„Mein Kopf – meine Entscheidung!“

GASTBEITRAG In Kolumnen liest man im Zusammenhang mit dem Tragen des Kopftuchs immer wieder Schlagwörter wie Religionsfreiheit, Neutralitätsgesetz, „falsche Toleranz“, Diskriminierung, Unterdrückung, religiöse Symbolik, Reformierung, unmodern und vieles mehr. Und liest mal einmal für eine Weile nichts darüber, wird man diesbezüglich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Alltag angesprochen. Es wird auf politischer, juristischer, feministischer und religiöser Ebene diskutiert und debattiert. An jedem der vier Ecken des Kopftuches wird gezogen und gezerrt, und das politische Interesse am Thema will nicht (ab-)reißen.

In Deutschland gab es die erste breit angelegte Kopftuchdebatte im Jahre 1998, als eine Lehrerin muslimischen Glaubens aufgrund ihrer Weigerung, das Kopftuch abzulegen, nicht in den Schuldienst übernommen worden und sie dagegen vor Gericht gezogen war. Der 11.September sowie die Integrationsdebatte sorgten für neuen Aufwind und führten dazu, dass das Thema „Kopftuch“ stetig wiedergekaut wurde, ohne ein Ergebnis zu bringen.

Sogenannte „Islamkritiker“ und Feministinnen meinen, im Kopftuch eine religiöse Symbolik erblicken zu können, welche zur Unterdrückung der Frau diene oder ihre Entwürdigung repräsentiere, da der Islam so die Frau auf ihre Sexualität reduziere – so heißt es – und nehmen damit einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung einer ohnehin bereits vorurteilsbeladenen Gesellschaft. Einige Ärzte sollen sich gar demonstrativ weigern, „bedeckte” Muslime zu behandeln, manche Unternehmen stellen Frauen mit Kopftuch gar nicht erst ein und staatliche Einrichtungen verschanzen sich hinter dem Neutralitätsgesetz.

Ist der Islam daran schuld, dass viele Menschen ihn nicht kennen?

Dass die Unterdrückung von Frauen nicht im Zusammenhang mit dem Kopftuch oder einer Religion zu bringen ist, braucht nicht näher ausgeführt werden, bedenkt man, dass diese bedauerlicherweise in allen Gesellschaften und Ethnien vorkommt und dies bereits seit Menschengedenken. Länder, die zum Großteil von Muslimen bevölkert werden, sind gegenüber dieser Fehlentwicklung ebenso wenig resistent wie Länder, in denen keine oder nur wenige Muslime leben.

Patriarchate unterdrückten nicht nur Frauen, sondern auch Männer und haben unter anderem den religiösen Glauben vieler Menschen für ihre Zwecke missbraucht, indem sie die Worte des „Schöpfers” zweckdienlich auslegten, um somit eine Legitimation ihrer Missetaten zu erlangen. Dieser Pfad wurde ihnen nicht von der Religion oder der sogenannten „Heiligen Schrift” geebnet, sondern von Menschen, die jahrhundertealte Traditionen, die es bereits lange vor Moses, Jesus oder Mohammed gegeben hatte, durch blinden Gehorsam aufrechterhielten. Ein Phänomen, das sich durch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch bis heute hält.

Entsprechend sollte es nicht so schwer nachzuvollziehen sein, dass dieses Verhalten nicht im Islam begründet ist, anders als es diverse Medien und sich medial profilierende „Opinion Leader” des öffentlichen Lebens hiesigen Menschen weismachen wollen.

Manche dieser selbsternannten Experten handeln im vermeintlichen Bewusstsein, sich ihrem persönlichen Standpunkt entsprechend für das Recht der Musliminnen einzusetzen. In aller Regel, ohne sich vor Augen zu führen, dass letztlich sie jene Personen sind, die diese Frauen diskreditieren, indem sie ihnen ihre Autonomie absprechen und ihre Fähigkeit, für sich selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Denn nicht jede Muslimin trägt ein Kopftuch, und nicht jede, die eines trägt, tut dies unter Zwang. Diese als „gutgemeint“ getarnte Bevormundung dient allzu oft der Polemik oder sehr eigennützigen Zwecken. Dass glaubensfeste Frauen als „unterdrückt“ abgetan werden, ohne dass überhaupt nach ihrem persönlichen Maßstab von Religion und Freiheit gefragt wird, führt dazu, dass sich in Deutschland lebenden Muslime diskriminiert fühlen.

Die scheinheiligen Samariter

Einem Menschen seinen freien Willen und seine Intelligenz abzusprechen, dadurch sein Recht auf Selbstbestimmung zu beschneiden und diese in politischen Debatten über die Religionsfreiheit zum Spielball der Islamgegner zu machen, welche dem Rest der Welt ihren eigenen Maßstab für Freiheit und Gleichheit aufzwingen wollen – das verrät ausgeprägte autoritäre Denkansätze. Einen Menschen nicht als ein Individuum zu betrachten, sondern als ein Kopftuch, welches als „Symbol der Unterdrückung“ stigmatisiert wird, verletzt nicht nur die Frauen, sondern alle Menschen in ihrer Würde. Dies ist nicht nur systematisches Mobbing mit dem Ziel, Frauen zum Ablegen ihres Kopftuchs zu zwingen, um sich dadurch am Ende selbst noch als (schein)heiliger Samariter inszenieren zu können, sondern es ist auch gezielte Diskriminierung und Diffamierung.

Was als „Understatement“ verkauft wird, ist Unterdrückung! Wie ich darauf komme? Sehen wir uns doch die Definition an, die uns von Wikipedia zur Verfügung gestellt wird: „Der Ausdruck Unterdrückung bezeichnet vor allem das Niederhalten einer bestimmten sozialen Gruppe durch missbräuchlichen Einsatz gesellschaftlicher Organe, ihrer Autorität oder sozialer Maßnahmen. Mehr oder weniger offiziell in einer Gesellschaft institutionalisiert, vermag dies zur „systematischen Unterdrückung” anzuwachsen. Unterdrückung entsteht durch die allgemeine, auch unbewusste, Annahme, eine bestimmte Menschengruppe sei minderwertig.“

Um auf den Punkt einzugehen, wonach muslimische Frauen aufgrund dieser Kleidervorschrift auf ihre Sexualität reduziert würden, frage ich mich, wieso überhaupt an der Kleidung dieser Frauen Anstoß genommen vor dem Hintergrund, dass etwa die Jungfrau Maria im katholischen Milieu auf Altarbildern oder in Skulpturen nicht anders dargestellt wird. Soweit ich das beurteilen kann, kleidete auch sie sich züchtig, besaß eine Kopfbedeckung und legte ihren Überwurf auch auf ihrem Kopf an.

Bedenkt man, dass Deutschland über Jahrhunderte hinweg als Bannerträger der christlichen Kultur betrachtet hatte, widerspricht der Kleidungsstil der Musliminnen im Grunde diesem christlich-kulturellen Kriterium in keiner Weise. Dennoch wird dieser Vorwurf laut. Auf einmal heißt es, dass der Kleidungsstil der Musliminnen – sprich das Kopftuch – nicht in das Bild passe, welches Deutschland von sich hätte. Muslime leben nun seit über 50 Jahren in Deutschland und dieses Bild hat sich plötzlich geändert? Das Kopftuch würde die muslimische Frau auf ihre Weiblichkeit reduzieren und sie folglich entwürdigen? Wenn ein großer Teil der Mehrheitsgesellschaft von einem Tag auf den anderen das Bedürfnis verspürt, mit religiösen Traditionen zu brechen, warum sollen dann auch alle anderen dazu genötigt werden, es diesem gleichzutun?

Was hat Freizügigkeit mit „Befreiung“ zu tun?

In Ausnahmefällen mag die Diagnose vielleicht sogar zutreffen, das möchte ich nicht abstreiten, allerdings entwürdigt die Annahme, jede Muslimin trage ihr Kopftuch unfreiwillig im Bewusstsein, ihre Sexualität zu neutralisieren, die Menschen im gleichen Maße. Die Sexualisierung von Textilien im Allgemeinen ist diskriminierend, und das Kategorisieren nach angeblich religiös instrumentalisierten Attributen ist dazu noch blasphemisch. Kann ein Textil ernsthaft über der gottgegebenen Gleichheit stehen?!

Die muslimische Frau wird also auf ihre Sexualität reduziert, wenn sie sich nicht figurbetont kleiden, nichts Durchsichtiges tragen, ihr Dekolleté nicht zeigen und ihren Kopf bedecken will? Wenn dieser Kleidungsstil eine Entwürdigung darstellt, möchte ich bitte erklärt haben, was tiefe Dekolletés, Minirock, Push-up-BHs, Hotpants, Wonderbras und High-Heels aus einer Frau machen? Was symbolisiert dann die Zurschaustellung des weiblichen Körpers auf Pin-up-Kalendern, wenn dieser sich mal auf einem Auto oder einem Satz Räder räkelt?! Als Vorlage für die „Selfmade-Ejakulation“ zu dienen, entspricht wohl kaum der Huldigung der Frau als menschliches Wesen. Die Frau wird global als Lustobjekt vermarktet, ist dies etwa eine Würdigung? Kann eine Frau unter Ausblendung ihrer Religion, nackt oder angezogen, bedeckt oder unbedeckt nicht etwa gleichermaßen frei und würdig sein?

Aber selbst hier werden sich die Feministinnen zu Wort melden und an dieser Stelle von „Emanzipation der Frau“ reden und der Volksmund wird ihnen murmelnd zustimmen, obwohl sie – wie die Sexismus-Debatte zutage gebracht hat – mit dieser Entwicklung der modernen Gesellschaft nicht ganz so glücklich sind, wie die Resonanzen auf die Kolumne „Dann mach doch die Bluse zu!“ von Birgit Kelle zeigen. Hier ein kurzer Auszug aus ihrer Kolumne: „Wir verpacken schon kleine Mädchen in Lolita-Klamotten und zerreden die Intimität von Sexualität als Prüderie. Wir laufen in Slutwalks durch die Straßen und proklamieren das Recht, wie Schlampen herumlaufen zu dürfen. Gleichzeitig wollen wir aber nicht als Schlampe bezeichnet oder gar behandelt werden. Wir punkten mit unserem Aussehen, gelten als das schöne Geschlecht, schnüren uns die Brüste hoch beim Oktoberfest, aber nein, wir wollen damit keine Aufmerksamkeit, wir wollen damit nur unsere inneren Werte betonen. [….] Frauen ziehen sich aus für den „Playboy“ und haben für das Recht gekämpft, ihren Körper verkaufen zu dürfen. An Männer. Keine Frage, die weibliche Anatomie taugt sehr gut als Waffe.“

Sex sells! Dass dafür meist der weibliche Körper genutzt und das „Lustgut Frau“ offenkundig auf ihre Sexualität reduziert wird, dass will angeblich keiner sehen, geschweige denn seine tatsächlichen Ansichten über diese Art des Körperkultes auch nur offen aussprechen.

Die wahre „Political Correctness“ kommt von den „Inkorrekten“

Gott bewahre, diese Meinung öffentlich kundzutun; die Gesellschaft könnte einen als konservativ, prüde oder altbacken abstempeln und einen gedanklich ins Mittelalter verbannen! Also zieht man es vor, in den Reihen der schweigenden Mehrheit zu bleiben. Warum jedoch gerade diese Mehrheit einen Sinneswandel erlebt, wenn es um den Islam und die Migranten geht, und plötzlich den Drang dazu verspürt, ihre Meinung offen und vor allem ungefragt kundzutun, ist mir allerdings schleierhaft.

Auf der einen Seite werden Frauen aufgefordert, sich zu entblößen, weil sie ansonsten den Anpassungserwartungen einer Nation nicht entsprechen würden und auf der anderen Seite wird ihnen geraten, sich zuzuknöpfen, wenn sie keinen sexuellen Avancen ausgesetzt werden wollen. Wobei nicht selten gerade selbsternannte „konservative Christen“, die allenthalben über den „Werteverfall“ klagen, nicht müde werden, ein Verbot von Kopftüchern als „Integrationshindernis“ zu fordern. Ist es eine Farce oder eine Tragödie, dass solch eine Doppelmoral an den Tag gelegt wird?

Für mich hat es etwas von beidem. Man dreht sich im Kreis und richtet seine Fahne aus, je nachdem, woher der Wind weht. Ein ständiges Auf und Ab in einem stetig wiederkehrenden Zyklus. Zu jedem Pro gibt es ein Contra und umgekehrt. Ein Chaos, in dessen Sog man unweigerlich mit hineingezogen wird, weil man selbst betroffen ist.

Als ob dies nicht reichen würde, sind es gerade jene „muslimischen Frauen“ mit Onkel-Tom-Attitüde, welche durch die Fernsehtalkshows gereicht werden, die zweckdienlich zu dem mutieren, was für die paternalistische Agenda erforderlich ist. Sie versuchen, sich als moderne und aufgeklärte Persönlichkeiten zu profilieren, stellen aber mit jedem Wort im Grunde Gegenteiliges unter Beweis, indem sie gesellschaftskonforme Äußerungen als ihre Ansicht verkaufen und sich, während sie mit dem Finger auf andere zeigen, sich als Musterschülerinnen der „Integration“ inszenieren. Der Erfolg, den sie dabei verbuchen können, ist, dass sie ihre Mitmenschen in ihren Vorurteilen nur bestärken – sie sind es, die ich am allerwenigsten verstehen kann. Dazu fällt mir nur ein Serienzitat ein: „Es heißt, Frauen würden von Männern unterdrückt, dabei unterdrücken sie sich doch gegenseitig!“

Traditionen, erzeugt durch mangelndes Wissen, bedingt durch die Erziehung ihrer Eltern, die den Namen Gottes/Allahs zur Legitimierung ihrer Erziehungsmethoden nutzten, sowie sie es wiederum von ihren Eltern vorgelebt bekommen hatten, werden hier mit der Religion gleichgesetzt. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, obliegt jedem Individuum selbst -durch Aneignung des erforderlichen religiösen, kulturellen und historischen Wissens. Dieses zu erlangen, statt dem Mainstream nach dem Mund zu reden oder ihn gar zu bedienen, würde allen Beteiligten weiterhelfen. Schließlich ist das Streben nach Wissen eine Pflicht für jeden Muslim, Mann oder Frau. Es sollte zum Selbstverständnis gehören, dass zu diesem Wissen insbesondere auch jenes um die eigene Religion zählt und die Fähigkeit, diese von bloßen Traditionen zu unterscheiden.

Mit Wissen gegen Vorurteile ankämpfen

Im Grunde kann man allen Vorurteilen entgegenwirken, wenn man sich nicht gerade aus Zweckdienlichkeit oder gar Bequemlichkeit der sogenannten „herrschenden Meinung“ anschließt, sondern sich mit der Thematik auseinandersetzt , jede These hinterfragt und den Menschen mit Respekt und einem gesunden Maß an Akzeptanz und Verständnis entgegenkommt.

Dass man letztlich eine annehmbare Lösung in dieser Endlosschleife „Kopftuch-Debatte und ihre Auswirkungen“ finden wird, wage ich zu bezweifeln, zumal ich der Ansicht bin, dass es ein bei weitem tiefergehendes Problem in der Gesellschaft gibt, wenn man Unterdrückung und Sexismus an einem bloßen Textil – dem Kopftuch – ausmachen zu müssen meint.

Welchem gesellschaftlichen Druck müssen erst jene Frauen ausgesetzt sein, die meinen, sich nur mittels ihrer Entblößung (Zurschaustellung ihrer geschlechtsspezifischen Organe) und ihrer Skandalträchtigkeit Gehör verschaffen zu können? Lenken sie die Aufmerksamkeit wirklich auf Probleme, die es weltweit gibt, oder setzen sie sich nur selbst in Szene? Inwieweit erweisen sie den Menschen tatsächlich einen gesellschaftlichen Dienst? Agitieren oder komplementieren sie?

Viele Fragen kommen bei dieser Thematik auf, doch deren Antworten bleiben sie sich selbst schuldig! Schließlich beginnt Freiheit im Kopf jedes Individuums und gut, dass es Frauen gibt, die diesen Körperteil effizient und eloquent zu nutzen wissen!

Autoreninfo: Aliye Yılmaz, wohnhaft in Gießen, ist Studentin im Fachbereich Wirtschaft an der THM. Sie interessiert sich für Religion, Psychologie sowie Philosophie und setzt sich gelegentlich in Diskussionsforen mit sozialkritischen Themen auseinander, die insbesondere Muslime und Migranten betreffen.