Das Logo von "Islamic Relief".

Die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime nähert sich der 5-Millionen-Grenze. Eine zu große Community, um noch von einer kleinen Minderheit zu sprechen. Sie ist ein Teil dieser Bevölkerung, in allen Bereichen der Gesellschaft. So ist sie auch in karitativen Tätigkeiten längst angekommen. Doch häufig werden islamische Organisationen in der Wohltätigkeitsbranche schnell verdächtigt. So wie es derzeit mit Islamic Relief passiert.

Jedes Jahr zum Opferfest oder anlässlich der Fastenzeit im Ramadan werden Muslime zu Spendenaktionen aufgerufen. Zum Teil ist das Spenden eine religiöse Pflichthandlung, weshalb Organisationen für humanitäre Hilfe diese aus religiöser Sicht interessanten Monate als besonderes Marketing-Ziel betrachten. Sie richten ihre Werbekampagnen auf diese Zeit aus, um ein Maximum an Spenden zu sammeln und diese im besten Fall an die Bedürftigen zu verteilen.

Und Muslime sind in diesen Phasen tatsächlich spendabel. „Islamic Relief“ hat laut Selbstauskunft im Jahre 2018 einen Umsatz von knapp 20 Millionen Euro gemacht. Eine hohe Summe, bei der der eine oder andere „Mitbewerber“ nur mit der Zunge schnalzen kann. Bei Islamic Relief handelt es sich um eine weltweite Organisation mit vergleichsweise professionellen und transparenten Strukturen. Sie rühmt sich damit, unabhängig zu sein. Zahlreiche Kooperationen in Deutschland belegen, dass sich das Hilfswerk einen guten Ruf erarbeitet hat. Doch gerade an dieser Stelle scheint es aktuell zu haken.

Islamic Relief unter Beschuss: Fließen Gelder an Hamas?

In einem aktuellen Bericht im „Deutschlandfunk“ ging es darum, ob an der Behauptung der israelischen Regierung, Islamic Relief Worldwide würde mit Spendengeldern in Palästina die Hamas unterstützen, tatsächlich etwas dran ist. Islamic Relief ist nach eigenen Angaben bereit, für diesen gravierenden Vorwurf in Israel vor Gericht ziehen. Für eine Klarstellung habe man keine andere Wahl, als die Regierung in Tel Aviv anzuklagen, so Nuri Köseli, Pressesprecher des Wohlfahrtsvereins.

Auch für ihren Status in Deutschland ist die Organisation gut beraten, diesen mutigen Schritt zu gehen. Denn seit einer kleinen Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag im Jahre 2019 steht fest, dass auch die Bundesregierung Islamic Relief scheinbar genauer unter die Lupe nimmt. Auf die Anfrage hin teilte das Bundesinnenministerium mit, Islamic Relief stehe im Verdacht, klare Verbindungen zur Muslimbruderschaft zu unterhalten.

Wohin fließen die Gelder wirklich?

Gegen diese Behauptung wehrt sich Islamic Relief und wolle auch alle Zweifel aus dem Weg räumen. Dafür brauche sie aber eine „Auskunft“ von der Bundesregierung, um mögliche Vernetzungen personeller Art aufzulösen. Der Bundesverfassungsschutz hingegen sehe trotz dieser Debatte und trotz des Status von Islamic Relief Worldwide in Israel keinen Grund zur Beobachtung, hieß weiter im Deutschlandfunk.

Ein möglicher Hinweis auf den tatsächlichen Status von Islamic Relief in Deutschland? Nach dem Motto: Diplomatisch wollen wir Israel nicht unnötig düpieren, aber auch deutsches Gesetz walten lassen. Wenn es so sein sollte, würde dies doch Islamic Relief eigentlich eine reine Weste attestieren. Wie auch immer, bekräftigt Pressesprecher Köseli, es seien keine Gelder an die Hamas geflossen und alle Spenden seien, ihrem Zweck entsprechend, ausschließlich für humanitäre Sachen ausgegeben worden.

Generalverdacht gegen islamische Organisationen – berechtigt oder unberechtigt?

Was derzeit mit Islamic Relief passiert, könnte sinnbildlich für die generelle Skepsis in Deutschland gegen muslimische Organisationen stehen. Doch ist dieser Generalverdacht wirklich so unbegründet? Vor einigen Jahren machte die „Ansaar International“ auf sich aufmerksam. Der Grund: Regelmäßig wurde die Organisation in die Nähe radikaler Salafisten gerückt. Der NRW-Verfassungsschutz kam im Fall der Düsseldorfer Organisation zum Schluss, dass es eine undurchsichtige Verstrickung mit terroristischen Vereinigungen in Syrien gebe. Größter Anhaltspunkt sei die Eröffnung eines Krankenhauses in einem Gebiet in Syrien, das durch die terroristische Al-Nusra beherrscht werde, so das NRW-Innenministerium in seinem Verfassungsschutzbericht von 2015.

Hinter den Organisationen steckt oftmals ein Lagerdenken

In Deutschland operieren einige islamische Organisationen und sie alle wollen gerne ihren Anteil aus dem lukrativen Spendentopf haben. Doch viele verfolgen eigene Ziele, haben ihre eigene Weltanschauung. Zwar kann man in den meisten Fällen einen extremistischen Ansatz, wie es ihn bei Ansaar laut NRW-Verfassungsschutz zu geben scheint, eher ausschließen. Doch Teil der Realität ist das klare Lagerdenken.

So gibt es Vereinigungen, die der türkischen Staatsdoktrin folgen oder der türkischen Milli Görüş-Bewegung nahestehen. Andere entstammen der rechten Szene der „Grauen Wölfe“. Daneben gibt es auch Organisationen, die entweder kleineren Gemeinden oder ethnischen Minderheiten zuzuordnen sind. Zwar kann davon ausgegangen werden, dass die Spendengelder auch ihren Zweck erfüllen und die nötige Hilfe an Ort und Stelle leisten. Aber gleichzeitig ist davon auszugehen, dass ein bestimmter Prozentsatz zur Refinanzierung der Gemeinde und ihren Wohltätigkeits-Strukturen fließt. Umso wichtiger ist deswegen die finanzielle Transparenz.