Lahmacun gehen immer gut, sowohl als Hauptspeise als auch als Snack für den Hunger zwischendurch. Foto: Shutterstock

Türkische Imbisse werden in Deutschland immer beliebter. Neben dem Döner erlebt vor allem die „Türkische Pizza“ einen Boom. Doch was hat es damit eigentlich auf sich?

„Türkische Pizza“ war ursprünglich nur eine für Deutsche leichter auszusprechende Version von Lahmacun, einem türkischen Leckerbissen. Eine typische Lahmacun ist ein sehr dünn ausgerollter Teigfladen belegt mit (Lamm-)Hackfleisch und Tomatensoße, je nach Geschmack verfeinert mit Gewürzen wie Paprikamark, Zwiebeln, Knoblauch oder Kreuzkümmel. Typischerweise wird es mit Petersilie und einer Zitronenscheibe serviert, deren Saft über das Fleisch geträufelt wird. Dann wird der Fladen zusammengerollt und ähnlich wie ein Dürüm gegessen.

Doch ist Lahmacun überhaupt türkisch?

Fest steht, dass Lahmacun schon vor mehreren tausend Jahren im orientalischen Raum gegessen wurde. Woher genau das Gericht allerdings stammt, darüber streiten sich vor allem Armenier und Türken. Beide Parteien sind sich sicher, dass der Ursprung des leckeren Gebäcks in ihrem Land liegt. Auch die „Datteltäter“, die sich in manchen ihrer Videos türkischer Klischees bedienen, haben diese ewige und auch sehr lustige Streitigkeit der wahren Herkunft und richtigen Aussprache in dem Video „Dinge, die interkulturelle Paare kennen!“ thematisiert.

Lahmacun-Streit in der Presse

Schließlich hat es der Streit um die Herkunft der Lahmacun sogar in die Medien geschafft. Ein armenischer Restaurantbesitzer pries das sogenannte „Lamadjo“ (=die armenische Bezeichnung des gleichen Gerichts) öffentlich als armenisches Nationalgericht an. Darauf reagierten türkische Medien empört, denn Lahmacun sei definitiv türkisch. Es folgten Schlagzeilen wie „Şimdi de lahmacun krizi“ („Und jetzt auch noch die Lahmacun-Krise“) oder „Lahmacun: Ermeni lokantasında „Lamadjo“ olunca…“ (Lahmacun: Wenn es im armenischen Lokal plötzlich zum „Lamadjo“ wird).

In Deutschland als Türkische Pizza bekannt

In Deutschland ist jedoch die Mehrheit der Bevölkerung der Überzeugung, Lahmacun sei ein türkisches Gericht. Sei es nun, weil es stimmt, oder weil türkische Lokale deutlich präsenter sind, als armenische – die Lahmacun, alias Türkische Pizza, hat sich in Deutschland einen Namen gemacht.

Mittlerweile hat eine Türkische Pizza in vielen Imbiss-Lokalen aber nur noch wenig mit der traditionellen Lahmacun zu tun. Das Gericht wurde „eingedeutscht“, also den deutschen Ansprüchen angepasst, und vielfältig abgewandelt. Oft wird sie zum Beispiel nur als Fladenbrot-Alternative für Dürüms genutzt, also zusätzlich zu dem Lammhack-Tomaten-Aufstrich noch mit Dönerfleisch, Salat und Soße belegt. Der Begriff Türkische Pizza bezeichnet also nicht unbedingt eine „echte“ Lahmacun.

Doch warum wird der traditionell orientalische Imbiss überhaupt „Türkische Pizza“ genannt?

Die Ursache für die Bezeichnung einer Lahmacun als „Türkische Pizza“ ist wohl hauptsächlich in der deutschen Sprache zu finden. Als die türkische Küche in Deutschland langsam Fuß fasste, waren italienische Gerichte wie die Pizza längst jedem bekannt. Sie etablierte sich als beliebtes Street-Food, als italienische Gastarbeiter in den 1950er Jahren immigrierten und ihre (Ess-)Kultur verbreiteten. Lahmacun hingegen kam vor allem mit den türkischen Gastarbeitern etwa zehn Jahre später nach Deutschland. Es war neuartig, schwer auszusprechen und sah einer Pizza am ähnlichsten. Also wurde das Gericht prompt umgetauft, um es der deutschen Bevölkerung leichter zu machen, denn so weiß jeder, was gemeint ist.

Lahmacun wie Pizza oder doch eher wie Flammkuchen?

Die allseits bekannte Pizza erfreute sich außerdem immer größerer Beliebtheit – ein Ruf, von dem die Türkische Pizza anfangs durchaus profitierte. Dabei ähnelt eine Lahmacun sogar eher einem Flammkuchen als einer Pizza, der Teig ist nämlich besonders dünn und kross.

Viele Lahmacun-Liebhaber sehen den Vergleich mit der italienischen Pizza allerdings als Beleidigung, denn im Grunde hat eine Lahmacun wenig mit der italienischen Spezialität zu tun. Außerdem klingt Türkische Pizza eher nach einem billigen Abklatsch als nach einem eigenen Nationalgericht und das, obwohl es die Lahmacun schon viel länger gibt. Das Wort Lahmacun wurde abgeleitet aus den aramäischen Wörtern „lahm am dschun“, was so viel bedeutet wie „Teig mit Fleisch“. Dieses Gericht wurde von den Assyrern schon vor mehr als 4000 Jahren gegessen, lange vor der Geburtsstunde der Pizza, die erst im 18. Jahrhundert in Italien populär wurde. Außerdem kommt das Wort „Pizza“ laut einer (unbestätigten) Theorie von dem arabischen „pita“, also „Brot“.

Pizza als praktischer Namensvetter

Pizza dient also eher als Überbegriff für ein belegtes, sehr dünnes Brot, welches bei großer Hitze gebacken wird. Womit es belegt ist, steht dem Pizzabäcker frei, es gibt viele verschiedene Varianten. Die Lahmacun wird hingegen nahezu immer nach dem gleichen Grundrezept zubereitet und ist strenggenommen auch kein Brot, sondern ein Teigfladen.

Der Koch Orhan Tançgil bringt das Dilemma auf den Punkt: „Tortellini sind ja auch keine italienischen Maultaschen. Wir sollten die Rezepte beim Namen nennen und nicht die vermeintliche Übersetzung als Richtlinie. Ansonsten verlieren wir dieses türkische Kulturgut in Deutschland. Wir verändern ja auch nicht unsere eigenen Namen, oder? Das ist uns auch sehr wichtig, […] man ist nur zu faul, es einzufordern.“

Doch egal, ob Lahmacun oder Türkische Pizza, der traditionelle Teigfladen wird in Deutschland immer beliebter – und vielleicht sogar eines Tages richtig ausgesprochen.