„Islamogauchisme“: Wie der Cicero mit einem Begriff Stimmung macht
Was das Cicero Magazin in seiner März-Ausgabe unter dem Schlagwort „Islamogauchisme“ verhandelt, wirkt auf den ersten Blick wie eine tiefgründige Analyse. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich jedoch etwas anderes: ein Deutungsrahmen, der weniger erklärt als lenkt.
„Islamogauchisme“ ist ein politischer Kampfbegriff, der ursprünglich aus Frankreich stammt und sich aus „Islam“ und „Gauchisme“ (auf Deutsch: radikale Linke oder Linksextremismus) zusammensetzt. Gemeint ist damit die Behauptung, es gebe eine ideologische oder strategische Nähe zwischen linken politischen Akteuren und islamistischen Strömungen – etwa in Fragen von Antirassismus, Minderheitenschutz oder Kritik an westlicher Politik.
Kritiker halten den Begriff für analytisch unscharf und vor allem für ein rhetorisches Instrument, das unterschiedliche Positionen pauschal miteinander verknüpft – und so ein vereinfachtes Bedrohungsbild erzeugt. Ebenso gliedert sich der Begriff problemlos in den rechtspopulistischen Ruck in Deutschland und auf der ganzen Welt ein und passt zur aktuellen Konjunktur.
Muslime schon wieder in der Framing-Falle – bekannte Namen ganz vorne mit dabei
Ein Begriff wird also eingeführt, der zwei ohnehin aufgeladene Projektionsflächen miteinander verschränkt – „Islam“ und „Linke“. Gemeint ist hier aber keinesfalls nur die Linke als Partei, sondern auch die SPD und die Grünen. Was daraus entsteht, ist kein differenziertes Verständnis gesellschaftlicher Realität, sondern ein politisches Bild, das Komplexität reduziert und Emotionalität verstärkt. Mit anderen Worten: Hier wird ein Frame gesetzt.
Ein Blick auf die beteiligten Stimmen offenbart schnell, dass hier kein breites Meinungsspektrum abgebildet wird. Mit Ahmad Mansour, Susanne Schröter, Ali Ertan Toprak und Seyran Ateş kommen nahezu ausschließlich Akteure zu Wort, die seit Jahren eine klar umrissene Linie in der Islamdebatte vertreten. Sie kritisieren die für die Muslime wichtigen Moscheeverbände pauschal, fordern extreme Reformen, die bei der absoluten Mehrheit der Muslime in Deutschland nicht auf Zuspruch treffen und beschwören Gefahren für Liberale, die in dieser Form nicht der Wahrheit entsprechen.
Solche homogenen Kreise in Szene zu setzen und als Meinungsmacher zu positionieren, ist in Deutschland im Grunde nicht neu. Und das ist auch legitim – aber es ist keine Vielfalt. Wo ähnliche Positionen einander bestätigen, entsteht kein offener Diskurs, sondern ein Resonanzraum, in dem sich Argumente gegenseitig verstärken, statt hinterfragt zu werden. Und die Art der Ausspielung inklusive des Covers des Cicero-Magazins bestätigen eher ein Kampagnen-artiges Vorgehen als gesellschaftskritischen Journalismus.
Wenn Inhalte orchestriert wirken
Auffällig wird die Dynamik dort, wo sich die Inhalte über verschiedene Kanäle hinweg verdichten. Artikel, Podcasts und Social-Media-Beiträge greifen ineinander und reproduzieren ähnliche Narrative. Begriffe wie „Unterwanderung“, „Strategie“ oder „Demographie“ tauchen wiederkehrend auf und prägen die Tonlage der gesamten Reihe.
Besonders sichtbar wird das im Fall von Sascha Adamek. Ein neu angelegter Social-Media-Account mit wenigen Beiträgen, der thematisch fast ausschließlich diese Inhalte transportiert, ergänzt die publizistische Reihe um eine digitale Verlängerung. Die Clips greifen zentrale Motive auf: die Vorstellung eines „politischen Islam“, strategische Bevölkerungsentwicklungen oder eine angebliche langfristige Einflussnahme auf politische Prozesse.
Auch die Collab-Funktion wirkt hier nicht zufällig: Inhalte werden sichtbar gemeinsam ausgespielt und in verschiedene Communities getragen. Das ist kein Beweis für Absprachen – aber ein Hinweis auf strategische Verstärkung.
Sarrazin wieder im Echo
Hinzu kommt eine inhaltliche Zuspitzung, die an bekannte Narrative anknüpft. Wenn in diesem Kontext Formulierungen fallen, die an das von Thilo Sarrazin geprägte „Deutschland schafft sich ab“ erinnern, wird deutlich, wie stark hier auf bereits etablierte Angstbilder zurückgegriffen wird.
Solche Verkürzungen erscheinen eher wie eine bloße Wiederholung als eine fundierte Analyse. Sie greifen bekannte Schlagworte auf, statt neue Erkenntnisse zu liefern – und verlieren dadurch an inhaltlicher Substanz. In der Gesamtschau entsteht der Eindruck einer Kommunikation, bei der Inhalte nicht nur veröffentlicht, sondern gezielt verstärkt werden.
Der Sound der Zuspitzung
Gemeinsam ist diesen Beiträgen weniger ihre analytische Tiefe als vielmehr die Art ihrer sprachlichen Gestaltung. Begriffe wie „Unterwanderung“, „Strategie der Islamisten“ oder „Demographie als Machtinstrument“ sind keine neutralen Beschreibungen. Sie erzeugen Bilder.
Sie verdichten komplexe gesellschaftliche Entwicklungen zu klaren Bedrohungsszenarien und verleihen ihnen eine emotionale Wucht, die weit über die Faktenlage hinausgeht. Sprache ist dabei nicht nur Mittel der Beschreibung, sondern Instrument der Wirkung. Adamek zum Beispiel schürt konkret Angst, indem er behauptet, die Akteure des politischen Islam würden auf eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung in Deutschland setzen und dafür bereits heute die Systeme unterwandern.
Ein historisch vertrautes Muster aus Zeiten Martin Luthers
Diese Form der Zuspitzung folgt einem Muster, das in Europa tief verankert ist. Schon Martin Luther warnte vor einem äußeren Feind, der Europa bedrohe – damals waren es die Osmanen. Luther sah in Sultan Mehmed, den Eroberer von Istanbul, den „Antichristen“. Zwar differenzierte er in seiner eschatologischen Sichtweise zwischen dem Papst, als den inneren, geistlichen Antichristen innerhalb der Kirche und den Sultan als den äußeren, physischen Antichristen, der die Christenheit direkt bedrohe. In Adameks Worten wird dieser lutheranische Geist spürbar, der in Luthers sogenannten „Türkenschriften“ nachzulesen ist.
Heute sind es zwar keine militärischen Bedrohungen mehr, sondern Erzählungen über Migration, Religion und gesellschaftlichen Wandel. Die Analogie ist klar: Je mehr Muslime nach Deutschland kommen, oder Kinder muslimischer Familien in Deutschland das Licht der Welt erblicken, desto bedrohter sind die nicht-muslimischen Deutschen. Die Mechanik bleibt ähnlich: Komplexität wird reduziert, Vielfalt wird zur Gefahr umgedeutet.
Was im Schatten dieser Debatte verschwindet
In dieser Form der Darstellung gerät der Alltag aus dem Blick. Die allermeisten Muslime in Deutschland erscheinen kaum als das, was sie sind: Teil dieser Gesellschaft. Unproblematisch, existenziell wichtig für das Fortbestehen der kritischen Infrastruktur. Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, Biografien und Perspektiven. Stattdessen werden sie häufig im Kontext von Sicherheitsdebatten verortet.
Dabei zeigen zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien ein differenzierteres Bild: Moscheegemeinden und islamische Verbände übernehmen vielfach soziale Funktionen, die weit über religiöse Praxis hinausgehen. Sie bieten Orientierung, Gemeinschaft und Unterstützung – insbesondere für junge Menschen. In vielen Städten wirken sie stabilisierend, fördern Integration und leisten einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Davon profitiert nicht nur die muslimische Community, sondern die Gesellschaft insgesamt.
Ein (Kampf-)Begriff mit politischer Funktion
Diese Realität findet in dieser zugespitzten Kampagne des Cicero kaum statt. Zudem wird hier ein Begriff genutzt, der sich gut als neuer Kampfbegriff eignet: „Islamogauchisme“ – kein neutraler Analysebegriff, denn er erfüllt eine Funktion. Er bündelt diffuse Ängste, stellt Zusammenhänge her, die so pauschal nicht belegt sind und schafft eine klare Angriffsfläche: Muslime und linke politische Parteien. In einer Phase des zunehmenden Rechtsrucks in Deutschland liegt genau darin seine Wirksamkeit.



