Bernie Sanders

Als der Wahlsieger von New Hampshire in der Stunde des Triumphs vor seine Anhänger trat, zeigte er für einen kurzen Moment Sentimentalität:„Ich bin der Sohn eines polnischen Einwanderers“, sagt der in Brooklyn aufgewachsene Bernie Sanders mit Blick auf seine einfache Herkunft. Seine Eltern hätten sich niemals träumen lassen, dass ihr Sohn eines Tages für das Amt des US-Präsidenten kandidieren würde. Dass der „Sohn polnischer Einwanderer“ einen anderen Teil seiner Herkunft nur selten erwähnt, trägt ihm eine Menge Kritik ein. Zum Beispiel vom Magazin „Forward“, das sich wundert, warum Bernie sich nicht als „Sohn jüdischer Immigranten“ vorstellt. „Sanders hat sein jüdisches Erbe beinahe bis zum Punkt der Verleugnung heruntergespielt“, beschwert sich das Sprachrohr der progressiven Juden in den USA.

Tatsächlich tut sich Sanders schwer, über seine jüdischen Wurzeln zu sprechen. Dabei schrieb er damit schon bei den Vorwahlen der Demokraten in New Hampshire Geschichte. Nie zuvor hatte ein jüdischer Kandidat „Primaries“ in einem US-Bundesstaat für sich entscheiden können.

Knapp zwei Wochen nach dem Triumph wollte Sanders der historischen Bedeutung, die eine mögliche Wahl Hillary Clintons zur ersten Frau ins Präsidentenamt zweifellos hätte, dann doch etwas entgegensetzen: „Jemand mit meinem Hintergrund, jemand mit meinen Ansichten, ein Sanders-Sieg, wäre gewiss auch eine historische Errungenschaft“, entgegnete er seiner demokratischen Konkurrentin während einer Debatte in Milwaukee.

„Ich werde alles tun, um das Land von diesem hässlichen Rassismus-Fleck zu befreien.“

Sein „Hintergrund“ ist nicht nur ein jüdischer, sondern einer, der für mehrere Familienmitglieder Verfolgung und Tod bedeutete. „Die Familie meines Vaters kam in Konzentrationslagern ums Leben“, sagte der 74-Jährige bei einer Veranstaltung mit Studenten in Virginia; es ging dabei um seine Beweggründe, gegen Donald Trumps islamfeindliche Äußerungen Position zu beziehen. „Ich werde alles tun, was in meiner
Macht steht, um das Land von diesem hässlichen Rassismus-Fleck zu befreien, der für viel zu viele Jahre existierte.“

Dass Sanders seine Religion in der Regel nicht öffentlich thematisiert, hat weniger mit dieser selbst als mit seiner kritischen Einstellung zu öffentlichen Frömmigkeits-Bekundungen zu tun. „Er ist völlig säkular“, meint Professor Jonathan Sarna, der an der Brandeis University in Massachusetts jüdische Geschichte lehrt. Wie wenig der Kandidat Teil des organisierten jüdischen Lebens in den USA ist, demonstrierte er mit einer Rede an der Liberty University in Virginia. Ausgerechnet am jüdischen Neujahrstag Rosch HaSchana trat er vor der größten evangelikalen Kaderschmiede der USA auf.

Der Direktor des „Religious Action Center of Reform Judaism“, Rabbi Jonah Pesner, versteht die Aufregung in Teilen der jüdischen Gemeinde der USA nicht. „Dass ein Kerl mit starkem Brooklyn-Akzent und dem Namen Bernie ein ernsthafter Präsidentschaftskandidat ist und niemand darüber diskutiert, ist eine bemerkenswerte Aussage über den Erfolg der Integration der amerikanischen Juden“, sagte Pesner dem Magazin „Atlantic“.

Laut einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Gallup sagen tatsächlich 91 Prozent der Amerikaner, sie hätten kein Problem damit, einen Juden ins Weiße Haus zu wählen. Das war noch anders, als der orthodoxe Jude Joe Lieberman im Jahr 2000 um das Amt des Vizepräsidenten unter Al Gore antrat. Damals schrieben sich die Analysten und Meinungsführer noch die Finger wund über die Frage, ob dies ein Nachteil für Gore sein könnte.

2016 spielen derlei Fragen keine Rolle mehr. Umso weniger verstehen aktive Gläubige, warum Sanders ein Geheimnis aus seiner Zeit als Mitglied eines Kibbuz in Israel macht. Dank der Recherchen des israelischen Journalisten Rossi Mehlman, ist bekannt, das er 1963 für einige Monate im progressiven Kibbuz HaAmakim als Freiwilliger arbeitete.

Der Kandidat schweigt sich dazu aus und bleibt seinem Wahlkampf-Stil treu. „Jeder praktiziert seine Religion auf unterschiedliche Weise“, verteidigt Sanders seine Glaubenspraxis. „Sie ist das Leitprinzip in meinem Leben. Absolut.“ (kna/dtj)