Home Panorama Sedat Peker: „Zwei Monate vor den Wahlen lege ich los“

Sedat Peker: „Zwei Monate vor den Wahlen lege ich los“

Sedat Peker (l.) und Levent Göktaş.

2021 schlugen Sedat Pekers Beiträge ein wie eine Bombe. Dann wurde es wieder ruhig um ihn. Gerüchte um seinen Tod machten bereits die Runde. Doch inzwischen ist er wieder aufgetaucht – und kündigt ein großes Comeback an. Die Frage ist nur: Kann er den selbst gewählten Zeitplan einhalten?

In der Türkei stehen im kommenden Sommer Wahlen an. Dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt über den ursprünglich für den 18. Juni 2023 vorgesehenen Urnengang gesprochen und geschrieben wird, ist für türkische Verhältnisse alles andere als ungewöhnlich. Denn derzeit herrscht große Unklarheit, ob der Termin nicht möglicherweise doch vorgezogen wird. Es ist gar die Rede von spontanen Wahlen, die die Regierung aus strategischen Gründen ausrufen könnte. Damit sollen die Oppositionsparteien, die noch auf der Suche nach einem gemeinsamen Gegenkandidaten zu Präsident Recep Tayyip Erdoğan sind, kalt erwischt werden.

Einige Namen – wie jener von Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu oder der von Ankaras Oberbürgermeister, Mansur Yavaş, ebenfalls CHP – kursieren zwar bereits. Doch die aktuelle Lage der türkischen Wirtschaft ist so schlecht, dass andere Spekulanten und Analysten wiederum nicht davon ausgehen, dass es zu vorgezogenen Wahlen kommen wird. In diesem Wirrwarr meldet sich immer wieder eine Person zu Wort und dominiert die Debatte. Er hält die Zündschnur in der einen, das Feuerzeug in der anderen Hand. Die Rede ist von Sedat Peker.

Der Game-Changer „Sedat Peker“

Seit Sommer 2021 steht fest: Sedat Peker ist nicht mehr lediglich ein gefürchteter Mafia-Pate der Türkei, der für die Regierung schmutzige Geschäfte erledigt und so den Fortbestand seiner Geschäfte sichert. Nachdem er aus verschiedenen und undurchsichtigen Gründen aus der Türkei fliehen musste, befindet er sich in Dubai und packt aus. Als Grund dafür führt er den Verrat an ihn und seiner Organisation und die Aggression durch die Hand des „(Tiefen) Staates“ gegenüber seiner Frau und seinen Kindern in seiner Abwesenheit.

Dieser Vorgang hat Peker zu einem radikalen Kurswechsel verleitet. Er hält seit Monaten die türkische Öffentlichkeit mit seinen Enthüllungen über Korruption und Kriminalität hochrangiger türkischer Regierungsmitglieder auf Trab und ist der Stachel im Fleisch der Regierung. Sein Wissen aus dem innersten Kreis könnte den türkischen Präsidenten Erdoğan schließlich alles kosten. Und das Volk sieht in dem Mafia-Paten, der sich selbst etwas harmloser als „Straftäter“ bezeichnet, einen glaubwürdigen Helden. Für einige ist Peker sogar die letzte große Hoffnung für das Land, was einiges über dessen desolaten Zustand aussagt.

Neuer Whistleblower: Wer ist Levent Göktaş?

Was der eine kann, kann sicher auch ein anderer. Oder etwa nicht? Der einzigartige Stil und die unverwechselbare Rhetorik Sedat Pekers machten aus ihm eine Ikone. Täglich wächst der Zuspruch für ihn, wohingegen jener für die Mitglieder der türkischen Regierung kontinuierlich schrumpft. In diesem Gefüge erschien zuletzt ein neuer, mysteriöser Twitter-Account namens „Levent Göktaş“. Ein ehemaliger Staatsdiener im höchsten Rang, ein speziell ausgebildeter Kommandant und Vorzeigebürger. Heute wird er im Fall des Mordes an dem Akademiker Necip Hablemitoğlu gesucht.

Handelt es sich bei ihm um einen neuen Whistleblower? Seine Tweets ließen sich zumindest so deuten, ehe sie wieder aus dem Netz verschwanden. Handelte es sich dabei nur um einen Fake-Account, der nichts weiter tun sollte, als die Glaubwürdigkeit von Peker zu diskreditieren? Schließlich schrieb Levent Göktaş via Twitter, dass man ihn nicht mit Sedat Peker verwechseln solle: „Wenn ich brenne, dann brennen alle“. Außerdem werde er ein Video veröffentlichen, worin er auf seine Drohung im Detail eingehen werde. Doch dazu kam es bislang nicht.

Sedat Peker: „Der Account gehört Levent Göktaş“

Die einen sagten, dass es niemals Levent Göktaş sei, der hinter dem Account steckte. Die anderen behaupten, dass das ein weiterer Kanal von Sedat Peker sei, den er für seine Enthüllungen benutze. Doch Peker setzte dieser Diskussion höchstselbst ein Ende. Er schrieb via Twitter, dass er belegen könne, dass der Account tatsächlich Göktaş gehöre. Außerdem nutzte Peker die Worte von Göktaş über ihn für einen Frontalangriff und drohte. Daraufhin wurde der Account wieder geschlossen. War das doch nur ein Fake? Ein Schachzug der türkischen Regierung, einen neuen „Sedat Peker“ ins Spiel zu bringen, um dessen Glaubwürdigkeit zu untergraben?

Laut Peker selbst handelte es sich jedoch wirklich um Göktaş, der seine Botschaft verstanden habe. Anschließend machte Peker öffentlich, dass Göktaş ohne großen Druck und Stress habe untertauchen können. Und das, obwohl die Polizei bereits an seiner Tür gestanden habe. Davon ungehindert habe Göktaş in seinen Wagen steigen und wegfahren können. Dies belegte Peker anschließend mit aktuellen Fotos von Göktaş in dessen Fahrzeug.

Wie konnte Levent Göktaş fliehen?

Somit ist Levent Göktaş ein „neuer Adil Öksüz“ der Türkei. Zur Erinnerung: Öksüz wurde als einer der mutmaßlichen Hauptdrahtzieher des gescheiterten Putschversuchs vom 15. Juli 2016 bezeichnet und an die Spitze der Fahndungsliste gesetzt. Was bislang nie richtig aufgeklärt wurde, sind die Umstände, unter denen es dem kurze Zeit nach dem Putsch festgenommenen Öksüz gelingen konnte, die U-Haft und anschließend als Flüchtiger das Land zu verlassen. Mag man den Enthüllungen von Sedat Peker Glauben schenken, so ist auch Göktaş ohne große Mühe den Sicherheitsbehörden entkommen. Man habe Göktaş gewarnt, als dieser sich gerade mit zwei Call-Girls in der Wohnung seiner Tochter in Istanbul Sarıyer versteckt habe. Als die Polizei in Ankara, in der Wohnung seiner ehemaligen Frau nach ihm vergeblich gesucht habe, habe sich Göktaş auf die Flucht gemacht. Nun ist er wie auch Sedat Peker selbst ein Flüchtling.

Sedat Peker hat den Timer gestellt

Eigentlich wollte sich der Vater zweier Töchter in seinem Luxus-Exil in Dubai bis zu den Wahlen zurückziehen. „Ich mag es, euch Stückchen für Stückchen weh zu tun“, schrieb Peker via Twitter mehrfach. Mit häppchenweise Enthüllungen bestimmt er die aktuellen Schlagzeilen in der Türkei.

Und hat damit bislang dem Image einzelner Regierungsmitglieder großen Schaden hinzugefügt. Vor allem hat sich Peker bislang auf Innenminister Süleyman Soylu, Untergrundbaron Mehmet Ağar, dessen Sohn und den AKP-Abgeordneten Tolga Ağar, Oligarchen aus dem Umfeld Erdoğans wie Mehmet Cengiz oder Yıldırım Demirören eingeschossen. Daneben hat Peker immer wieder angedeutet, wie viele ungeklärte Morde, Drogen- und weitere üble kriminelle Geschäfte auf diese Personen zurückzuführen seien.

Die Erdoğan-Karte allerdings hat Peker bislang nicht gespielt. Doch hinter den Kulissen heißt es seit Monaten, dass der Sturz des Erdoğan-Regimes sein eigentliches Ziel sei. Am Ende seiner Video-Serie im vergangenen Jahr deutete Peker das zumindest im Ansatz an. „Großer Bruder Tayyip, beim nächsten Mal geht es um dich“, so Peker damals. Doch dazu kam es nicht. Aus Sicherheitsgründen, hieß es, nahm die Serie ein abruptes Ende. Wenig später kam es zu einer bilateralen Annäherung zwischen den einst zerstrittenen Vereinigten Arabischen Emiraten und der Türkei.

Wird Peker wieder zuschlagen?

Doch Sedat Peker ist nicht wirklich untergetaucht. Er hält sich derzeit aus verschiedenen, auch aus Sicherheitsgründen, an die Spielregeln, die ihm seine neue Heimat vorgibt. Derzeit wird Peker vor allem die Aufzeichnung neuer Enthüllungsvideos untersagt. Stattdessen hat er sein System auf Textnachrichten und Threads auf Twitter umgewälzt. Teils über seinen Haupt-Account, teils via „Deli Çavus“ und teils via seinem Vertrauten Emre Olur macht Peker weiter und mischt sich in die Debatten ein. So wie im Fall von Levent Göktaş.

Zudem gibt Peker an, zwei Monate vor den Wahlen seine Video-Serie wiederaufzunehmen. „Mein Wort ist meine Ehre. Ich habe es euch versprochen“, so Peker in seiner Ansprache an die Zuhörerschaft unter 40. Die hat er als seine Zielgruppe eindeutig definiert. Von den Älteren verspreche sich der Mafia-Pate nichts. Ob seine Enthüllungen andauern und die Koalition aus AKP und MHP weiter schwächen werden, bleibt abzuwarten. Sicher ist, Hunderttausende sehen in ihm mehr oder weniger die letzte Hoffnung.