Eine Collage in Andenken an die Schlacht von Gallipolli zeigt Alaattin Çakıcı inmitten türkischer Flaggen. Quelle: Twitter

Der von MHP-Chef Devlet Bahçeli unterstützte Mafiaboss Alaattin Çakıcı greift CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu auf Twitter an und droht ihm indirekt mit dem Tod. Er solle „klug sein“ und nicht auf seine Unterstützer vertrauen. Kılıçdaroğlu erstattete Anzeige.

Wenn Çakıcı sich zu Wort meldet, bekommt er derzeit viel Aufmerksamkeit. Kein Wunder, weil der 67-Jährige erst im April dank der Unterstützung durch Bahçeli aus der Haft entlassen wurde. Seitdem ist er in der gesamten Türkei unterwegs, besucht Promis und twittert zu aktuellen politischen Ereignissen. Sogar den Rücktritt von Berat Albayrak, Ex-Finanzminister und Schwiegersohn des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, ließ er nicht unkommentiert, während viele andere hochrangige Regierungsvertreter und -unterstützer noch schwiegen, weil Erdoğan sich erst nach 27 Stunden öffentlich dazu äußerte.

Doch diesmal wird der frühere Mafiaboss seinem Ruf gerecht. Er veröffentlichte am Dienstag einen handgeschriebenen Drohbrief auf vier A4-Seiten. Dabei benutzt er Schimpfwörter wie „Dürzü“, das zugleich als christenfeindlich gilt. „Schau, Kemal Kılıçdaroğlu, Verräter können dich aufstacheln. Aber sie werden dir nicht helfen, wenn du in Schwierigkeiten bist. Deshalb warne ich dich, sei klug. Begehe nicht den Fehler deines Lebens“, droht Çakıcı, der zugleich die Bezeichnung „Mafiaboss“ zurückweist.

Was war geschehen? CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu hatte Erdoğan kritisiert, nachdem dieser eine Justizreform angekündigt hatte. „Wirst du aufhören, Mafiabosse und Drogenhändler freizulassen und politische Gefangene zu inhaftieren?“, fragte er im Parlament in Richtung des Präsidenten. Doch die Antwort kam nicht vom Palast, sondern von Çakıcı. Im selben Brief wurden Bahçeli und Erdoğan zudem überschwänglich gelobt.

CHP-Granden melden sich zu Wort

Der Parteisprecher der CHP, Faik Öztrak, meldete sich ebenfalls via Twitter zu Wort: „Wir werden uns niemals von Mafiabossen einschüchtern lassen. Das sollen alle so wissen.“ Kılıçdaroğlu erstattete am Mittwoch Anzeige. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen hat.

Çakıcı wurde 1998 in Frankreich festgenommen und wegen zahlreicher Vergehen verurteilt. 2006 erhielt er wegen Anstiftung zum Mord an seiner Ex-Frau zunächst lebenslänglich. Das Strafmaß wurde später auf 19 Jahre und zwei Monate reduziert. In diesem Frühling, also nach 16 Jahren in Haft, kam er aber dank einer Begnadigungswelle frei. Der Chef der ultranationalistischen MHP, Devlet Bahçeli, hatte bereits 2018 Çakıcıs Freilassung gefordert. Die Partei hatte das von der Regierungspartei AKP eingebrachte Gesetz zur Freilassung der Häftlinge unterstützt.

Auch in Deutschland dürfte der Fall auf Aufmerksamkeit stoßen. Der Bundestag beschloss am Mittwoch, die Ülkücü-Bewegung, die aus dem Dunstkreis der MHP stammt, näher unter die Lupe zu nehmen und ein eventuelles Verbot zu prüfen.