Emre Olur, Vertrauter von Sedat Peker, wurde jüngst verhaftet. Foto: Social Media

Der Zerfall der türkischen Lira, eine sinkende Wirtschaft, Korruption und wachsender Unmut in der türkischen Bevölkerung. Um diese Probleme muss sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im kommenden Jahr kümmern, wenn er erneut als Staatsoberhaupt gewählt werden will. Doch neben diesen aufgezählten Großbaustellen gibt es ein noch deutlich größeres Problem. Wie dringlich diese Angelegenheit für den Präsidenten ist, machte eine jüngste Festnahme deutlich.

Sedat Peker und Recep Tayyip Erdoğan waren einst verbündet. Heute stehen sie sich verfeindet gegenüber. Peker war viele Jahre ein Verfechter Erdoğans, bedrohte für ihn die türkische Opposition, sprach davon in ihrem Blut baden zu wollen. Für letztere Aussage entschuldigte er sich schließlich in einem seiner zehn Videobotschaften aus seinem Luxus-Exil in Dubai. Denn als es vor mehr als einem Jahr zum großen Bruch zwischen ihm und der AKP kam, verließ Peker die Türkei und gelang über Umwege in die von Erdoğan als verfeindet eingestuften Vereinigten Arabische Emirat. Der türkische Staatschef warf dem Golfstaat vor, den Putschversuch vom 15. Juli 2016 finanziell unterstützt zu haben. Doch heute sind die Beziehungen scheinbar wieder in einem arabisch-türkischen Frühling angelangt. Wie es dazu kam? Die Araber haben neben viel Geld und Erdöl ein anderes Objekt der Begierde in ihren Reihen. Sedat Peker höchstselbst.

Vereinigte Arabische Emirate sperren Sedat Peker ein

Vor knapp einem Jahr kam das zehnte und vorerst letzte Video von Sedat Peker auf YouTube raus. In insgesamt zehn Beiträgen rechnete Peker mit hochrangigen türkischen Regierungsmitgliedern, darunter dem Innenminister Süleyman Soylu, korrupten und regierungsnahen Geschäftsmännern wie Mehmet Cengiz, Nihat Özdemir, Yıldırım Demirören und Personen des Untergrunds wie Mehmet und Tolga Ağar ab. Solange wurde Peker dieses Spiel gewährt. Dieser hatte sich auf Rache eingeschworen, nachdem man in seiner Abwesenheit mit einem schwer bewaffneten Polizeiaufgebot sein Haus stürmte, in dem sich seine Frau und Kinder befanden. Doch als Peker in seinem zehnten Video seinen Blick allmählich auf Recep Tayyip Erdoğan richtete, wurde dem Spielchen ein Ende gesetzt. Um sein Leben zu sichern und Schlimmeres zu verhindern, wurde Peker das Ausstrahlen weiterer Videos verboten. Dies geschah nach einem spontanen Besuch Erdoğans in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Also dem Land, dass Erdoğan noch vor nicht all zu langer Zeit als Unterstützer des Putschversuchs beschimpfte.

Twitter-Strategie von Sedat Peker fruchtet

Hinzu kam, dass Peker nicht nur keine Videos veröffentlichen durfte. Er durfte auch keine Texte mehr twittern. So begann Peker ein Pseudonym zu nutzen und unterstützte die Debatte über seinen Sprecher Emre Olur. Dieser veröffentlichte hin und wieder direkte Botschaften von Peker und griff in Diskussionen ein, wenn sie in der Öffentlichkeit in eine falsche Richtung gelenkt wurden. Dies geschah in letzter Zeit in Albanien, da sich Olur im Balkanstaat befand. Eben dort wurde Olur am 18. September festgenommen und an die Türkei ausgeliefert und sitzt seither in türkischer Haft. Die Verhaftung ordnete ein Bereitschaftsgericht an. Diese werden bei Sonderfällen einberufen und wenn eine kurzfristige Entscheidung geboten ist. Bei seinem Verhör habe man Olur nach zehn Journalist:innen und Doğu Perinçek gefragt. In einem Twitter Space habe Perinçek behauptet, dass Peker Mitglied von FETÖ (abwertende Bezeichnung der türkischen Regierung für die Gülen-Bewegung) sei. Daraufhin habe Olur das Wort ergriffen und diese Beschuldigung abgestritten. „Ich sagte, dass er würdelos sei, wenn er diese Behauptung nicht belegen könne“, so Olur. Die Namen der Journalist:innen, zu denen er befragt worden sein soll, sind folgende:

İsmail Saymaz – Ali Tarakçı – Seher Yaşayacak – Gökhan Özbek – Ahmet Şık – Barış Pehlivan – Özlem Gürses – Arif Kocabıyık

Wie reagiert Sedat Peker?

Vor nicht all zu langer Zeit verkündete Sedat Peker, dass er sich zwei Monate vor den bevorstehenden Wahlen mit neuen Videos zurückmelden werde. Seither ist auch die Welle der Repressionen gegen ihn gestiegen. Sowohl in seinem Exil als auch bei seiner Gefolgschaft in er Türkei und auf dem Balkan baut der türkische Staat enormen Druck auf. So kam es vor dem Anwesen von Peker in Istanbul Beykoz zu einem bewaffneten Angriff. Als ein silberner Mietwagen am 14. September vor das Haus von Peker vorfährt, wird Yılmaz Günay getroffen. Dieser bricht sofort zusammen und erleidet schwerste Verletzungen. Am 17. September wurde anschließend Cenk Çelik bei einem Attentat getötet. Dieser war für seine offen kritische Haltung gegenüber Peker bekannt.

Ein Racheakt? Der Exil-Journalist Cevheri Güven kennt sich mit dem Fall Sedat Peker womöglich am besten aus. Für ihn war das ein Puzzlestück eines Komplotts gegen Peker. Denn dieser hat mittlerweile einen Heldenstatus in der türkischen Öffentlichkeit erlangt, weil er mit der vermeintlichen Wahrheit über die türkische Regierung auspackt. Mit seinen alten Verbrechen habe Peker abgeschlossen und versuche eine reine Weste zu bewahren. Genau dieses Image wolle nun die türkische Regierung angreifen und ihm wieder das Image eines skrupellosen Killers verpassen. Deshalb glaubt Güven, dass sowohl der Angriff auf Pekers Mitarbeiter sowie der Mord an Cenk Çelik aus einer Hand geplant und durchgeführt wurden. Ob Peker noch bis zu den Wahlen weitermachen kann oder ob man ihn nicht auch an die Türkei ausliefern wird, bleibt abzuwarten. Doch von dem Strategen ist zu erwarten, dass er seine Veröffentlichungen auch dann in die Welt setzen wird, wenn er hinter Gittern säße. Denn Peker hat das versprochen, und „sein Versprechen ist seine Ehre“, so der Mafia-Pate selbst.