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Gewalt gegen Frauen in der Türkei: Zahl ungeklärter Todesfälle steigt von Jahr zu Jahr

  • Juni 29, 2026
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Gewalt gegen Frauen in der Türkei: Zahl ungeklärter Todesfälle steigt von Jahr zu Jahr

Frauenrechtsorganisationen in der Türkei warnen vor einer anhaltend hohen Zahl von Femiziden und ungeklärten Todesfällen von Frauen. Allein 2025 wurden bereits hunderte verdächtige Fälle registriert. Besonders häufig ereignen sich die Taten im familiären Umfeld, während Kritiker Defizite bei Ermittlungen und Strafverfolgung beklagen.

In der Türkei bleibt die Zahl der nachgewiesenen oder zumindest vermuteten Femizide besorgniserregend hoch. Allein im Jahr 2025 wurden in der Türkei 591 unnatürliche Todesfälle von Frauen gezählt. In 297 davon lagen jedenfalls verdächtige Umstände vor und eine Fremdeinwirkung konnte nicht ausgeschlossen werden.

Der Trend setzt sich fort. Die Plattform „Kadın Cinayetlerini Durduracağız“ meldet allein für April dieses Jahres 26 nachgewiesene Tötungsdelikte an Frauen. In zehn Fällen war der eigene Ehemann tatverdächtig, in zwei Fällen der derzeitige Partner und in weiteren Fällen der Vater, der Sohn oder ein Verwandter. In den übrigen Fällen konnten Beziehungen nicht zugeordnet werden. Der Tatort in 18 der Fälle war das eigene Zuhause.

Zahl der Femizide stetig angestiegen – Dunkelziffer bleibt hoch

Die Auslöser für die Tötungsdelikte waren unterschiedlich. Sie reichten von persönlichen Lebensentscheidungen über mögliche „Ehrenmorde“ bis hin zur Weigerung, eine Schwangerschaft zu beenden. In 20 Fällen ist ein mögliches Motiv noch unklar. In einem Fall soll eine nicht zubereitete Mahlzeit der Auslöser gewesen sein. Dazu kommen dem Monatsbericht zufolge noch offene Fragen bezüglich der Hintergründe.

Darüber hinaus habe es 23 Todesfälle „unter verdächtigen Umständen“ gegeben, und deren Anzahl wird zunehmend höher. Im Jahr 2017 hatte es nach Angaben von Frauenrechtsorganisationen in der Türkei 134 nachgewiesene Femizide gegeben – in den Jahren darauf blieb diese Zahl im Bereich jenseits der 100. Seit der Corona-Zeit ist sie angestiegen, im Jahr 2021 auf 217, ein Jahr darauf auf 245, 2023 auf 248.

Als auffällig erscheint auch die wachsende Anzahl der Todesstürze. Allein im Vorjahr waren diese in 52 Fällen die Todesursache. Beobachter glauben auch hier nicht an Zufälle. Vielmehr gelten sie als zunehmend bevorzugte Methode für gebildetere Schichten, Frauen vorzeitig loszuwerden.

Ehrgeiz von Beamten entscheidet häufig über Schicksal von Ermittlungen

In vielen Fällen lassen sich die Fensterstürze den Ermittlungsbehörden als Unfälle oder Suizide verkaufen. Dann kommt es auch auf die Motivation der Polizeibeamten, Spurensicherer und Staatsanwälte an, potenziellen Ungereimtheiten nachzugehen. In Fällen, in denen Angehörige behaupten, die Verstorbene habe Depressionen oder Probleme mit Alkohol oder Drogen gehabt, werden Ermittlungen häufig schnell eingestellt.

Aber auch dort, wo ein Tötungsdelikt nachgewiesen werden kann, bestrafen Gerichte diese bisweilen milde. Zur Begründung heißt es dann häufig, dass unkontrollierte Leidenschaft eine Rolle gespielt habe und diese anders zu bewerten sei als ein vorgefasster Tötungsvorsatz.

Ein weiteres Problem ist auch nachlässiger Umgang mit Beweismitteln oder verspätete Verständigung der Polizeibehörden. So wäre es gesetzlich eigentlich vorgeschrieben, diese in Kenntnis zu setzen, wenn Studentinnen nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihre Schlafsäle zurückgekehrt seien. In einigen Fällen sei dies versäumt worden. Plattformen wie „Kadın Cinayetlerini Durduracağız“ berichten allerdings auch von Vorfällen, die mit verdächtigen Todesstürzen aus Studentenheimen in Verbindung stehen – und wo sich männliche Personen entgegen den Hausordnungen im Vorfeld in Tatortnähe aufgehalten hätten.

Fall Gülistan Doku – Gerechtigkeit nach sechs Jahren?

Nur in seltenen Fällen hat das Nachhaken durch Angehörige oder Bekannte Erfolg – wie im Fall der Studentin Gülistan Doku, die am 5. Januar 2020 in Tunceli verschwunden war. Sechs Jahre später verhaftete die dortige Polizei 13 Verdächtige in sieben Provinzen und behandelt den Fall mittlerweile als organisiertes Tötungsdelikt.

Die Tatvorwürfe gegen die Verdächtigen lauten auf Mord, Beweisvernichtung, Zerstörung von Daten und Missbrauch öffentlichen Einflusses. Zu den mutmaßlich in die Tat involvierten Personen gehört unter anderem der Sohn des Gouverneurs von Tunceli, Tuncay Sonel. Dieser steht im Verdacht, an der Vertuschung der Tat beteiligt gewesen zu sein.

Einem Bericht der „Hürriyet“ zufolge wurde im Vorjahr auch 1.103 Frauen die Möglichkeit eingeräumt, einen Identitätswechsel zu vollziehen. Wie in einem Zeugenschutzprogramm werden diese dann mit einem neuen Namen, neuen Wohnort, neuen Jobreferenzen und Zeugnissen für ihre Kinder ausgestattet – um damit angesichts einer ernsten Bedrohungslage mit ihren alten Leben brechen zu können. In einigen Fällen kamen potenzielle Angreifer hinter diese Veranlassung, sodass ein neuerlicher Identitätswechsel vollzogen werden musste.

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