Regierungskritische Gezi-Proteste hatten sich an der geplanten Zerstörung des Gezi-Parks am Taksim-Platz entzündet und weiteten sich zu landesweiten Protesten gegen den damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan aus. Foto: İletişim Başkanlığı

Neun Jahre nach Beginn der Gezi-Proteste in der Türkei hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Teilnehmer verunglimpft. „Die sind krank, das sind Flittchen“, sagte er im türkischen Parlament. 

Erdoğan bezog sich dabei auf einen angeblichen und nicht bestätigten Vorfall, bei dem Demonstrierende Bierflaschen in eine Moschee gebracht hätten. Bei Demonstrationen zum Jahrestag der Proteste wurden zahlreiche Menschen festgenommen. Allein in Istanbul seien 169 Menschen in Gewahrsam genommen worden, sagte Anwältin Ezgi Önalan.

Sie warf der Polizei vor, „unrechtmäßig“ gehandelt und Tränengas gegen die Protestierenden eingesetzt zu haben. Auf der Polizeistation würden vier der Demonstrierenden weiterhin festgehalten. Önalan zufolge seien diese dort geschlagen worden.

„Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“

Bei den Protesten riefen kleinere Gruppierungen in der Nähe des Taksim-Platzes in Istanbul den Slogan „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“. Dieser war auch 2013 populär geworden. Die Polizei unterband die Proteste teilweise brutal, wie eine dpa-Reporterin berichtete.

Auch in zahlreichen anderen Städten gingen Menschen auf die Straße. Ende Mai 2013 hatten die Gezi-Proteste am Istanbuler Taksim-Platz ihren Ausgang genommen. Sie richteten sich ursprünglich gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Areal des Gezi-Parks am Taksim, arteten danach aber aus. Es mischten sich auch Extremisten unter die Protestierenden.

Landesweite Proteste gegen Erdoğan

Die Demonstrationen weiteten sich zu landesweiten Protesten gegen den damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan aus. Die Regierung ließ sie brutal niederschlagen. Acht Menschen starben. Zahlreiche Menschen sitzen wegen der Teilnahme an den Protesten in türkischen Gefängnissen.


In den sozialen Medien wurde der Präsident, der für seine rüde Sprache vor allem gegen seine Kritiker bekannt ist, für seine jüngsten Bemerkungen gerügt. Ein User schrieb etwa, dass Erdoğan selbst regelmäßig gegen Beleidigungen vorgehe und erfolgreich Anzeige erstatte, aber im umgekehrten Fall, also wenn der Präsident Teile des Volkes beleidige, nichts geschehe.

dpa/dtj