Ein Frachtschiff auf dem Ozean. Foto: Rinson Chory / Unsplash

Internationale Sanktionen verbieten den Handel mit Russland. Davon profitiert die Türkei. Sie setzt die Beschränkungen nicht um – und wird damit zum Umschlagplatz russischer Waren.

Recep Tayyip Erdoğan ist Dauergast in Russland. Kein anderer NATO-Staatschef ist in den vergangenen Jahren so oft nach Russland gereist wie der türkische Präsident. Westliche Regierungen beobachten das genau. Ein Treffen vom August diesen Jahres nahmen sie besonders in den Fokus.

Erdoğans damalige Visite in Sotschi war bereits die achte Aufwartung seit 2019. Wie immer saßen die beiden zunehmend autokratischer regierenden Staatschefs breitbeinig vor ihren Flaggen und plauderten über dies und das. Viel wichtiger war, was am Rande des Treffens geschah. Hinter den Kulissen unterzeichneten nämlich der türkische Handelsminister Mehmet Muş und der stellvertretende russische Premierminister Michail Mischustin ein Abkommen zum bilateralen Handel.

Türkei will Handelsvolumen mit Russland ausbauen

Was sonst nur eine diplomatische Fußnote gewesen wäre, ist in Zeiten des Krieges Grund zur Beunruhigung. Über das Dokument, das als Fahrplan für den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen bezeichnet wurde, ist wenig bekannt. Die Türkei wollte dazu keine Details nennen.

Sichere Häfen: Warum Dutzende russische Jachten in der Türkei ankern

Dass Erdoğan nach seiner Rückkehr ergänzte, man wolle das Handelsvolumen mit Russland auf 100 Milliarden US-Dollar ausweiten, sorgt indes für umso mehr Besorgnis unter westlichen Regierungen. Denn der türkische Präsident scheint völlig zu ignorieren, dass zwischen der Türkei und der EU eine Zollunion besteht – und die EU Moskau seit Beginn des Krieges scharf sanktioniert.

Hauptumschlagplatz für Warenverkehr von und nach Russland

In europäischen Hauptstädten wächst deswegen die Sorge, Russland könne mit Hilfe der Türkei diese Sanktionen aushebeln. Und die Furcht ist berechtigt, wie jüngste Entwicklungen zeigen. In der Türkei ist seit Kurzem das russische Amazon-Äquivalent Ozon aktiv. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Türkische Transportfirmen schließen nämlich nach und nach das Vakuum, dass westliche Reedereien sowie große Speditionsunternehmen, die den Verkehr nach Russland weitgehend eingestellt haben, hinterließen. Die Türkei wird so zum Hauptumschlagplatz für den Warenverkehr von und nach Russland.

Erdoğan ist auf Putin angewiesen

Und das funktioniert so: In türkischen Häfen werden Güter auf türkische Schiffe umgeladen, um sie dann in die russischen Schwarzmeerhäfen zu bringen. Andere Güterladungen werden auf dem Landweg per LKW über Georgien nach Russland gebracht. Güterexporte und Importe von und nach Russland hätten sich seit August nahezu verdoppelt.

Landtransporte über Georgien seien um bis zu 30 Prozent gestiegen, heißt es aus der Europäischen Kommission in Brüssel. Auch das Luftfrachtgeschäft boomt. Mehrmals täglich fliegt Turkish Airlines – ungeachtet der Sanktionen des Westens – von Istanbul nach Russland.

Russland und die Türkei: Es ist kompliziert

Warum lässt sich Ankara darauf ein? Zum einen hat das ökonomische Gründe. Kapital aus dem Ausland ist für die kriselnde türkische Wirtschaft Gold wert. Außerdem ist Russland als Gas- und Öllieferant wichtig. Hinzu kommt: Der russische Staatskonzern Rosatom baut auch das erste Atomkraftwerk der Türkei.

Militärische Zusammenarbeit zwischen Türkei und Russland?

Zum anderen spielen militärische Faktoren eine Rolle. Im Jahr vor der Präsidentschaftswahl setzt Erdoğan auf die Strategie der harten Hand – gerade gegenüber der PKK und der YPG. Bei seinen Plänen für eine weitere Militäroperation in Nordsyrien ist er auf Putin angewiesen. Russland ist die wichtigste Schutzmacht Syriens und hat die Lufthoheit im Land.

Apropos Lufthoheit: Ein weiteres Detail des August-Treffens beunruhigt den Westen. Russland zeigt türkischen Angaben zufolge nach wie vor Interesse an türkischen Kampfdrohnen des Typs Bayraktar TB2. Die Ukraine setzt sie bereits erfolgreich gegen die russischen Invasoren ein. Ob Erdoğan diese rote Linie überschreitet, ist fraglich. Der Westen wird das genau beobachten.