Dass in der Türkei Aleviten leben, wissen viele. Wie sie leben, speziell welche Riten sie befolgen, das wissen dagegen nur wenige – zumindest außerhalb alevitischer Kreise. Bis in die letzten Jahrzehnte war die alevitische Minderheit nicht sichtbar. Dabei leben in der Türkei 10 bis 15 Millionen Menschen, die der alevitischen Konfession angehören. Da nach dem islamischen Kalender zur Zeit der Monat Muharrem ist, dem im alevitischen Glauben eine besondere Bedeutung zukommt, hat sich die Zeitung Zaman der alevitischen Tradition dieses Festes gewidmet.

Bedeutung des Monats Muharrem

Der Monat Muharrem ist der erste Monat im islamischen Kalender. Was ihn so besonders macht, ist jedoch nicht, dass mit ihm das muslimische Jahr beginnt, sondern die Vorkommnisse um den Prophetenenkel Hussein, die sich in ihm ereigneten. In der Schlacht von Kerbela im Jahr 680, die eher die Bezeichnung ‚Massaker an den Familiennachkommen Mohammeds‘ verdient, wurde Imam Hussein zusammen mit 72 anderen Menschen abgeschlachtet.

In Wahrheit handelte es sich um einen Machtkampf. Auf der einen Seite stand der Enkelsohn Mohammeds, Imam Hussein, auf der anderen Seite Yazid I., der weltliche Machthaber. Der eine stand für Ethik, der andere für reinen Machtwillen, für schmutzige Politik. Diesem Ereignis wird von den Schiiten und den türkischen Aleviten als Trauerereignis gedacht. Anders als bei den Schiiten gibt es bei den türkischen Aleviten jedoch nicht die Tradition der Selbstgeißelung.

Woher die Aschura-Tradition kommt

In diesen Monaten wird in vielen muslimischen Häusern die Süßpeise Aschura zubereitet, sowohl in sunnitischen als auch in alevitischen Haushalten. Für die Aleviten geht die Bedeutung von Aschura jedoch weit über diese Speise hinaus.

Die alevitische Familie Gül vorgestellt lebt in Istanbul. Vater Doğan Gül erzählt, dass die Aleviten den Monat Muharrem als Trauermonat begehen. Sie gedenken der Ermordung Imam Husseins sowie seiner Gefolgsleute samt Frauen und Kindern in Kerbela. Deshalb tragen viele Aleviten während des Muharrem dunkle Kleidung als Zeichen ihrer Trauer. Zur Tradition gehört ebenfalls, dass sie sich nicht rasieren, nicht in den Spiegel schauen, nicht laut lachen oder ausgiebig trinken – denn auch Ali und seinen Gefolgsleuten in Kerbela wurde Wasser verwehrt, sie litten an Durst. Allerdings, so schränkt Doğan Gül ein, leben heute viele Aleviten in Großstädten, sind im Arbeitsleben tätig und können von daher Riten wie sich nicht zu rasieren oder nicht in den Spiegel zu schauen nur schwer umsetzen.

Wie Aleviten im Muharrem fasten

Tagsüber fasten sie. Doğan Gül erzählt, dass das Fasten 15 Tage dauert, 12 Tage lang praktizieren sie das sogenannte Trauerfasten (Matem Orucu), drei Tage das sogenannte ‚Mâsûm-u Pâklar‘-Fasten (in etwa das ‚Fasten für die Unschuldigen und Reinen‘).

Doğan Gül führt aus: „Die Bewohner von Kufe schickten Briefe an Imam Hussein und luden ihn zu sich. Sie gaben an, ihm ihre Gefolgschaft zuzusichern. Um zu erfahren, ob diese Einladung ehrlich gemeint war, schickte Hussein zwei seiner Söhne sowie den Sohn seines Onkels Müslüm bin Akil. Die Leute seines Rivalen Yazid haben allerdings von ihnen erfahren und die drei festgenommen und getötet. Zum Gedenken an dieses traurige Ereignis fasten wir drei Tage lang.“ Abends gehen sie in das Cemevi, die alevitischen Versammlungshäuser, die das alevitische Äquivalent zur Moschee sind.

Nach diesen drei Tagen und den 12 Tagen Fasten zu Anfang des Muharrem wird am 13. Tag Aschura-Speise zubereitet und an die Nachbarn und Bekannten verteilt. Wie Fatma Gül betont, verteilen die meisten Aleviten ihre Aschura-Speisen auch an ihre sunnitischen Nachbarn und Freunde. Doğan Gül führt aus, dass am Tag des Aschura auch ein Opfertier zu Ehren von Zeynel Abidin geschlachtet wird. Er war der Enkel des Imams Ali und hat als einziger männlicher Nachkomme das Massaker von Kerbela überlebt.

Alevitische Küche im Muharrem

Mutter Fatma Gül gibt Einblicke in die Küche. Sie erzählt, dass sie im Monat Muharrem nicht mal Zwiebeln oder Äpfel schneidet und kein Messer in die Hand nimmt. Deshalb werden die für die Zeit benötigten Lebensmittel vorher zubereitet, in Tüten gepackt und gehortet.

Fatma Gül sagt: „Zum Fastenbrechen bereiten wir eine Suppe und ein weiteres Gericht zu. Die Tische werden nicht üppig gedeckt. Fleisch kommt nicht in die Töpfe, keinem Geschöpf soll Leid angetan werden. Nicht mal Eier verwenden wir.“

Fatma Gül erzählt auch, dass sie im Monat Muharrem 12 Tage lang kein Wasser trinken, da auch Hussein und seine Gefolgsleute in Kerbela zwölf Tage lang nichts zu trinken hatten: „Aber natürlich müssen wir unserem Körper Flüssigkeit zuführen. Wir versuchen dieses Bedürfnis unseres Körpers durch Ayran, dünnen Tee und Suppe zu decken.“ Im Monat Muharrem würden Aleviten auch keine Hochzeiten oder Verlobungen feiern.