Das Zeytinli Rock-Festival bringt jedes Jahr tausende Menschen zusammen. Es wurde in diesem Jahr ebenfalls abgesagt. Foto: Zeytinli Rock Festival

Der türkischen Popsängerin Gülşen drohen bis zu drei Jahre Haft, weil sie religiöse Gefühle verletzt haben soll. Der Fall wirft ein Licht auf türkische Künstler und Konzertbetreiber, die zunehmend willkürlichen Absagen ausgesetzt sind.

Die türkische Popsängerin Gülşen wollte nach eigenem Bekunden nur einen Scherz machen. Dass ihr wegen einer flapsigen Bemerkung bis zu drei Jahre Haft „wegen Volksverhetzung“ drohen, hätte sie damals nicht gedacht. Bei einem Konzert sagte die Sängerin, die „Perversität“ eines Bandkollegen sei auf dessen Zeit an einer Imam-Hatip-Schule zurückzuführen.

Ein sensibler Bereich für einen Scherz. Denn die religiösen Bildungseinrichtungen sind eines der Lieblingsprojekte der türkischen Regierung und werden stark gefördert – auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan erhielt dort seine Ausbildung. Seit gestern muss sich die Künstlerin vor Gericht verantworten.

Gülşen als Dorn im Auge der Konservativen

Gülşen war bereits vor der Kontroverse den religiösen und regierungsnahen Kräften ein Dorn im Auge. Die 46-Jährige ist bekannt für ihre schrillen Auftritte, bei denen sie sich oft auch leicht bekleidet und mit ausgefallenen Outfits zeigt. Außerdem drückte sie offen ihre Solidarität mit der LGBT-Community aus.

Die Regierung des türkischen Präsidenten hingegen ist bekannt für eine feindliche Haltung gegenüber der Szene. Das Staatsoberhaupt behauptete zuletzt, dass sie die Familienstruktur degeneriere und ein „Projekt“ des Auslands sei – daher wolle er ihren Einfluss zurückdrängen.

Auch Stars von willkürlichen Absagen betroffen

Auch die Popsängerin Aleyna Tilki zeigte sich solidarisch mit der LGBT-Szene, weil auf einer Demonstration in Istanbul vor den Gefahren durch Homosexualität für Kinder und die Gesellschaft gewarnt wurde. Die 22-Jährige kritisierte mit einem Tweet die homophobe Aktion. Kurz danach wurde ihr Konzert Ende September abgesagt.

Ihre Äußerungen seien nicht „mit unserer Kultur vereinbar“ und hätten Betroffenheit in der Bevölkerung ausgelöst, hieß es von den Behörden. Viele weitere Konzerte waren von willkürlichen Konzertabsagen, einer regelrechten „Cancel Culture“, in den vergangenen Monaten betroffen.

Ultrakonservative Jugendverbände

Die Sängerin Melek Mosso etwa wurde im Juni auf dem Internationalen Isparta Gül Festival ausgeladen, weil ultrakonservative Jugendverbände erklärten, dass Mosso Unmoral fördere. Die Künstlerin hatte sich in der Vergangenheit für Frauenrechte eingesetzt. Ebenfalls betroffen: das Konzert der Band Zakkum, das für September in Şanlıurfa angesetzt war.

Es wurde abgesagt, weil Vertreter von religiösen Vereinen aufgrund des Bandnamens Bedenken hatten. Bei Zakkum – zu Deutsch Oleander – handele es sich um eine Pflanze aus der Hölle. Dies sei in einer Stadt wie Şanlıurfa, die Verbindungen zu vielen Propheten aufweise, nicht angemessen.

Ganze Festivals abgesagt

Erst nach einer Empörungswelle gaben die Behörden nach, das Konzert konnte doch über die Bühne gehen. Nicht nur einzelne Künstler, sondern gleich ganze Festivals wurden diesen Sommer reihenweise „gecancelt“. Viele Absagen wurden offiziell damit begründet, dass es Sicherheitsbedenken gebe.

Der Vorsitzende des türkischen Berufsverbands für Musiker Mesam, Recep Ergül, hingegen hält die zahlreichen Verbote von beliebten Festivals für einen Versuch, Gesellschaft und Kultur nach den Belieben der türkischen Machthaber zu formen. „Wir wissen, dass einige religiöse Gruppen mobilisieren und Beschwerden bei den örtlichen Behörden einreichen, um Festivalverbote durchzusetzen.“

İsmailağa-Gemeinde macht Druck

Viele Gouverneure und Bürgermeister würden diesen religiösen Gruppen dann nachgeben. In den türkischen Medien sind zahlreiche Berichte darüber erschienen, dass sich besonders die strengreligiöse, antimodernistische İsmailağa-Gemeinde an ausgelassenen Musikveranstaltungen störe und daher die türkische Regierung unter Druck setze.

Der Einfluss besonders dieser religiösen Gruppierung steige rapide. Laut der Tageszeitung „Cumhuriyet“ etwa ist es im August zu Treffen zwischen der İsmailağa-Führung und Innenminister Süleyman Soylu sowie mit Justizminister Bekir Bozdağ gekommen.

„Verbote werden immer nach hinten losgehen“

Ergül führt die zahlreichen Festivalverbote in diesem Jahr auch auf die für Juni 2023 angesetzten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen zurück. Er rechne mit einer weiteren Verschärfung im Vorfeld der Wahlen. Denn die Behörden versuchten die Jugend oder Generation Z – diejenigen also, die sich für solche Konzerte interessieren und mit Erdoğan wenig anfangen könnten – unter Kontrolle zu bringen.

Viele junge Türkinnen und Türken dieser sogenannten Generation Z gehen nächstes Jahr zum ersten Mal an die Wahlurne. Umfragen zufolge steht diese Altersgruppe der türkischen Regierung eher kritisch gegenüber. Die Zensur-Politik in der Musikwelt wird laut Ergül jedoch gar nichts ändern. „Solche Verbote werden immer nach hinten losgehen. Musiker wie Melek Mosso oder Gülşen ins Visier zu nehmen, hat in letzter Zeit nur dazu beigetragen, ihre Popularität zu steigern. Es war im Grunde eine gute PR-Kampagne für sie.“

dpa/dtj