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Stille lauter als Applaus: Rumi, Semâ und eine besondere Nacht

  • Januar 31, 2026
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Stille lauter als Applaus: Rumi, Semâ und eine besondere Nacht

Ein Gastbeitrag von KadirBoyacı*

Frankfurt ist vieles gewohnt: Konzerte, Podien, politische Debatten. Doch am 25. Januar erlebte die Stadt einen Abend, der sich den üblichen Kategorien entzog. Sechshundert Menschen füllten den Saal und dennoch war es vor allem eines: still.

An diesem Abend stand Mevlânâ Dschalaladdin Rumi im Mittelpunkt. Nicht als historisches Denkmal, nicht als folkloristische Figur, sondern als lebendige Brücke zwischen Kulturen, Religionen und inneren Welten. Die Veranstaltung „Rumi – Tanz der Derwische“ war ausverkauft. Und sie war mehr als ein Kulturprogramm.

Bereits vor Beginn der eigentlichen Aufführung lud eine kleine Ausstellung mit Kalligrafie- und Ebru-Kunst zum Verweilen ein. Viele Besucherinnen und Besucher nahmen sich Zeit, betrachteten die Werke, kamen ins Gespräch. Es war ein bewusstes Entschleunigen, ein Übergang vom Alltag in einen anderen Raum.

Im Zentrum des Abends stand die Semâ-Zeremonie der Derwische, begleitet von Sufi-Musik und ausgewählten Texten. Die Drehbewegung, oft missverstanden als Tanz, entfaltete ihre eigentliche Wirkung gerade durch ihre Zurückhaltung. Es gab keinen Applaus, keine Unterbrechung, keine Effekte. Stattdessen eine Konzentration, die den gesamten Raum erfasste.

Innerliches Aufrichten statt äußerliches Zurücklehnen

Man konnte beobachten, wie sich etwas veränderte: Menschen lehnten sich nicht zurück, sie richteten sich innerlich auf. Viele sagten später, sie hätten selten eine solche Intensität erlebt. Eine Besucherin aus Gießen formulierte es so: „Ich wusste nicht, dass es im Islam etwas derart Tiefbewegendes gibt. Es fühlte sich an, als wäre es nicht von dieser Welt.“

Solche Rückmeldungen waren an diesem Abend keine Ausnahme. Viele Gäste kamen zum ersten Mal mit der spirituellen Dimension des Islams in Berührung, nicht über Diskussionen oder Erklärungen, sondern über Erfahrung. Genau darin liegt die besondere Kraft solcher Formate.

Der zweite Teil des Programms mündete in eine Fragerunde mit dem Rumi- und Derwisch-Experten Abdulkadir Dikici. Die Fragen reichten von theologischen Aspekten bis zu sehr persönlichen Themen. Manche Antworten waren sachlich, andere emotional. In einigen Momenten versagte die Stimme; Tränen traten an die Stelle von Worten. Es waren Augenblicke, die zeigten, dass Spiritualität nicht distanziert, sondern zutiefst menschlich ist.

Şeb-i Arûs-Vibes mitten in Deutschland

Auch die organisatorische Seite des Abends wurde von vielen positiv hervorgehoben: pünktlicher Beginn, klare Struktur, ruhiger Ablauf. Eine Besucherin bemerkte, es habe sie an die Atmosphäre der Şeb-i Arûs-Gedenkfeiern in Konya erinnert: nur eben mitten in Deutschland.

Der Abend war zugleich Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Interesses. Rumi ist im Westen längst kein unbekannter Name mehr. Seine Gedichte werden gelesen, zitiert, vertont. Doch das Bedürfnis, ihn tiefer zu verstehen, wächst. Nicht als exotische Figur, sondern als Denker einer Ethik der Liebe, der Verantwortung und des Friedens.

Als jemand, der seit Jahren Dialogarbeit in Deutschland koordiniert, sehe ich in solchen Abenden eine große Chance. Rumi ist kein Randthema. Er ist ein Angebot. Eines, über Grenzen hinweg zu denken und zu fühlen. Wenn es gelingt, seine Botschaft nicht zu vereinfachen, sondern erfahrbar zu machen, kann sie Menschen erreichen, die für klassische religiöse Formate kaum zugänglich sind. Oder, wie es eine Rückmeldung nach dem Abend ausdrückte: „Ich habe mich gefühlt wie jemand, der lange gesucht hat. Die Begegnung hat mich so berührt, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Die Tränen fließen noch immer.“

Vielleicht ist genau das der Punkt. In einer Zeit, in der viel geredet wird, kann Stille manchmal mehr sagen als jede Erklärung. Frankfurt hat an diesem Abend erlebt, wie das aussehen kann.

*Kadir Boyacı ist Soziologe und islamischer Theologe, außerdem Geschäftsführer des Forums für Interkulturellen Dialog e.V., das der Gülen-Bewegung, die sich selbst als „Hizmet“ bezeichnet, nahesteht.

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