Köln: Muezzin Mustafa Kader, Imam der Moschee, ruft am 14. Oktober 2022 in der Zentralmoschee der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) Muslime zum Gebet. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Zum ersten Mal darf der Muezzin der Kölner Zentralmoschee über Lautsprecher zum Gebet rufen. Einige Demonstrantinnen protestieren dagegen mit Sprechchören. Eine Anwohnerin gibt hingegen zu bedenken: In der Corona-Zeit war es lauter.

Der Ruf des Muezzins ist durchaus von einer gewissen Eindringlichkeit. Das laute Stimmengemurmel auf dem Platz vor der großen Kölner Zentralmoschee erstirbt sofort, als der Imam Mustafa Kader ans Mikrofon tritt. Dann hebt der charakteristische arabische Sprechgesang an, der weltweit sofort mit dem Islam assoziiert wird. In den kurzen Pausen sind aus der Ferne die Sprechchöre der Gegendemonstrantinnen zu hören.

Es ist das erste Mal, dass der Ruf des Muezzins in Köln über zwei Lautsprecher nach draußen übertragen wird. Freuen sich die Gläubigen darüber? Viele wollen sich zu dieser Frage nicht äußern. Es ist ihnen anzumerken, dass sie befürchten, Probleme zu bekommen, wenn sie öffentlich etwas sagen. Sie misstrauen den Medienvertretern, die sich an diesem Freitagmittag in beachtlicher Zahl eingefunden haben.

Einmal in der Woche

Einer, der etwas sagen will, ist Yücel Akyel. „Aus unserer Sicht ist das schön. Ob die Nachbarn es gut finden, weiß ich nicht. Aber ich als Türke finde das gut.“ Ganz bestimmt sollte es nicht zu laut sein und nicht zu oft, gibt er zu bedenken. Denn das würde die Anwohner dann mit Sicherheit stören. „Aber einmal in der Woche um diese Uhrzeit, das macht, glaube ich, nicht soviel aus.“ In der Türkei höre man den Ruf fünfmal am Tag. „Aber hier sind wir natürlich in Deutschland.“ Er lächelt.

Es sind viele Gläubige gekommen, trotz Nieselregens. Bei diesem Wetter wirkt die aus sprödem Beton errichtete Moschee wie ein alter Atommeiler. Doch das Gebäude besitzt die Fähigkeit, sich zu verwandeln. Abends in der Dunkelheit leuchtet das Innere hinter den riesigen Fenstern auf, als ob im nächsten Moment die äußeren Betonschalen abfallen und eine glühende Kugel freigeben würden.

Frauen entblößen ihre Oberkörper

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist der Muezzin schon nicht mehr zu hören. Das mag auch daran liegen, dass eine Gruppe von Demonstrantinnen sehr lautstark protestiert – zum einen gegen die Unterdrückung der Frauen im Iran, zum anderen aber auch gegen den Muezzinruf. Einige von ihnen haben ihren Oberkörper entblößt.

Brigitte Bayer hält sich etwas abseits, aber auch sie ist gekommen, um sich mit dem Protest zu solidarisieren. Die Betreiberin der Zentralmoschee, die Türkisch-Islamische Union Ditib, ist für sie der verlängerte Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Er höchstpersönlich hat die Moschee 2018 eröffnet. Damals standen überall auf den umliegenden Dächern Scharfschützen. So etwas ist eigentlich unvorstellbar in Ehrenfeld, dem Viertel der Musikclubs, Studentenkneipen.

Unschlüssige Argumente der Ezan-Gegner

Brigitte Bayer ist aber nicht nur wegen der Erdoğan-Connection dagegen. „Ich denke, die fangen mit dem Freitagsruf an, und das kippt dann ganz schnell, so dass jeden Tag gerufen wird. Oder die 30 anderen Moscheen in Köln auch.“ Das Argument, dass die Kirchen ja auch ihre Glocken läuten dürften, überzeugt sie nicht: „Der Muezzin ruft „Allah ist der Größte“. Da wird mir unheimlich.“ Zu dem Ruf seien auch schon Messer gezogen und Terrorattacken ausgeführt worden. „Das passiert Ihnen nicht mit den friedlichen Kirchenglocken“, meint sie. Diese Argumentationsweise ist ja aus dem südlichen Nachbarland Österreich bekannt, wo es um kopftuchtragende Lehrerinnen ging. Es dürfen Kreuze in den Klassenzimmern hängen, weil sie schon lange dort hängen, doch die Lehrerin darf kein Kopftuch tragen.

Aber zurück nach Köln: Die Gläubigen haben jetzt ihre Schuhe ausgezogen und beten auf dem meerblauen Gebetsteppich im Kuppelsaal der Moschee. An einer Stelle ist der Imam noch einmal lauter zu hören. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite raucht Anwohnerin Johanna eine Zigarette und spitzt die Ohren. Mittlerweile sind die Sprechchöre der Demonstrantinnen etwas abgeklungen, und der Verkehr ist gerade auch nicht so laut.

Viel Wirbel um nichts

„Doch, ich hab ihn gehört“, sagt sie. Dennoch sei der Gebetsruf jetzt immer noch leiser als in der Corona-Zeit, als es zwar keine Lautsprecher gab, die Türen der Moschee aber zur Lüftung weit offen standen. „Da habe ich das vom Balkon aus sehr deutlich gehört. Und das hier hätte ich jetzt nicht so gehört. Also: Es ist leiser. Insofern: Die Aufregung ist nicht dem Lärmpegel geschuldet.“

Der Fehler sei gewesen, dass Oberbürgermeisterin Henriette Reker von oben herab die Erlaubnis zu dem öffentlichen Ruf erteilt habe. Und: Wenn der Muezzin jetzt täglich fünfmal rufen würden und das richtig laut, das würde dann schon stören, sagt sie. „Aber das ist ja gar nicht der Fall. Es wird um alles einen unheimlichen Bohei gemacht. Das ist alles Larifari.“

dpa/dtj