Gülen Entführung
Der türkische Geheimdienst hat erneut im Ausland zugeschlagen. Diesmal wurde der Neffe von Fethullah Gülen verschleppt. Symbolfoto: Shutterstock.com

Erst kürzlich sorgte Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko mit der erzwungenen Notlandung eines Passagierflugzeugs zwecks Festnahme eines Kritikers für viel Wirbel. Ähnliche Entführungsaktionen gehören für den türkischen Staatspräsidenten schon länger zum Alltag. Wie sein Geheimdienst jetzt wieder unter Beweis stellte.

Die türkische Regierung hat erneut mindestens einen mutmaßlichen Regierungskritiker im Ausland entführt. Darunter befindet sich Selahaddin Gülen, ein Neffe des in der Türkei umstrittenen muslimischen Gelehrten Fethullah Gülen. Über dessen Fall berichtete die staatliche Nachrichtenagentur „Anadolu“ am Montag.

Wie aus der Meldung der Nachrichtenagentur hervorgeht, soll der türkische Geheimdienst „MIT“ die Operation im Ausland durchgeführt haben. Wo genau diese stattfand, wurde nicht erwähnt. Während die kenianische Presse berichtet, dass Gülen in Kenia festgenommen wurde, sprechen einige türkische Agenturen von einem Land in Fernost. Dem Mann werde „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ vorgeworfen. Er stünde in Kontakt zu ranghohen Verantwortlichen der Organisation, womit die Hizmet-Bewegung (auch bekannt als Gülen-Bewegung) gemeint ist.

Hat ein ausländischer Staat mitgewirkt?

Unklar bleibt nicht nur, wo der Mann verhaftet wurde, sondern auch, ob der Geheimdienst bei der Operation durch einen ausländischen Staat unterstützt wurde. Dies war beispielsweise 2018 der Fall, als sechs türkische Staatsbürger aus dem Kosovo entführt und in die Türkei gebracht wurden. Damals sorgte der Vorfall für eine Regierungskrise in dem Balkanland. DTJ-online berichtete. Der Bruder des entführten Mannes, Kemal Gülen, der in der Türkei als Moderator des ehemaligen TV-Senders „Samanyolu TV“ bekannt war, schrieb auf Twitter, dass ein Gericht in Kenia sich vor kurzem gegen eine Abschiebung seines Bruders entschieden habe und die Festnahme nicht durch eine offizielle Vereinbarung zwischen der Türkei und Kenia geschehen sein könne.

Erdoğan kündigte Entführung persönlich an

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte die Verhaftung in einem Statement am 19. Mai persönlich angekündigt. Damals sagte er, dass ein ranghohes Mitglied der Hizmet-Bewegung verhaftet worden sei und der Name demnächst bekannt gegeben werde. Einen Tag später veröffentliche Seriyye Gülen, die Ehefrau des verhafteten Selahaddin Gülen, dass ihr Mann am 3. Mai von Unbekannten mitgenommen wurde und man seitdem nichts mehr von ihm gehört habe. In der kenianischen Presse wurde schon länger über eine mögliche Entführung durch den türkischen Geheimdienst spekuliert. Dort war sogar die Rede von einer zweiten Person, die zusammen mit Gülen verschleppt und wenige Tage später wieder freigelassen worden sein soll.

Präsident von türkisch-kirgisischen Schulen verschwunden

In einem anderen Fall geht es um Orhan Inandı, Gründer und Präsident des in Kirgisistan tätigen türkisch-kirgisischen Sapat-Schulnetzwerks. Dieser verschwand am Montag vor seinem Haus in Bischkek. Das berichtet die Webseite „TurkishMinute“. Laut einer Aussage des Schulnetzwerks wird befürchtet, dass er wegen seiner angeblichen Verbindungen zur Gülen-Bewegung entführt worden sein könnte. Inandı wurde zuletzt am Montag um 18 Uhr von seiner Familie kontaktiert. Sein Auto wurde in der Nähe seines Hauses mit offenen Türen gefunden. Seine Familie informierte nach eigenen Angaben umgehend die kirgisische Polizei und forderte eine dringende Untersuchung seines Aufenthaltsortes.

Das Sapat-Netzwerk ist in Kirgisistan seit 1992 tätig. Seit 2017 wird es von der Kirgisischen Republik betrieben. Zum Schulnetzwerk zählen 16 Gymnasien, eine internationale Universität, eine internationale Schule und drei Grundschulen. Inandı war seit 1995 in Kirgisistan tätig und seit 2001 Präsident des Schulnetzwerks. Laut Aussage der Sapat-Schulen erhielt er 2002 den Titel „Exzellenz in der Bildung der Kirgisischen Republik“ und das Ehrendiplom der Kirgisischen Republik sowie 2003 die Dankes-Medaille der Kirgisischen Republik für seinen Beitrag zur Verbesserung des Bildungssystems im Land. Er erwarb auch die Staatsbürgerschaft der zentralasiatischen Republik.

Freunde berichten von nicht gelisteten Flugzeugen in Bischkek und Taschkent

Engen Freunden der Familie zufolge warteten auf den Flughäfen in Bischkek und der usbekischen Hauptstadt Taschkent zwei Flugzeuge, die nicht auf den Fluglisten der an diesen Flughäfen tätigen Fluggesellschaften aufgeführt seien. Das nährt den Verdacht, dass diese Flugzeuge vom türkischen Geheimdienst verwendet worden sein könnten, um den Entführten in die Türkei zurückzubringen. Bestätigt ist das aber nicht.

Einige der Opfer, die in der Türkei verschwanden und in Polizeigewahrsam wieder auftauchten, haben vor Gericht ausgesagt, systematischer und schwerer Folter ausgesetzt gewesen zu sein. Ihre Entführer hätten gewartet, bis ihre Wunden verheilten, ehe sie sie der Polizei übergaben. Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht von Freedom House über globale transnationale Repression ist die Türkei die Nummer eins unter den Ländern, die seit 2014 Überstellungen aus anderen Staaten durchgeführt haben. Die türkische Regierung habe seit Juli 2016 ihre vermeintlichen Feinde in mindestens 30 verschiedenen Ländern in ganz Amerika, Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien verfolgt.

Die türkische Regierung wirft seit dem Putschversuch 2016 vor allem Anhänger:innen der Bewegung Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vor und hat seitdem Zehntausende Menschen verhaftet sowie Hunderttausende Bedienstete aus dem Staatsdienst entlassen. Um Repressionen und Folter zu entgehen, sind viele von ihnen ins Ausland gegangen. Als Beleg für die „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ werden oft auch banale Aktivitäten wie beispielsweise das Führen eines Kontos bei der als Gülen-nah geltenden „Bank Asya“ herangeführt. Die Bewegung selbst bestreitet die Vorwürfe.