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Erinnerungskultur, oder Betroffenheitsrethorik?

Seit dem ich bei diesem Theater-Projekt mitmache, fällt mir auf, wie oft es in unserem Alltag um Krieg geht. In den Medien – aber auch in  unserem Wortschatz: mit „schieß los“, „nullachtfünfzehn“, „Achillesferse“ oder „Trenchcoat“ zum Beispiel. Aber auch wenn es um meine Hausarbeitsthemen geht, oder die Examensthemen, die ich mir für kommenden Herbst ausgewählt habe: Ob es nun die Kriege nach dem Tod des Alexander des Großen sind, die Reconquista, die Kreuzzüge, der Hundertjährige Krieg, der Siebenjährige Krieg oder der erste und zweite Weltkrieg, der Krieg in Afrika, der Jugoslawienkrieg, die Golfkriege, der Afghanistankrieg, der Ägyptenkrieg, der Syrienkrieg, der Krieg in Irland, der Ukrainekrieg, der ewige Israel-Palästina-Konflikt, der Jemenkrieg, und nicht zuletzt der Krieg nun in Yarmouk, wo die Menschen gefangen sind: zwischen dem IS und dem Assad-Regime… Ständig geht es um Macht, Geld und mehr Land. Nur selten um Verteidigung.

Nicht zuletzt war es im Film Fatih Akins namens „Cut“, als ich mir gewünscht habe, dass die Welt doch gefälligst allen Menschen gehören sollte. Wozu diese ewigen Bestrebungen nach Gleichmacherei und Sichzueigenmacherei?! Wieso begegnet man dem Anderen nicht mit Neugier? Nicht mit Rücksicht? Nicht mit einer Tasse Tee oder Kaffee?

Das Aufheben von Grenzen würde nichts bringen. Die Grenzen in den Köpfen müssen weg. Weg mit der Mauer, die sich erst im Verlaufe des Erwachsenwerdens aufgetürmt hat. Als Kind wussten wir noch zu lieben und zu leben, ohne zu klassifizieren. Ohne auszuwählen. Später erst ändert sich das beim Menschen. Im Laufe seiner Entwicklung lernt er es anhand Hautfarbe, Religion oder sozialem Status zu sortieren. Und zu verpulverisieren. Zum Ursprung müssen wir zurück. Wieder Kindwerden müssen wir….

Der schmale Grat zwischen Betroffenheitsrethorik und Erinnerungskultur

Dann dieses laute Schweigen wie meins. Für manche reines Gejammer. Für mich gehört das zur Erinnerungskultur. Erinnern, um nicht zu vergessen. Erinnern, um gleiche Fehler zu vermeiden. „Aufarbeitung der Vergangenheit“ à la Adorno. Oder ist das vielleicht doch nur leere Betroffenheitsrethorik? Was tue ich denn aktiv und effektiv gegen Gewalt? Hier schreiben? Theaterspielen? Konferenzen mitorganisieren? Lehrerin werden? Später in die Lehrerbildung gehen? Gedichte schreiben? Mit Menschen reden? Menschen zuhören? Dem Leid Gehör verschaffen? Meinen moralischen Finger auf die TäterInnen richten? Den Opfern gedenken? Fahrrad statt Auto fahren? Feiern, wenn ich einen Punk mit einer Kopftuchträgerin Hand in Hand sehe? An Advent in die Kirche gehen? FreundInnen zum Fastenbrechen an Ramadan einladen?

Langt das, um zu sagen, dass man was gegen Gewalt auf der Welt tut?

Natürlich müssen Sie und ihr jetzt, liebe Leserinnen und Leser, mit Nein antworten. Was denn sonst… Wenn ich schon so frage…

Ja – höchstwahrscheinlich langt das nicht.

Und kurz bevor ich die Hoffnung verliere, erinnere ich mich an das wunderbare Ameisen-Beispiel. Da geht es um eine Ameise, die mit einem winzig kleinen Tropfen Wasser versucht, ein riesiges Feuer zu löschen (das Feuer, in welches Abraham geworfen werden sollte). Und das, obwohl sie weiß, dass ihr Tropfen das Feuer nicht löschen wird. Man fragt sie nämlich sarkastisch, ob sie sich denn nicht bewusst sei, dass dieser Tropfen dem Feuer nichts tun wird. „Die Absicht zählt“, sagt sie. Und trägt noch einen weiteren Tropfen.

Vielleicht sogar nur,

um

ein Zeichen

zu setzen.

Und um auch mal zu agieren – statt nur zu reagieren.

(Daher auch der Name meines privaten Blogs: „undnocheintropfen“.)

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