Umut Ali Öksüz, geboren am 09.03.1990 in Neuss, hat einen ganz besonderen Bildungsweg eingeschlagen. Er wurde als Problemkind abgestempelt und hatte keinerlei Perspektiven im Leben. Die Schule sah er als einen Ort der Qual an. „Ein Studium? Dann noch Lehrer werden? Hätten Sie mich danach vor fünf Jahren gefragt, hätte ich Sie ganz nett angelächelt und wäre weiter meinen ‚Weg‘ gegangen.“

Heute studiert Umut Ali Öksüz nicht nur an einer Hochschule, sondern er macht noch viel mehr. Sein Fernstudium in Brandenburg absolvierte er mit Bravour und er ist nun aktiv als Dipl. Sozialtrainer. „Teilleistungsstörungen gehören einfach in unsere heutige Gesellschaft. Man kann sie als Modeerkrankung wahrnehmen, trotzdem muss man als Pädagoge bestens ausgerüstet sein. Da hilft auch nicht nur das ‚Hochschulwissen‘ von den Universitäten. Dieses Problem wurde zwar mit der Einführung des Masters angegangen, die Theorie ist aber kein Ersatz für die Realität in den Klassenzimmern.“

In Münster studiert er auf Lehramt und wird zu den ersten Religionspädagogen für islamische Religionslehre in NRW zählen. „Dieses wunderschöne Fach öffnet nicht nur die Türen für viele Menschen, es öffnet die Herzen der Kinder. Auch wenn ich selbst evangelische Religionslehre im Abitur hatte, hätte ich mich über dieses Fach zu meiner Schulzeit auch sehr gefreut.“

Seine Ausbildung zum KidsWingTsun-Fachtrainer mit dem Schwerpunkt Selbstbehauptung und Gewaltprävention beendete er im August 2014 und hatte zuvor schon an verschiedenen Schulen und Institutionen in diesen Bereichen mitgewirkt. „Heutzutage ist es keine bloße Empfehlung mehr, dass Kinder und Jugendliche sich besser behaupten müssen. Sie müssen lernen, ‚nein‘ zu sagen, das ist meiner Meinung nach ein Privileg für eine gesunde Förderung und Entwicklung des Gesamtbildes in unserer heutigen Gesellschaft“.

Einziger „Nur-Abiturient“ unter Pädagogen und Akademikern

Umut Ali Öksüz engagiert sich auf sämtlichen Gebieten der Erziehungswissenschaften. In seiner Abiphase besuchte er nicht wie die meisten anderen in seinem Alter die wöchentlichen Partys, sondern lieber Kurse zur Gebärdensprache, Seminare zum Thema „Erziehung & Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“ oder er konzipierte selbst Projekte mit dem Fokus auf Jugendarbeit. Er selbst hatte damals als Nachhilfeschüler angefangen und unterrichtet nun seit fünf Jahren im Lernzentrum Novaesium Neuss, einer Elterninitiative mit dem Schwerpunkt Nachhilfe.

„Es war mir damals egal, dass ich als einziger Fisch zwischen den ganzen Haien saß. Als ‚einfacher‘ Abiturient  war ich umgeben von Pädagogen, Lehramtsanwärtern, Psychologen und anderen Fachleuten aus diesem Gebiet. Der damalige Leiter wollte mich definitiv nicht als Lehrer einstellen. Ich ließ nicht locker und er gab mir eine Chance. Diese Chance sah so aus, dass er mir eine Gruppe von Schülern gab, die alle sehr ‚aktiv‘ waren. Diese sollte bald aufgelöst werden, da sich die Eltern ständig beschwerten, weil jede Woche die Lehrkraft wechselte. Nach einer Woche kamen die Eltern zu mir in die Klasse und bedankten sich.“

Heute leitet er den gesamten Bereich der Grund- und Sekundarstufe, ist für 60 Schülerinnen und Schüler sowie acht Pädagogen verantwortlich. Analog dazu unterrichtet er auf einer staatlichen Schule und gibt Seminare für Eltern und Schüler zu den verschiedensten Terminen. „Viele Leute fragen mich, wann ich eigentlich noch lebe, und jedes Mal bekommen sie dieselbe Antwort: ‚Das ist mein Leben‘. Ich lebe für meine Zukunft und das sind unsere Kinder und Jugendlichen.“

Auch sehr viel an ehrenamtlichem Engagement prägt und repräsentiert ihn. Seine Klasse ist von oben bis unten geschmückt mit Tausenden von Bildern und anderen Andenken an seine SchülerInnen. Er selbst, so sagt er, war nie ein fleißiger Schüler. Die Schule hatte für ihn keinen besonderen Stellenwert. Seine Lehrer in der Schule sahen sein Potenzial nicht, im Gegenteil, sie sahen in ihm nur den störenden und nervenden „Zappelphilipp“.

Familie und intaktes Umfeld als entscheidende Faktoren

Als er dann Nachhilfe bekam, lernte er eine neue Art von Bildung schätzen. „Meine damaligen Lehrer waren so herzlich und motivierend für mich, ich verdanke ihnen eine Menge. Sie haben mich geprägt, gefördert und gefordert. Das soziale Umfeld der Kinder und Jugendlichen ist somit entscheidend, das habe ich selber am eigenen Leibe gespürt.“

Als verantwortliche Menschen für Kinder und deren Zukunft sind Eltern und andere Mitverantwortliche für die Gewährleistung eines sicheren sozialen Umfeldes zuständig. Sportvereine, soziale Einrichtungen, Vorbilder und Menschen, die sich um das Wohl der Kinder und Jugendlichen kümmern, sind in der heutigen Gesellschaft ein wichtiges Fundament für eine gesunde Entwicklung und ein harmonisches Miteinander.

Umut Ali Öksüz stammt selbst aus einer Arbeiterfamilie und weiß, dass Bildung kostbar und unbezahlbar ist. Leider nehmen viele SchülerInnen in Deutschland den Wert dieses kostbaren Geschenkes gar nicht wahr.

Wieso sehen sie Schule als Last? Warum sind die meisten Kinder unmotiviert, sobald sie das Wort „Schule“ auch nur hören? Weshalb hört man immer mehr von den „Problemschülern“, die den gesamten Unterricht sabotieren?

„Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder“

Damit hat sich Umut Ali Öksüz jahrelang befasst und er analysiert und reflektiert ständig das Verhalten und die Denkweise der Jugendlichen. „Ein guter Lehrer ist nur dann gut, wenn er zwischen verschiedenen Perspektiven wechseln kann, ohne sich von objektiven Gedanken manipulieren zu lassen. Die Betrachtung aus der Schülerperspektive ist unheimlich wichtig. Das Beherrschen und vor allem Verstehen der ‚Kinder- und Jugendsprache‘ ist genauso wichtig wie das Reflektieren der Körpersprache. Ein Kind sagt sehr viel aus, ohne dabei reden zu müssen. Man muss nur genau hinsehen, beobachten und versuchen, zu verstehen. Daraus ein Problem zu machen, wenn ein Schüler mal nicht so gut drauf ist, dabei liegt die eigentliche Herausforderung.“

Es ist sehr wichtig, sich mit den Kindern identifizieren zu können. In ihre Welt kann man nur eintauchen, wenn man sie gut kennt und versucht, sie zu verstehen. Kinder brauchen keine fertigen Anleitungen, wie sie leben und handeln müssen. Sie brauchen lebende Impulse um sich herum.

„Kinder, Jugendliche und auch Eltern brauchen in vielerlei Angelegenheiten Hilfe und Unterstützung. Aber gerade unsere Kinder und Jugendlichen brauchen Vorbilder. Sie brauchen viele Menschen um sich, die sich aktiv in ständiger Bewegung halten und ihnen einen Weg zeigen können. Ohne ehrenamtliches Mitwirken würde die Waage nie ins Gleichgewicht kommen. Wenn ich nur ‚arbeiten‘ würde, dann würde ich mir selbst nicht mehr gerecht werden. Ich stehe jeden Morgen nicht hochmotiviert auf, weil ich zur Arbeit gehen muss. Nein! Ich habe einen selbst gewählten Auftrag, und ich möchte viele Menschen erreichen, die sich für unsere Zukunft stark machen!“