Gesellschaft

Wenn aus Islamismuskritik im Focus allgemeiner Muslimenverdacht wird

  • Juli 7, 2026
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Wenn aus Islamismuskritik im Focus allgemeiner Muslimenverdacht wird

Helmut Markwort nutzt im FOCUS einen realen Sicherheitsfall um mutmaßliche iranische Anschlagspläne, um daraus eine Erzählung von muslimischer Unterwanderung zu bauen. Genau das ist gefährlich: Nicht, weil Islamismus keine Bedrohung wäre. Sondern weil eine notwendige Kritik an Extremismus dort kippt, wo sie Musliminnen und Muslime pauschal unter Verdacht stellt.

Es beginnt mit einem Fall, der jeden Demokraten alarmieren muss. Die Bundesanwaltschaft wirft zwei Männern vor, im Auftrag eines iranischen Geheimdienstes Anschläge auf jüdische Einrichtungen und prominente Personen vorbereitet zu haben. Im Visier sollen unter anderem Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, und Volker Beck, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, gewesen sein.

Das ist schwerwiegend. Es geht um mutmaßliche Ausspähung jüdischen Lebens, um iranische Einflussnahme, um Antisemitismus und um mögliche Mord- und Brandanschläge. Wer diese Gefahr kleinredet, verkennt die Realität. Jüdisches Leben in Deutschland braucht Schutz. Der iranische Staatsterror ist kein Hirngespinst. Und auch die sogenannte „Blaue Moschee“ in Hamburg war nicht irgendein religiöser Ort: Das Bundesinnenministerium hat das Islamische Zentrum Hamburg 2024 verboten, weil es nach Einschätzung der Behörden eine islamistisch-totalitäre Ideologie verbreitet, aggressiven Antisemitismus propagiert und als Vertretung des iranischen Regimes agiert habe.

Aus einem konkreten Fall wird eine Unterwanderungserzählung

Doch genau an dieser Stelle beginnt das Problem des FOCUS-Beitrags von Helmut Markwort. Der Text bleibt nicht bei den konkreten Vorwürfen, den Angeklagten, den iranischen Strukturen und dem Antisemitismus des Mullah-Regimes. Er weitet den Fall zu einer Generalerzählung aus: vom „politischen Islam“, von Muslimbrüdern, von deutscher Staatsbürgerschaft, von NGOs, von angeblichen „Wegbereitern“ und schließlich vom Namen Mohammed in Berliner Geburtsregistern. Aus einem Staatsschutzverfahren wird so eine Unterwanderungsfantasie.

Das ist kein Zufall, sondern Methode. Markwort verknüpft Dinge, die politisch, rechtlich und analytisch getrennt werden müssen. Der iranische Geheimdienst ist nicht die Muslimbruderschaft. Die Muslimbruderschaft ist nicht die muslimische Bevölkerung. Eine NGO, die antimuslimischen Rassismus thematisiert, ist kein Hilfsorgan Teherans. Und ein Neugeborenes namens Mohammed ist kein sicherheitspolitischer Befund.

Islamismus muss präzise kritisiert werden

Natürlich gibt es Islamismus. Natürlich gibt es legalistische Strategien islamistischer Akteure. Natürlich muss der Staat Organisationen beobachten, verbieten und strafrechtlich verfolgen, wenn sie gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung arbeiten. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt Islamismus ausdrücklich als politischen Extremismus, der religiöse Vorstellungen über demokratische Ordnungen stellt und damit im Widerspruch zu Volkssouveränität, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Religionsfreiheit steht.

Aber gerade deshalb braucht es Präzision. Wer Islamismus ernsthaft bekämpfen will, muss unterscheiden können: zwischen Religion und Ideologie, zwischen Muslimen und Islamisten, zwischen konservativer Frömmigkeit und verfassungsfeindlicher Agenda, zwischen einem iranischen Staatsapparat und Millionen muslimischer Bürgerinnen und Bürger in Deutschland.

Markwort tut das Gegenteil. Er arbeitet mit Verdichtungen. Erst sind es zwei Angeklagte mit afghanischen Wurzeln. Dann sind es „zwei Muslime“. Dann ist es der Iran. Dann die Muslimbruderschaft. Dann die deutsche Staatsbürgerschaft. Dann NGOs. Dann Geburtenzahlen. Am Ende steht ein Bild: Muslime seien nicht Teil Deutschlands, sondern eine strategische Masse, die sich einschleicht, vermehrt und Institutionen besetzt. Das ist der Punkt, an dem Islamismuskritik in antimuslimische Stimmung kippt.

Der Begriff „antimuslimischer Rassismus“ wird delegitimiert

Besonders entlarvend ist der Umgang mit dem Begriff „antimuslimischer Rassismus“. Markwort nennt ihn einen „Kampfbegriff“. Damit delegitimiert er nicht nur Kritik an Pauschalisierungen, sondern auch Erfahrungen von Menschen, die in Deutschland tatsächlich wegen ihrer zugeschriebenen oder tatsächlichen muslimischen Zugehörigkeit abgewertet, bedroht oder diskriminiert werden. Der Begriff beschreibt die pauschale Abwertung und Diskriminierung von Musliminnen und Muslimen sowie von Menschen, die als muslimisch wahrgenommen werden.

Man kann über einzelne NGO-Netzwerke, Förderpolitik oder problematische Verbandsnähe streiten. Man soll sogar darüber streiten. Aber wer pauschal behauptet, solche Akteure seien „Wegbereiter“ islamischer Unterwanderung, verschiebt den Diskurs. Aus Kritik wird Verdacht. Aus Verdacht wird Feindbild.

Der Name Mohammed ist kein Sicherheitsrisiko

Auch die Passage über den Namen Mohammed ist journalistisch fragwürdig. Ja, Mohammed war 2025 in Berlin der beliebteste Jungenname, wenn alternative Schreibweisen berücksichtigt werden. Das hat die Gesellschaft für deutsche Sprache ausgewertet; bundesweit lagen jedoch Sophia und Noah vorn.

Was soll diese Information im Kontext mutmaßlicher iranischer Anschlagspläne beweisen? Nichts. Sie soll nicht erklären, sondern emotionalisieren. Sie soll signalisieren: Seht her, es werden mehr. Genau deshalb ist die Stelle so gefährlich. Der Name eines Kindes wird zum politischen Warnsignal gemacht. Aus Geburt wird Bedrohung. Aus Vielfalt wird Infiltration.

Dabei zeigt gerade die Vornamenstatistik, wie absurd solche Schlüsse sind. Mohammed ist ein häufiger Name in muslimischen Familien, so wie Maria, Josef, Alexander oder Paul in anderen kulturellen und religiösen Kontexten häufig sind. Ein Name sagt nichts über Verfassungstreue, politische Haltung oder Radikalisierung aus. Wer das Gegenteil suggeriert, betreibt keine Analyse, sondern Stimmungsmache.

Journalismus darf hart sein, muss aber sauber bleiben

Journalismus darf hart sein. Er darf Islamismus benennen. Er darf Sicherheitsbehörden zitieren, Netzwerke offenlegen, Moscheevereine kritisch beleuchten und politische Naivität angreifen. Aber Journalismus muss sauber bleiben. Der Deutsche Presserat mahnt bei der Berichterstattung über Straftaten ausdrücklich zur Verantwortung, wenn Herkunft, Religion oder Minderheitenzugehörigkeit genannt werden, weil daraus diskriminierende Verallgemeinerungen entstehen können.

Genau diese Grenze überschreitet Markworts Text. Nicht, weil er über iranische Anschlagspläne schreibt. Nicht, weil er Islamismus kritisiert. Sondern weil er ein konkretes Sicherheitsproblem benutzt, um eine breite muslimische Präsenz in Deutschland als Teil desselben Problems erscheinen zu lassen.

Pauschalisierung schwächt den Kampf gegen echte Gefahren

Das hilft weder Juden in Deutschland noch der Demokratie. Im Gegenteil: Es verwässert den Blick auf tatsächliche Gefahren. Wer alles in einen Topf wirft, erkennt am Ende die konkreten Täter, Strukturen und Verantwortlichkeiten schlechter. Der iranische Geheimdienst wird nicht präziser bekämpft, indem man Berliner Babynamen problematisiert. Islamistische Netzwerke werden nicht effektiver bekämpft, indem man muslimische Bürgerinnen und Bürger unter Generalverdacht stellt.

Die eigentliche Herausforderung liegt genau darin: Islamismus bekämpfen, ohne Muslime zu stigmatisieren. Antisemitismus ernst nehmen, ohne Rassismus zu relativieren. Den Rechtsstaat verteidigen, ohne die Prinzipien des Rechtsstaats preiszugeben.

Der Focus-Beitrag tut das nicht. Er beginnt mit einer berechtigten Sorge um jüdisches Leben – und endet bei der alten Erzählung von der muslimischen Unterwanderung. Das ist kein Beitrag zur Aufklärung. Es ist ein Beitrag zur Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas.

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