gesellschaft

Ibrahim Arslan: Der Mölln-Überlebende, der nicht mehr Objekt des Gedenkens sein will

  • Juli 6, 2026
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Ibrahim Arslan: Der Mölln-Überlebende, der nicht mehr Objekt des Gedenkens sein will

Als Siebenjähriger überlebte Ibrahim Arslan den rassistischen Brandanschlag von Mölln. Heute kämpft er dafür, dass Betroffene rechter Gewalt nicht länger Kulisse deutscher Erinnerungspolitik bleiben. Seine Botschaft: Reclaim and Remember.

Es gibt Menschen, die werden von einem Ereignis geprägt. Und es gibt Menschen, die nehmen dieses Ereignis irgendwann selbst in die Hand, weil sie nicht länger zulassen wollen, dass andere ihre Geschichte verwalten.

Ibrahim Arslan gehört zur zweiten Gruppe

Als in der Nacht auf den 23. November 1992 zwei Neonazis in Mölln Brandsätze auf Häuser warfen, in denen türkische Familien lebten, war Ibrahim Arslan sieben Jahre alt. Er überlebte, weil seine Großmutter Bahide Arslan ihn in nasse Tücher wickelte und in der brennenden Küche unter dem Küchentisch wartete, bis er gerettet wurde. Seine Großmutter, seine zehnjährige Schwester Yeliz Arslan und seine 14-jährige Cousine Ayşe Yılmaz starben.

Nicht durch ein Unglück, nicht durch einen „Brand“, nicht durch eine abstrakte „Tragödie“. Sie wurden ermordet, weil sie als Türken, als Migranten, als Nicht-Dazugehörige markiert wurden. Mölln war ein rassistischer Anschlag. Einer jener Anschläge, die Deutschland bis heute nicht nur erinnern, sondern eigentlich erschüttern müssten.

Erschütterung hält in Deutschland nur bis zum nächsten Jahrestag

Genau dagegen arbeitet Ibrahim Arslan seit vielen Jahren an. Er geht an Schulen, spricht mit Jugendlichen, hält Vorträge, organisiert Gedenkveranstaltungen, vernetzt Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Er erzählt nicht, weil es ihm leichtfällt. Er erzählt, weil das Schweigen der Betroffenen für viele in der Gesellschaft leichter zu ertragen ist als ihre Geschichten. Und weil Deutschland bei rechter Gewalt ein strukturelles Erinnerungsproblem hat.

Dieses Problem beginnt schon mit der Frage, wer sprechen darf. Nach Anschlägen wie Mölln, Solingen, dem NSU-Komplex, Halle oder Hanau treten sehr schnell Behörden, Politiker, Experten, Gedenkredner und Kommentatoren auf. Sie erklären, ordnen ein, kondolieren, mahnen. Betroffene kommen auch vor, aber viel zu oft als Symbolfiguren. Als trauernde Angehörige. Als stille Opfer. Als Gesichter auf Plakaten. Als Menschen, denen man Blumen überreicht und deren Schmerz man für einen Moment sichtbar macht, bevor der Betrieb wieder weiterläuft.

Arslan akzeptiert diesen Ablauf nicht

Sein Ansatz heißt „Reclaim and Remember“: Zurückholen und erinnern. Es ist mehr als ein Slogan. Es ist eine politische Praxis. Die Erinnerung soll nicht länger von oben organisiert und den Betroffenen anschließend zugemutet werden. Die Betroffenen selbst sollen bestimmen, wie erinnert wird, worüber gesprochen wird und welche Konsequenzen sich aus der Erinnerung ergeben. Denn Erinnerung ohne Konsequenz ist Folklore.

In Mölln zeigt sich das besonders deutlich. Jährlich gibt es offizielle Gedenkveranstaltungen. Es werden Reden gehalten, Kränze niedergelegt, Worte gefunden, die niemand falsch finden kann. Aber Ibrahim Arslan kritisiert seit Jahren, dass bei solchen Formen des Gedenkens die Perspektive der Überlebenden und Angehörigen zu wenig im Mittelpunkt steht. Wer wirklich erinnern wolle, müsse den Überlebenden zuhören. Nicht nur am Jahrestag. Nicht nur für Pressefotos. Nicht nur dann, wenn sie versöhnliche Sätze sagen.

Die Betroffenen sind keine Statisten deutscher Betroffenheit

Diese Erkenntnis wurde mit dem Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“ noch einmal in eine größere Öffentlichkeit getragen. Der Film von Martina Priessner erzählt von einer zweiten Verletzung, die Jahrzehnte nach dem Anschlag sichtbar wurde: Nach Mölln schrieben Hunderte Menschen Solidaritätsbriefe an die Familien. Briefe, Karten, Zeichnungen, Worte des Mitgefühls. Doch diese Briefe erreichten die Überlebenden und Angehörigen über viele Jahre, nein Jahrzehnte nicht. Sie lagen im Stadtarchiv.

Man muss dafür nicht einmal böse Absicht unterstellen, um das Problem zu erkennen. Auch institutionelle Gleichgültigkeit kann verletzen. Auch verwaltete Anteilnahme kann ein Unrecht sein. Auch ein Archiv kann zu einem Ort werden, an dem Solidarität verstaubt, verschwindet.

Für die Familien bedeutete das: In einer Zeit, in der sie alles verloren hatten, erfuhren sie nicht einmal von all den Menschen, die ihnen Trost spenden wollten. Die Gesellschaft hatte geschrieben. Die Verwaltung hatte abgelegt. Die Betroffenen blieben allein.

Das ist der eigentliche Skandal der Möllner Briefe

Der Film macht schmerzhaft sichtbar, was deutsche Erinnerungspolitik oft verdrängt: Es geht nicht nur um die Tat. Es geht um das Danach. Um Behörden, die Betroffene nicht ernst nehmen. Um Gesellschaften, die schnell wieder Normalität wollen. Um Archive, Akten, Zuständigkeiten und Gedenkrituale, die den Schmerz der Betroffenen nicht heilen, sondern manchmal fortsetzen.

Dass „Die Möllner Briefe“ auf der Berlinale gefeiert wurde, Preise erhielt und im Kino lief, zeigt immerhin: Diese Perspektive findet ein Publikum. Aber zugleich bleibt die Frage, warum ein Film mit dieser gesellschaftlichen Wucht nicht selbstverständlich zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt wird. Warum müssen Betroffene rechter Gewalt immer wieder selbst darum kämpfen, dass ihre Geschichten eine große Bühne bekommen? Warum wird ihre Perspektive noch immer behandelt wie ein Sonderprogramm, obwohl sie zum Kern der deutschen Gegenwart gehört?

Natürlich wäre es zu einfach, daraus sofort eine Verschwörung abzuleiten. Aber die Frage bleibt erlaubt: Welche Geschichten hält dieses Land für mehrheitsfähig? Welche Trauer passt in den Betrieb? Welche Opfer bekommen Raum? Und welche müssen sich ihren Raum erkämpfen?

Ibrahim Arslan hat sich diesen Raum erkämpft

Nicht nur für sich. Sondern auch für andere Betroffene. Beim NSU-Tribunal, in Workshops, bei Zeitzeugengesprächen und in politischen Bildungsformaten geht es ihm nicht darum, immer wieder dieselbe persönliche Leidensgeschichte abzurufen. Es geht ihm um eine Verschiebung der Perspektive. Weg von den Tätern. Weg vom Sensationsinteresse an rechter Gewalt. Weg von der Frage, wie aus „ganz normalen jungen Männern“ Mörder werden konnten. Hin zu den Menschen, deren Leben zerstört wurde. Hin zu den Familien, die weiterleben mussten. Hin zu den Kindern, die in Deutschland aufwuchsen und lernen mussten, dass ihr Zuhause brennen kann, weil andere sie nicht als Teil dieses Landes akzeptieren.

Was Ibrahim Arslan macht ist keine Erinnerung an die Vergangenheit. Das ist Gegenwartsarbeit.

Denn rechte Gewalt ist in Deutschland nicht verschwunden. Sie hat ihre Sprache verändert, ihre Milieus erweitert, ihre politischen Resonanzräume vergrößert. Zwischen Mölln und Hanau liegen fast drei Jahrzehnte. Und doch erzählen Betroffene immer wieder von ähnlichen Erfahrungen: von Behörden, die rassistische Motive zunächst herunterspielen; von Ermittlungen, die in die falsche Richtung laufen; von Angehörigen, die nicht ernst genommen werden; von Gedenkpolitik, die erst dann großzügig wird, wenn Kameras laufen. Ibrahim Arslan widerspricht dieser Logik schon durch seine Präsenz.

Er steht nicht mehr nur für das Kind, das aus den Flammen gerettet wurde. Er steht für einen Betroffenen, der sich weigert, auf seine Opferrolle reduziert zu werden. Er ist Bildungsreferent, Aktivist, Netzwerker, Mahner. Einer, der anderen Betroffenen sagt: Ihr müsst nicht warten, bis man euch zuhört. Ihr dürft sprechen. Ihr dürft fordern. Ihr dürft die Erinnerung zurückholen.

Reclaim and Remember

Auch deshalb ist es konsequent, dass „Reclaim and Remember“ inzwischen nicht nur auf Veranstaltungen oder in Reden auftaucht, sondern auch als sichtbare Botschaft im Alltag. Über „Moumi Clothing“ ist eine Kollektion entstanden, die Erinnerung tragbar macht. Man kann das als Merchandising bezeichnen. Man kann es aber auch als das verstehen, was es in diesem Kontext ist: ein Versuch, politische Botschaften aus den Gedenksälen herauszuholen und in die Öffentlichkeit zu tragen.

Denn Erinnerung muss sichtbar sein. Auf Straßen. In Schulen. In Gesprächen. Auf Kleidung. In Archiven. Im Fernsehen. In Parlamenten. Und vor allem in den Händen derjenigen, denen diese Erinnerung gehört.

Die deutsche Gesellschaft hat sich gewöhnt, über Betroffene zu sprechen

Ibrahim Arslan hat einmal sinngemäß deutlich gemacht, dass Betroffene nicht als Statisten behandelt werden wollen. Genau dieser Satz trifft den Kern. Die deutsche Gesellschaft hat sich lange daran gewöhnt, über Betroffene rechter Gewalt zu sprechen. Arslan fordert etwas anderes. Er will, dass mit ihnen gesprochen wird. Und noch wichtiger: dass ihnen zugehört wird. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber bis heute nicht.

Vielleicht liegt darin die Kraft seines Wirkens. Arslan erzählt nicht nur von Mölln. Er zeigt, was nach Mölln hätte passieren müssen. Eine Erinnerungskultur, die Betroffene in den Mittelpunkt stellt. Eine politische Bildung, die nicht bei Täterbiografien stehen bleibt. Eine Öffentlichkeit, die rassistische Gewalt nicht erst dann ernst nimmt, wenn Menschen sterben. Eine Demokratie, die sich nicht an den Jahrestagen ihrer Erschütterung beruhigt, sondern im Alltag Konsequenzen zieht.

Mölln war nicht nur ein Anschlag auf eine Familie. Mölln war ein Anschlag auf das Versprechen, dass Menschen in Deutschland sicher leben können, unabhängig von Herkunft, Namen, Sprache oder Religion. Ibrahim Arslan hat dieses Versprechen als Kind in Flammen aufgehen sehen.

Dass er heute trotzdem spricht, erinnert und andere Betroffene stärkt, ist kein versöhnliches Happy End. Es ist eine Anklage. Und zugleich ein demokratischer Dienst, den dieses Land ernster nehmen müsste. Denn wer ihm zuhört, versteht: Erinnerung ist kein Ritual der Vergangenheit. Erinnerung ist ein Kampf um die Gegenwart. Und manchmal beginnt dieser Kampf mit einem Satz, der einfach klingt, aber in Deutschland noch immer radikal ist: Die Betroffenen sprechen selbst.

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