Seit gut einer Woche läuft der Film "Azizler" auf Netflix. Foto: Netflix

Die Netflix-Verfilmung „Azizler“ lädt nicht nur mit einer erneut herausragenden Besetzung ein, sondern auch mit einem starken Trigger im Trailer: Stereotypie, einer psychomotorischen Verhaltensauffälligkeit. Eine Filmempfehlung.

Wer Engin Günaydın (48) kennt, der denkt gleich an seinen unvergesslichen Charakter in der türkischen Kultserie „Avrupa Yakası“. Dort spielte der talentierte Schauspieler den merkwürdigen Spießer „Burhan Altıntop“. Bis heute sind seine Tiraden von 2009 auf YouTube beliebt. Zudem wirkte Günaydın in Filmen wie Vavien (2009) und Aile Arasinda (2017) mit. Dennoch galt er eher als vergessen. Grund dafür war auch seine schwankende Laune. Eigenständig verkündete Günaydın 2015 das Ende seiner Schauspielkarriere.

Netflix baut allmählich eine türkische Filmografie auf

Dass er seine Leidenschaft nicht ganz aufgeben konnte, zeigen seine wenigen, aber gut ausgewählten Produktionen danach. Nun hat Netflix den introvertierten Künstler zu einem kongenialen Werk überredet. Mit „Azizler“ wird in einem absurden Stil die Geschichte von „Aziz“ erzählt. Ein kreativer Mitarbeiter in einer Agentur für Viral-Content, jedoch hochgradig gestresst und unglücklich. Weder im Beruf noch im privaten Leben läuft es zufriedenstellend. In seiner Wohnung sitzt er ungewollt mit der Familie seiner Schwester samt seines psychopathischen Neffen Caner (5) fest.

Luxus, Konsum, Fake und die Einsamkeit

Caner ist ein Stereotyp und für die Dramaturgie des Filmes ein massiv stigmatisierter Charakter. Er kommt eher wie eine Karikatur daher. Mit seinem Verhalten, seiner Ausdrucksweise und den dazugehörigen Eltern, die keine guten Erzieher sind, stellt er das Resultat der Populärkultur und dem unverhältnismäßigen Konsum sozialer Medien dar. In seiner eigenen Wohnung durch seinen Neffen terrorisiert sucht Aziz nach Ruhe. So zieht er sich mit einer Lüge in die Luxuswohnung seines Chefs zurück, der in seinem gestellten Leben die schmerzliche Einsamkeit auslebt.

Was am Ende übrig bleibt, ist die Treue als eine wichtige Säule der Gesellschaft

Die Gäste auf seiner Party sind bezahlte Komparsen, seine Storys von all den Frauen, die angeblich verrückt nach ihm sein sollen, ein Fake. Der Luxus allein macht ihm auch keinen Spaß. Seine Versuche, mit Aziz eine echte Freundschaft zu knüpfen, scheitern und münden in einem heftigen Racheakt. Der Film zeigt anhand der Nebenhauptrolle mit Haluk Bilginer, dass das Festhalten an elementaren Werten noch immer Sinn ergibt. Der schwerkranke Erbil ist der freundliche Typ von der Arbeit. Doch in seiner Einsamkeit nach dem Tod seiner geliebten Frau spielt nur der fürsorgliche Aziz eine Rolle. Er besucht ihn nach seiner Krankheit, bringt ihn ins Krankenhaus und hört ihm zu. Diese kleinen Gesten der Treue werden Aziz ein vorgezogenes Happy End bereiten.

„Azizler“ hört so auf wie er anfängt

Der Film hört schließlich dort auf, wo er beginnt. Die Frau mit den andauernden Wiederholungen aus dem Trailer ist Aziz‘ Freundin. Er trifft sie, um der Beziehung ein Ende zu setzen. Doch ihre Krankheit Stereotypie hält diesen Prozess auf. Dabei handelt es sich um eine psychomotorische Verhaltensauffälligkeit, die sich in wiederholten und ständig gleichbleibenden Handlungen äußert. Am Ende des Films wird die junge Frau aus ihrer Neurose geholt und ihre Beziehung gerettet. Doch eine böse Überraschung wartet noch auf sie und Aziz. Die Macher des Films beschenken – oder bestrafen – die Zuschauer mit einem offenen Ende.