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Urlaubszeit: Gelegenheit, das andere Deutschland zu entdecken

Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft und die deutsch-türkische Minderheit stehen zur Zeit ein wenig Rücken an Rücken. Jede von ihnen hat ein Dauerthema, die eine die Migration, die andere die Sorge um das Schicksal des Landes, aus dem Eltern oder Großeltern einst in Richtung Alamanya aufbrachen und das zum Schauplatz eines blutigen und abscheulichen Putschversuchs wurde. Aber nun herrscht Sommerzeit in Deutschland, die Politiker haben die Hauptstadt verlassen, aber sie befinden sich in einer Art von Alarmbereitschaft, Teile der Bevölkerung auch, das iPhone und andere Kommunikationsmittel machen es möglich.

Wie auch immer man die Situation für Menschen bewerten mag, die sich Sorgen über die Lage in der Türkei machen oder aber auch nicht, dieser Sommer, der sich nun knapp jenseits seiner Mitte befindet, bietet auch Chancen, z.B. eine gute Gelegenheit, Deutschland zu entdecken, wenn die beabsichtigte Reise in die Türkei aus welchen Gründen auch immer ausfallen musste. Gewiss, die Bundesrepublik ist nicht das bevorzugte europäische Reiseland, wie es Frankreich, die Nr. 1 auf dem Kontinent, oder Spanien ist. Aber sie ist jederzeit eine Reise und eine Entdeckung wert.

Das beginnt damit, dass man aus dem Zentrum des Landes nahezu jeden Ort binnen eines Tages erreichen kann. Die Verkehrsinfrastruktur ist ausgezeichnet, man hat die Wahl zwischen Meer, Mittelgebirge und Hochgebirge, nur das warme Mittelmeer fehlt. Einen Regenschirm oder eine Regenjacke dabei zu haben, empfiehlt sich also ebenso wie der dicke Wollpullover. Eine Besonderheit Deutschlands sind die vielen interessanten Städte, die sich gut für einen Kurzbesuch eignen. Es gibt sie in dieser großen Zahl, weil Deutschland jahrhundertelang aus vielen Kleinstaaten bestand. Daher besitzen viele, auch kleinere Städte ein Theater, eine Konzerthalle oder ein wichtiges Museum. Eine Stadt mit 20 000 Einwohnern kann unter diesen Umständen ein kulturelles Zentrum sein, einen wunderschönen historischen Stadtkern haben, Wasser und Wälder in unmittelbarer Umgebung.

Es bedarf keiner prallgefüllten Geldbörse, um durch Deutschland zu reisen. Ich würde behaupten, dass es in Europa nur wenige Länder gibt, in denen man für sein Geld so viel bekommt wie hierzulande. Wer das Geld für eine Übernachtung in einem Hotel oder in einer Pension nicht hat, findet leicht ein günstiges Privatzimmer oder kann in einer Jugendherberge übernachten. Sie steht einer Familie ebenso offen wie dem Wanderer, der zu Fuß unterwegs ist oder auf dem Fahrrad. Noch günstiger sind Einrichtungen, die Kirchen und Sozialwerke bereitstellen, auch Kommunen. Überall gibt es für Familien Rabatte und Vergünstigungen. Im Kinzigtal im Schwarzwald, das ich besonders gut kenne, fährt man umsonst in der Eisenbahn, hat freien Eintritt in Museen und Schwimmbäder, wenn man eine Übernachtung gebucht hat.

Es bedarf keiner prallgefüllten Geldbörse, um durch Deutschland zu reisen. Ich würde behaupten, dass es in Europa nur wenige Länder gibt, in denen man für sein Geld so viel bekommt wie hierzulande.

Gerade die letzten Tage und in gewisser Weise auch die große Demonstration in Köln haben gezeigt, wie groß der Nachholbedarf bei Begegnungen zwischen Mehrheitsdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund ist. So wie es viele Westdeutsche gibt, die noch nie Urlaub im Osten des seit einem Vierteljahrhundert wiedervereinigten Landes gemacht haben, so gibt es auch viele, die den Nachbarn in der Straße um die Ecke, der dort seit über zehn Jahren wohnt, nicht kennen. Ferien- und Urlaubszeit sind somit auch Gelegenheiten, nicht nur neue Gegenden Deutschlands kennenzulernen, sondern auch mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die man sonst nicht so leicht antrifft. An dieser Stelle möchte ich eine Lanze für meine Landsleute brechen: eine überragend große Zahl von ihnen ist hilfsbereit, auch aufgeschlossen und interessiert, wenn sie in der Ferienzeit auf einen Gast trifft. Da kann man in anderen Ländern ganz anderes erleben.

Viele Deutsche sind in den letzten zehn Jahren in der Türkei gewesen, um dort Urlaub zu machen. Sie haben ein gewisses Bild vom Land, sie haben die traditionelle Gastfreundschaft der Türken genossen. Nun sind die Verhältnisse über Nacht anders geworden. Aber genau dies ist eine Chance, im deutschen Sommer ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen auszutauschen und zu entdecken, dass die Bundesrepublik nicht nur aus städtischen Vierteln und „Kiezen“ besteht, wie man in Berlin sagt, sondern dass sie auch ein interessantes Reiseland ist.

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