Der Fall Maduro: Erdoğan schweigt, seine rechte Hand nicht
Die Entführung und Verhaftung von Nicolás Maduro durch die USA hat in der Türkei eher irritiertes Schweigen ausgelöst als offene Empörung. Dabei galt der venezolanische Präsident über Jahre hinweg als einer der engsten politischen Partner Ankaras.
Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte Maduro einst öffentlich als „Kardeşim Maduro“, zu Deutsch „Maduro, mein Bruder“, bezeichnet und ihn demonstrativ unterstützt – auch in Phasen internationaler Isolation. Dass diese Nähe nun praktisch aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden ist, wird in der Türkei nicht als Zufall gesehen.
„Maduro, mein Bruder“ als politischer Code
In der türkischen politischen Kultur sind solche persönlichen Zuschreibungen selten bloße Freundlichkeiten. Wer Erdoğan über Jahre beobachtet, weiß, dass öffentlich betonte Nähe oft ein Code ist. Personen, die besonders hervorgehoben werden, tragen zugleich ein erhöhtes Risiko. Der Titel „Bruder“ signalisiert nicht nur Vertrauen, sondern auch politische Vereinnahmung. In der Vergangenheit folgten auf solche Etikettierungen nicht selten Brüche, Distanzierungen oder abrupte Kurswechsel.
Dass Erdoğan nun darauf verzichtet, Maduro offen zu verteidigen, wird deshalb weniger als moralischer Rückzug gelesen, sondern als konsequente Fortsetzung eines bekannten Musters. Nähe wird gewährt, solange sie funktional ist. Wird sie zur Belastung, wird sie geräuschlos beendet.
Wiederkehrende Muster in Erdoğans Beziehungen
Der Umgang mit Maduro reiht sich ein in eine Serie vergleichbarer Beziehungen. Zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges pflegte Erdoğan ein enges Verhältnis zu Baschar al-Assad, sprach von gemeinsamen Urlauben und strategischer Partnerschaft. Wenige Jahre später wurde Assad zum Erzfeind. Ähnlich verhielt es sich mit Muammar al-Gaddafi in Libyen, mit dem Ankara lange wirtschaftlich eng verflochten war, bis sich die politische Lage änderte. Auch Mursi in Ägypten wurde nach seinem Sturz zwar rhetorisch verteidigt, spielte aber faktisch keine Rolle mehr in der türkischen Außenpolitik.
Diese Beispiele zeigen, dass Erdoğan persönliche Loyalität nie über nationale Interessen stellt. Beziehungen sind Mittel, keine Verpflichtung. Genau vor diesem Hintergrund wirkt die jetzige Zurückhaltung gegenüber Maduro nicht so überraschend, sondern eher folgerichtig.
Die Doppelspur von Ankara und die Rolle Bahçelis
Während Erdoğan international auf Zurückhaltung setzt, übernimmt sein Koalitionspartner Devlet Bahçeli die Konfrontation. Der MHP-Chef hat die USA offen verurteilt und die Verhaftung Maduros mit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 in der Türkei verglichen. Damit unterstellt er implizit, dass Washington hinter beiden Ereignissen stehe. Diese Parallele ist bewusst gewählt. Sie verankert das Geschehen in Venezuela im türkischen Trauma von 2016 und bedient ein weit verbreitetes Misstrauen gegenüber den USA.
Diese Rollenverteilung ist politisch kalkuliert. Bahçeli spricht für das innenpolitische Publikum, emotional, anklagend, maximal zugespitzt. Erdoğan hingegen bleibt der Akteur der externen Kommunikation. Er kritisiert abstrakt die Verletzung von Souveränität und internationalem Recht, vermeidet aber jede direkte Konfrontation mit Washington und jede explizite Solidarisierung mit Maduro. So bleibt die Türkei außenpolitisch flexibel.
Venezuela, Drogenrouten und unangenehme Nähe
Ein Grund für diese Vorsicht liegt in einem besonders sensiblen Themenfeld. Seit Jahren gibt es Berichte, Analysen und öffentliche Vorwürfe über neue Drogenrouten von Südamerika in Richtung Europa, bei denen Venezuela eine zentrale Rolle spielen soll und die Türkei als möglicher Transitpunkt genannt wird. In diesem Zusammenhang sind auch Namen gefallen, die politisch brisant sind. Der Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım, Erkam Yıldırım, wurde öffentlich mit Reisen nach Venezuela in Verbindung gebracht, die von Kritikern als auffällig bezeichnet wurden. Diese Vorwürfe sind nicht rechtskräftig belegt, gehören aber zum öffentlichen Diskurs und erklären, warum jede zusätzliche Aufmerksamkeit auf Venezuela für Ankara riskant sein könnte.
Sollten im Zuge eines US-Verfahrens gegen Maduro weitere Details zu internationalen Netzwerken, Lieferketten oder politischen Schutzräumen bekannt werden, könnte das auch frühere politische Nähe in ein neues Licht rücken. Die Distanzierung erscheint damit nicht nur politisch, sondern auch präventiv motiviert.
Ein Schweigen mit Bedeutung
Erdoğans Schweigen ist daher kein Ausdruck von Gleichgültigkeit und auch kein plötzlicher Werteverlust. Es ist Ausdruck eines pragmatischen Machtverständnisses. Die Türkei schützt in dieser Situation nicht Maduro, sondern ihre eigenen Handlungsspielräume. Die lauten Worte überlässt sie anderen. Die Entscheidungen trifft Erdoğan selbst – leise, kalkuliert und anschlussfähig an westliche Interessen.
Gerade deshalb wird die frühere Rhetorik nun zum Problem. Wer Außenpolitik über persönliche Loyalitäten emotional auflädt, muss damit rechnen, später an diesen Worten gemessen zu werden. „Maduro, mein Bruder“ war nie ein dauerhaftes Bündnis. Es war ein politisches Signal – und Signale lassen sich zurücknehmen, sobald sie gefährlich werden.


