Lusail: Nusret Gökçe, besser bekannt als "Salt Bae", posiert mit dem WM-Pokal. Foto: Robert Michael/dpa

Argentinien dominiert zunächst klar das große WM-Finale in Katar gegen Frankreich, das erst spät dank Kylian Mbappé aufwacht. Im Elfmeterschießen holen die Südamerikaner den Titel.

Inmitten des Jubels Tausender Argentinier und umringt von seinen kleinen Kindern genoss Lionel Messi den größten Moment seiner fantastischen Karriere. Mit dem goldenen WM-Pokal in der Hand feierte der Superstar der Katar-WM am Sonntagabend im gigantischen Lusail Stadion ein Stück Fußball-Geschichte – und mit ihm eine ganze Nation. Die Albiceleste mit ihrem wieder überragenden Anführer gewann das hochdramatische Finale gegen den entzauberten Titelverteidiger Frankreich mit 4:2 (3:3, 2:2, 2:0) im Elfmeterschießen.

36 Jahre nach dem Titelgewinn des großen Diego Maradona bekam Messi im fünften Anlauf um 21:43 Uhr Ortszeit von Emir Tamim bin Hamad Al Thani und FIFA-Präsident Gianni Infantino den Pokal überreicht. Natürlich wurde der 35 Jahre alte sechsmalige Weltfußballer auch als bester Spieler der WM ausgezeichnet. Der Pokal bekam gleich mehrere Küsse – Messi hatte schon während der Endrunde angekündigt, dass dies seine letzte WM sei.

„Wir haben unglaublich gelitten“, sagte Argentiniens Emiliano Martínez, der im Elfmeterschießen den Versuch des Bayern-Profis Kingsley Coman gehalten hatte und zum besten Torwart des Turniers gewählt wurde. Sein Trainer Lionel Scaloni äußerte: „Wir haben es noch gar nicht realisiert. Man bekommt mal einen Nackenschlag, aber dann kommt man zurück, darum geht es. Wir sind ganz oben, das ist einzigartig.“

Mbappés Alleinkampf

Die Équipe Tricolore verpasste vor 88.966 Zuschauern die historische Chance, wie zuletzt Brasilien 1962 zum zweiten Mal nacheinander den goldenen Pokal zu gewinnen. Dass sich Frankreich überhaupt in die Verlängerung retten konnte, verdankte der Weltmeister von 2018 seinem Superstar Kylian Mbappé. Der 23-Jährige traf in der 80. Minute per Foulelfmeter, in der 81. per traumhaftem Seitfallzieher und in der 118. per Handelfmeter. Doch es half nichts. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron tröstete den bitter enttäuschten Mbappé auf dem Rasen. „Die Blauen haben uns träumen lassen“, twitterte der Staatschef.

Messi hatte per Foulelfmeter (23.) zum 1:0 getroffen, in der Verlängerung (108.) folgte sein 13. WM-Tor, mit dem er Brasiliens Fußball-Ikone Pelé (12) überflügelte. Der starke Ángel Di María (36.) hatte in der regulären Spielzeit noch vor der Pause das zwischenzeitliche 2:0 erzielt. Im Elfmeterschießen trafen Messi und Mbappé jeweils als erste Schützen ihres Teams.

Auch Fußball-Fan Erdoğan vor Ort

Auf der Ehrentribüne schauten neben dem Staatsoberhaupt Katars zahlreiche Ehrengäste –wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan – bestens unterhalten zu. Das Finale war Schaufenster für die große Politik. Den Tausenden Fans hatte der Emir vor dem Anpfiff kurz zugewinkt, Jubel brandete auf. Das Emirat bekam perfekt geplant am Nationalfeiertag das, auf das seit der WM-Vergabe vor zwölf Jahren hingearbeitet wurde: Ein glänzendes Finale im Scheinwerferlicht – ungeachtet der lauten Kritik, insbesondere wegen Menschenrechtsverletzungen und Ausbeutung ausländischer Arbeiter.

Über 200 Milliarden Euro soll das Gesamtspektakel gekostet haben. Wie im Hollywood-Drehbuch passte das Endspiel mit den Starspielern Messi und Mbappé in das Katar-Getöse. Beide stehen bei Paris Saint-Germain unter Vertrag, dem französischen Vorzeigeclub, der von Katar als Werbeprojekt finanziert wird. Schon in der Anfangsphase war Messi deutlich präsenter – wie die gesamte argentinische Auswahl.

Di María glänzt

Trainer Scaloni hatte nach dem klaren Halbfinalsieg gegen Kroatien offensiver aufgestellt. Über die linke Seite sorgte von Beginn an Di María immer wieder für Gefahr, und der 34-Jährige holte gegen den unglücklich agierenden Ousmane Dembélé auch den Strafstoß heraus. Messi schnappte sich nach dem Pfiff von Schiedsrichter Szymon Marciniak sofort den Ball – schloss am Elfmeterpunkt kurz die Augen und ließ Frankreichs Rekordtorwart Hugo Lloris mit dem Flachschuss in die untere rechte Ecke keine Chance. Mit weit ausgebreiteten Armen feierte Messi sein sechstes Tor in Katar.

Wie viel war geschrieben worden über den Superstar in den vergangenen Tagen? Jede Bewegung, jeder Satz wurde verfolgt, teils euphorisch kommentiert. Schon als der 35-Jährige um 16.35 Uhr aus dem Mannschaftsbus gestiegen war, konnte der den lautstarken Jubel seiner Landsleute im Stadion hören. In Argentinien, wo das Finale am Vormittag angepfiffen wurde, bangten und zitterten Millionen Menschen mit.

Frankreich lange Zeit abwesend

Von Mbappé war lange wenig zu sehen, aber auch Antoine Griezmann, Dembélé und Olivier Giroud tauchten ab. Die hochgelobte Offensive der Équipe Tricolore fand bis weit in die zweite Halbzeit keinen Ansatz, die argentinische Abwehr zu überwinden. Trainer Didier Deschamps hätte der zweite Mann nach Pelé werden können, der dreimal Weltmeister wird.

Den perfekten Konter über Julián Álvarez, Alexis Mac Allister und schließlich Di María hatten die Franzosen nicht kommen sehen. Der Torschütze, der die gesamte K.o.-Phase angeschlagen nicht in der Startelf aufgelaufen war, schrie seine Freude in den Nachthimmel von Lusail. Kurz darauf reagierte Deschamps – er musste.

Mbappé gibt nicht auf

Der sichtlich bediente Trainer, dessen Team in den vergangenen Tagen mit Erkrankungen zu kämpfen hatte, nahm schon in der 41. Minute Dembélé und Giroud vom Feld. Der Frankfurter Randal Kolo Muani und der Gladbacher Marcus Thuram kamen in die Partie. In der zweiten Halbzeit wurde auch noch Coman (71.) eingewechselt . Und nachdem zunächst Rodrigo de Paul (48.) und Messi (60.) ein drittes argentinisches Tor verpasst hatten, taten die drei Bundesliga-Profis der vorher so schwachen französischen Offensive gut.

Es war Kolo Muani, der den Elfmeter vor dem 1:2 herausholte. Und es war Coman, der nach dem spektakulären Ausgleich von Mbappé einen französischen Angriff nach dem anderen anschob. Das angeschlagene Argentinien rettete sich in den Schlussminuten sogar noch glücklich in die Verlängerung, in der es ohne den nach gut einer Stunde erschöpft ausgewechselten Di María auskommen musste. Um jeden Meter Rasen musste jetzt gerungen werden. Und dann kam Messi.

Der Superstar, der mit seinem 26. WM-Einsatz am bisherigen Rekordhalter Lothar Matthäus vorbeizog, staubte zum dritten Argentinien-Tor ab. Doch Mbappé schlug nochmal zurück. Die Entscheidung fiel im Elfmeterschießen.

dpa/dtj