Recep Tayyip Erdoğan (r.), Staatspräsident der Türkei, hält zusammen mit Fußballspieler Mesut Özil ein Trikot des Fußballers in die Kamera. Foto: -/Pool Presdential Press Service/AP/dpa

Mesut Özil ist eigentlich längst kein Teil der deutschen Nationalmannschaft und daher nicht bei der WM dabei. Irgendwie aber doch: Denn Zuschauer in Katar nutzen Bilder des Ex-Nationalspielers zur Kritik am Deutschen Fußball-Bund.

Özil als jubelnder Nationalspieler, Özil als zwinkernde Porträtzeichnung. Plötzlich und überraschend spielte der 34 Jahre Ex-Weltmeister beim deutschen Hoffnungsspiel gegen Spanien am Sonntag eine größere Rolle.

Als Zeichen des Protests klar erkennbar gegen den DFB und einer katarischen Medienwertung zufolge auch gegen „westliche Doppelmoral“ hielten Zuschauer das Kon­ter­fei des dem Deutschen Fußball-Bund in tiefer Abneigung verbundenen Weltmeisters von 2014 in die Höhe. Einige hielten sich zudem die Hand vor den Mund.

Aktion auf Anweisung?

Die Bilder in verschiedenen Größen waren Teil einer konzertierten Aktion – das legen allein Anzahl und Qualität nahe. Die „Bild“-Zeitung zitierte einen Stadionbesucher, der berichtete, die Poster hätten bei seiner Ankunft bereits auf den Sitzen gelegen. Dann sei die Anweisung gekommen, was damit zu tun sei.

Den Fotoaufnahmen aus dem Stadion ist zu entnehmen, dass es Menschen in verschiedenen Outfits waren, die nicht zwingend zu einer geschlossenen Gruppe gehörten. Der Fußball-Weltverband FIFA beschäftigte sich zunächst nicht mit den Bildern, die für Aufsehen sorgten, aber keinen Einfluss auf den Spielverlauf zum 1:1-Endstand hatten.

Reaktion auf die „One Love“-Kapitänsbinde

Die deutschen Nationalspieler hatten sich beim Mannschaftsfoto vor dem ersten Gruppenspiel gegen Japan (1:2) demonstrativ die Hand vor den Mund gehalten. Das war ein klarer Protest als Reaktion auf das Verbot der „One Love“-Kapitänsbinde durch die FIFA.

Die Binde könne verboten werden, das Team lasse sich in Menschenrechtsfragen aber nicht den Mund verbieten, so die Lesart. „One Love“ soll ein Symbol für Vielfalt und Meinungsfreiheit sein. Besonders im streng islamischen Katar war die Geste der DFB-Auswahl auch kritisiert worden.

Fehler bei Meinungsfreiheit?

Der derzeit verletzte Mittelfeldspieler, aktuell bei Istanbul Başakşehir unter Vertrag, war wenig überraschend nicht in die Aktion involviert. Er war nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 geräuschvoll aus der Nationalmannschaft zurückgetreten und hatte dem DFB dabei unter anderem Rassismus vorgeworfen.

Ausgangspunkt der für den Verband unrühmlichen Episoden waren die Fotos von Özil und Ilkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Eine Erklärung ist deshalb, dass die Zuschauer in Katar den DFB dafür kritisierten, damals beim Thema Meinungsfreiheit selbst Fehler gemacht zu haben.

Menschenrechts-Aktivisten lobten Özil

Entsprechend sei die Aktion gegen „westliche Doppelmoral“ gerichtet, wie die katarische Sendergruppe Al-Kass meinte. Eine andere Einordnung beruht darauf, dass Özil Ende 2019 dafür kritisiert worden war, dass er sich kritisch zur Unterdrückung der Uiguren in China geäußert hatte.

Mesut Özil: Noch Fußballer oder doch schon Unternehmer?

Verantwortlich war damals aber nicht der DFB, sondern Özils ehemaliger Verein, der FC Arsenal, der sich wohl auch aufgrund wirtschaftlicher Interessen in China umgehend von Özils Äußerungen distanziert hatte. Menschenrechts-Aktivisten lobten Özil ausdrücklich für dessen Worte.

Gündoğan: „Muslimische Community ist stolz“

In diesem Zusammenhang ist die Zuschauergeste in Katar so zu lesen, dass Özil zu dieser Zeit der Mund verboten worden sei. Gefragt wurde nach dem Spiel, das der DFB-Auswahl die realistische Chance auf die K.o.-Runde offen ließ, auch Gündoğan. Der 32-Jährige wollte sich nicht konkret zur Plakataktion äußern.

Grundsätzlich sagte der Mittelfeldspieler nur, dass es nicht mehr um Politik gehen solle. „Katar ist sehr stolz, die WM auszurichten. Die erste in einem islamischen Land. Ich komme aus einer muslimischen Familie, die muslimische Community ist stolz“, sagte er. Jetzt gehe es darum, den Fußball zu feiern.

dpa/dtj