Archivfoto: Zwei Brüder sollen ihre geschiedene Schwester ermordet haben, weil deren Lebenswandel nicht ihren Moralvorstellungen entsprochen habe. Die Leiche der Frau soll in einem Rollkoffer per Taxi zum Bahnhof Berlin-Südkreuz transportiert und mit der Bahn nach Bayern gefahren worden sein. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Sie sollen ihre geschiedene Schwester ermordet haben, weil deren Leben nicht ihren Moralvorstellungen entsprochen habe. Die Leiche der Frau wurde verscharrt in Bayern gefunden. Nun kommen die Brüder in Berlin vor Gericht.

Eine zweifache Mutter aus Afghanistan soll von ihren Brüdern ermordet worden sein – wegen ihres Lebenswandels. Davon geht die Berliner Staatsanwaltschaft aus. Der Lebenswandel ihrer Schwester habe nicht „ihren archaischen Ehr- und Moralvorstellungen und ihrem Frauenbild“ entsprochen, erläuterte Behördensprecher Martin Steltner bei der Anklageerhebung. Der Fall war in die Schlagzeilen gekommen und hatte eine politische Debatte um den umstrittenen Begriff „Ehrenmord“ und die Integration von Flüchtlingen ausgelöst. An diesem Mittwoch (2. März) beginnt vor dem Berliner Landgericht der Mordprozess gegen die Brüder – für die Kinder des Opfers eine weitere Belastung.

Laut den Ermittlungen hatten die heute 27 und 23 Jahre alten Brüder ihre Schwester am 13. Juli 2021 unter einem Vorwand zu einem Treffen gelockt und getötet. Anschließend sollen die beiden Männer die Leiche der 34-Jährigen in einem Rollkoffer per Taxi zum Bahnhof Südkreuz transportiert haben und mit der Bahn nach Bayern gefahren sein. Der Anklage zufolge vergruben sie die Leiche dort in der Nähe des Wohnortes des Älteren.

Flüchtlinge aus Afghanistan

Gemeinsam mit der Polizei in Bayern gelang es den Berliner Ermittlern, die Männer zu fassen. Seit Anfang August vergangenen Jahres sitzen sie in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Mord aus niedrigen Beweggründen aus. Die Brüder – beide sind Flüchtlinge aus Afghanistan – hätten nicht hinnehmen wollen, dass ihre Schwester sich nach Gewaltvorfällen von ihrem Ehemann, mit dem sie als 16-Jährige verheiratet worden war, hatte scheiden lassen und sich einem anderen Mann zuwandte.

Die Kinder der getöteten Afghanin leben seitdem in einer Ausnahmesituation: die Mutter tot, der Vater ein Fremder, die Onkel im Gefängnis. Das Jugendamt hat sich der Geschwister angenommen und ihnen Rechtsanwalt Robert Weber an die Seite gestellt. Der Jurist, der auch Opferbeauftragter des Landes Berlin ist, wird den 14 Jahre alten Jungen und dessen zehnjährige Schwester als Nebenkläger in dem Prozess vertreten.

Große Belastung für die Kinder der Getöteten

„Ich bemühe mich, die beiden durch dieses Strafverfahren zu lotsen und die Belastung so gering wie möglich zu halten“, sagt Weber wenige Tage vor dem Prozessauftakt. Dazu gehöre, den Kindern zu erklären, was vor Gericht passiert. Aber es gilt auch, den Kindern zu erläutern, was über dieses Verfahren berichtet und außerhalb des Verhandlungssaales spekuliert wird. Vor allem der Ältere sei neugierig und nutze die sozialen Medien, schildert der Anwalt.

Die Geschwister selbst sollen nach Möglichkeit nicht im Gerichtssaal sein – auch nicht als Zeugen. „Sie haben die Gewissheit, dass sie jederzeit anrufen können, wenn Fragen auftauchen“, so Weber. Um den Kindern eine zusätzliche Belastung zu ersparen, wurden sie vorab bei einer Video-Vernehmung nahezu einen ganzen Tag lang befragt. Die angeklagten Brüder und deren Verteidiger nahmen von einem anderen Raum aus teil. Das Video könnte dann im Prozess gezeigt werden – und den Kindern eine weitere Belastung ersparen.

Brüder schweigen bislang

Nach bisheriger Einschätzung sieht die Verteidigung dafür gute Chancen. Ansonsten geht sie von einem „langen und konfliktreichen Prozess“ aus, wie Mirko Röder, Sprecher der Verteidigung des jüngeren Angeklagten, sagte. Aus seiner Sicht dürfte es angesichts der Beweislage schwierig sein, den Fall im Sinne der Anklage zu rekonstruieren.

Vor allem kritisiert die Verteidigung die Diskussion, nachdem die Staatsanwaltschaft den Fall öffentlich als einen Mord vermeintlich im Namen der Ehre eingestuft hatte. Dies sei ein klarer Fall von Vorverurteilung, so Röder. Die Brüder würden zunächst von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch machen, kündigte der Anwalt an.

Linke sehen keinen Ehrenmord

Berlins damalige Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) wandte sich damals gegen den „Ehrenmord“-Begriff und wollte lieber von „Femizid“ sprechen. Damit stieß sie bei anderen Parteien auf Kritik – auch bei der inzwischen Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Morde vermeintlich im Namen der Ehre erregten bereits in der Vergangenheit immer wieder deutschlandweit Aufsehen. In Berlin wurde 2005 die 23-jährige Deutsch-Türkin Hatun Sürücü von ihrem Bruder mit drei Schüssen getötet. Frauenrechtsorganisationen sprechen von zahlreichen derartigen Taten in jedem Jahr. Kritik gibt es auch an der unterschiedlichen Bewertung, wenn Täter oder Opfer keinen Migrationshintergrund haben; dann nämlich ist in den Medien oft die Rede von einem Familiendrama oder einer -tragödie.

Bislang hat der Vorsitzende Richter Thomas Groß bis zum 12. August 35 weitere Prozesstage geplant. Rund 50 Zeuginnen und Zeugen sowie sieben Sachverständige sind bisher benannt.

dpa/dtj