Nürnberg: Friedhofsschaffner lassen eine lebensgroße Figur in einem Leichentuch als Anschauungsobjekt für eine sarglose Bestattung in ein Grab auf dem Südfriedhof hinab. Foto: Daniel Löb/dpa

Fast alle Bundesländer erlauben Bestattungen ohne Sarg. Aber wie lässt man einen Leichnam im Tuch würdevoll ins Grab? Das soll ein Test in Nürnberg zeigen.

Zahlreiche Menschen versammeln sich vor dem frisch ausgehobenen Grab auf dem Nürnberger Südfriedhof. Dann öffnen die Friedhofsangestellten den Sarg und tragen den in ein weißes Tuch gehüllten Leichnam zum Grab. An langen Gurten lassen sie ihn vorsichtig hinab. Etliche der Zuschauenden machen mit ihren Handys Fotos, einige stehen diskutierend in Gruppen zusammen.

Bei der Bestattung handelt es sich nicht um eine echte, sondern nur um eine Demonstration. Im Leichentuch liegt ein Dummy, also eine menschengroße Puppe. Die Nürnberger Friedhofsverwaltung will an diesem Tag Vertretern muslimischer Gemeinden sowie Politikerinnen und Politikern zeigen, wie eine Tuchbestattung ablaufen könnte.

In Bayern erst seit vergangenem Jahr erlaubt

Vor allem müsse eine Möglichkeit gefunden werden, die Toten auf eine würdige Weise im Tuch in das Grab herabzulassen und sie korrekt Richtung Mekka auszurichten, sagt Leiter Armin Hoffmann. Bayern war im vergangenen Frühjahr eines der letzten Bundesländer, die die Sargpflicht aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen abgeschafft oder gelockert hatten.

Nur in Sachsen und Sachsen-Anhalt gilt sie noch. Beide Bundesländer arbeiten aber eigenen Angaben nach gerade an einer Gesetzesänderung. Die Lockerung der Sargpflicht richtet sich vor allem an Muslime, die ihre Verstorbenen in ein Leichentuch gehüllt beerdigen. Doch bisher wird die Bestattung ohne Sarg nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Bestatter nur wenig genutzt.

In Köln seit 2005 Usus

„Aktuell ist die sarglose Bestattung eine Nische“, sagt Generalsekretär Stefan Neuser. Diese sei trotz der Gesetzeslockerungen nicht überall möglich. Am Ende entscheide das jede Kommune selbst, da es auch auf die Bodenverhältnisse auf den Friedhöfen ankomme.

Auch die Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas spricht noch von einem Randphänomen, sieht jedoch eine deutlich steigende Tendenz. „Grundsätzlich finden solche Bestattungen dort statt, wo viele Muslime leben und wo es auch muslimische Grabfelder auf den Friedhöfen gibt – also eher in Großstädten“, erläutert Aeternitas-Experte Alexander Helbach.

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2021 waren fast die Hälfte der muslimischen Bestattungen sarglos

Während Nürnberg noch probt, haben Städte wie Köln und Berlin bereits jahrelange Erfahrungen mit Tuchbestattungen. In Köln ist das seit 2005 nach einem Antrag auf den muslimischen Grabfeldern auf zwei Friedhöfen möglich. „In etwa acht von zehn Fällen erfolgt hier die Beisetzung im Leinentuch“, sagt Sprecherin Nicole Trum.

Rund 1.100 Bestattungen ohne Sarg habe es schätzungsweise bisher in der nordrhein-westfälischen Großstadt gegeben. In Berlin gab es die erste sarglose Bestattung 2014. Auf vier Friedhöfen gibt es dafür nach Angaben der zuständigen Senatsverwaltung speziell für muslimische Bestattungen ausgewiesene Grabfelder.

Im vergangenen Jahr waren demnach 40 Prozent der muslimischen Bestattungen sarglos. „Auch innerhalb des islamisch geprägten Kulturkreises laufen Bestattungen oftmals unterschiedlich ab, insbesondere die Rituale am Grab betreffend”, erläutert Anette Vedder, Leiterin des Amtes für Friedhofswesen der Stadt Augsburg, die seit mehr als einem Jahr Bestattungen im Leichentuch ermöglicht.

Religionsattaché der Türkei froh

Zwischen 5,3 und 5,6 Millionen Muslime leben nach Berechnungen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Deutschland (Stand 2020). Um eine homogene Gruppe handelt es sich dabei jedoch nicht. Zwar stammen die meisten Muslime der Bamf-Studie zufolge nach wie vor aus der Türkei, doch gerade in den letzten Jahren sind auch viele aus den Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens zugewandert, vor allem aus Syrien.

Die sarglose Bestattung ist dem Zentralrat der Muslime zufolge zudem auch eine Generationenfrage. Man könne davon ausgehen, dass ältere Muslime mit Migrationshintergrund – also die Generation 70 plus – immer noch mehrheitlich in ihrem Geburtsland beigesetzt werden wollen, erläutert ein Sprecher.

Deren Kinder und Elternkinder hätten diesen Wunsch dagegen kaum noch. Nach der Probe-Bestattung in Nürnberg wollen die Beteiligten noch in der Trauerhalle diskutieren und über mögliche Verbesserungen sprechen. Fuat Gökçebay, der Religionsattaché des türkischen Generalkonsulats in Nürnberg, ist jedenfalls zufrieden. Es sei für die Muslime wichtig, ihre Angehörigen nach den religiösen Gepflogenheiten beerdigen zu können, meint er. „Das hilft der Integration. Die Menschen fühlen sich dadurch noch mehr Deutschland zugehörig.“

dpa/dtj