Eine Fernbedienung wird am 09.01.2012 in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in Richtung eines Fernsehers gehalten. Die Mehrheit der Fernsehzuschauer in Deutschland will an den Weihnachtstagen keine Gewalt auf der Mattscheibe sehen - dpa

Das neue Jahr habe ich in Nordrhein-Westfalen begrüßt. Es sollte eine große Familienzusammenführung sein. Die erste Generation sollte auf die dritte, Oma und Opa sollten auf die Enkelkinder treffen.

Das wurde es, aber auch mehr. Meine Reise nach Nordrhein-Westfalen wurde zu einer Reise in eine andere Türkei. Eine Reise mit vielfältigen Eindrücken. Ich wurde Zeuge, wie die andere Türkei denkt, wie sie tickt.

Wenn ich meine Reise nach Nordrhein-Westfalen als eine Reise in die andere Türkei bezeichne, so liegen mir nationale Gefühle und Gedanken fern. Um Orte geht es mir dabei nicht. Es geht mir um Wahrnehmungen, um Informationen, um die Quellen dieser Informationen. Die gleiche Reise könnte theoretisch auch in der gleichen Stadt, im gleichen Wohngebiet unternommen werden. Es soll sogar Familien geben, deren Mitglieder unterschiedlichen Arten der Türkei angehören.

Was ich sagen will: Ein Land ist zugleich ein öffentlicher Raum. Die Menschen sprechen die gleiche Sprache, nehmen die gleichen wichtigen Ereignisse wahr. Ein Berliner mag geographisch Polen näher sein, aber mit einem Freiburger teilt er viel mehr Wissen als mit denen jenseits der Oder. Seine Mannschaft könnte auf den SC Freiburg treffen, die polnischen Erstligisten werden ihm fremd bleiben – es sei denn, er ist ausgewiesener Experte polnischen Fußballs.

Die vier Türkeien

In diesem Sinne gibt es keine eine und einzige Türkei. Die Türkei und die Türken sind gespalten. Das gilt auch für die türkeistämmigen Menschen in Deutschland.

Grob gesagt kann man zwischen vier verschiedenen Türkeien unterscheiden: Die Türkei der AKP-Medien, die Türkei der Laizisten, die Türkei der Kurden und vielleicht als vierte Kategorie die Türkei der Hizmet-Anhänger. Sie alle informieren sich aus ihren eigenen Medien, haben ihre eigenen, festen Überzeugungen, wohin sich das Land entwickelt, ihre Stimmungen zeichnen sich durch unterschiedliche psychologische Zustände aus.

Die Hizmet-Anhänger – um mit der kleinsten zu beginnen – sind von den Entwicklungen der letzten Jahre enttäuscht. Als eine Bewegung, die im muslimisch-konservativen Milieu beheimatet ist, war sie bislang für westeuropäische Verhältnisse nationalistisch eingestellt. Sie hatte einen verklärten Blick auf die eigene Geschichte, Kultur, das eigene ‚Volk‘. Sie ist von Zweckoptimismus geleitet. Ob sie diese Verklärung aufrechterhalten werden kann und wird, ist fraglich.

Die Laizisten sind enttäuscht, beängstigt und zornig. Enttäuscht, dass ihre Parteien die Masse der Bevölkerung nicht erreichen, beängstigt, dass die AKP keine Episode geblieben ist, die bald vorbei ist, zornig auch auf die Hizmet-Bewegung, die die AKP in kritischen Situationen unterstützt und entscheidend zu ihrem Erfolg beigetragen hatte.

Die Kurden sind auch enttäuscht. Seit über 40 Jahren fließt Blut, Phasen des Kampfes wechselten sich mit Phasen der Annäherung ab. Die letzte Phase der Annäherung, der sogenannte Friedensprozess, endete jäh. Derzeit versucht der Staat mit Panzern in Städten für Ruhe zu sorgen, Unschuldige kommen zu Schaden, kämpfen ums nackte Überleben – doch mindestens die Hälfte der Türkei nimmt ihr Leiden gar nicht wahr.

Und dann das Lager der AKP-Anhänger. Das ist das Lager, in das ich gereist bin. Nein, meine Eltern sind keine AKP-Anhänger; ausgewiesene AKP-Gegner sind sie aber auch nicht. Sie schauen eben türkisches Fernsehen, setzen sich freiwillig der Beeinflussung durch den staatlichen Sender TRT und andere regierungsnahe Kanäle aus. Ihnen muss aber zugutegehalten werden, dass regierungskritische Sender mittlerweile mit der Lupe gesucht werden müssen.

Schaut man diese regierungsnahen Sender, so hat man ein total anderes Bild von der Türkei: Es läuft alles wunderbar. Die Regierung sorgt sich gütig um das Wohl der Landsleute. TRT und andere Sender übertragen sehr oft Ansprachen von Davutoğlu oder Erdoğan. Oppositionsparteien kommen gar nicht zu Wort und wenn, dann selten und kurz. Katastrophen oder zu beklagende Tote, sei es bei Unfällen oder im Kampf mit der PKK, sind natürlich nicht zu verheimlichen. Aber Negativ-Meldungen über die Regierungspartei oder die Staatsspitze gibt es nicht. Warum auch sollte die Regierung sich selbst schlecht dastehen lassen?

Hof-Journalismus

Das Prinzip „bad news are good news“ gilt nicht, zumindest nicht uneingeschränkt. Es gilt nur in Bezug auf die Opposition. Bezüglich der Regierungspartei gilt: „What a wonderful world.“ Werden einzelne Bevölkerungsgruppen als Feind ausgemacht, so werden gegen sie nur die Vorwürfe erwähnt, nicht aber ihre Verteidigung. Das wird als unnötige Verwirrung angesehen, wofür man ein gewisses Verständnis aufbringen sollte, weil sie nachweislich das psychische Befinden eines Menschen beeinträchtigen kann.

So gibt es im Südosten der Türkei, in den Städten mit starker kurdischer Bevölkerung einen Kampf gegen den ‚Terror‘. Unschuldige Zivilisten kommen dabei nicht ums Leben (so etwas passiert nur bei Angriffen Israels auf den Gaza-Streifen) und wenn doch, dann ist dafür die PKK verantwortlich. Der erhabene türkische Staat macht nämlich keine Fehler.

Für die Konsumenten dieser Sender ist das Land ein Modell für eine beispiellose Entwicklung. Hört man Davutoğlu beim Reden zu, ist man versucht zu fragen, ob man denn so viel Güte, Weisheit und Können an der Spitze des Landes auch verdient hat.

Was Propaganda kann – und was nicht

Dann fühlt man sich erinnert an das Gedicht von Bertolt Brecht „Notwendigkeit der Propaganda“, in dem es heißt:

„Ein guter Propagandist macht aus einem Misthaufen einen Ausflugsort. Wenn kein Fett da ist, beweist er, dass eine schlanke Taille jeden Mann verschönt. Tausende, die ihn von den Autostraßen reden hören, freuen sich, als ob sie Autos hätten.“

Wieder zurück in Berlin, konfrontiert mit anderen Medien, fühlt man sich zurück in der Realität und hat irgendwie die Nase voll von dieser Spaltung der Türkei. Man fragt sich, wo der Traum der einen endet und der Alptraum der anderen ‚Türken‘ beginnt. Brechts Gedicht endet jedenfalls so: „Je mehr es in unserem Land Propaganda (gibt), desto weniger gibt es sonst.“

So gut die Propaganda in AKP-Sendern auch klingt, solange die Kultur der Ignoranz anhält, solange das Leid, die Ungerechtigkeiten nicht wahrgenommen werden, die anderen zustoßen, solange wird das Land wohl auch gespalten bleiben. Solange die Türken nicht hinterfragen, was ihnen die Propaganda vorsetzt, solange werden sie nicht verstehen, warum ihr Land nicht zum Frieden findet. Solange werden sie auch ihre Söhne mit Angst in den Wehrdienst schicken, diejenigen, die können, werden ihre Kinder aus dem Wehrdienst freizukaufen versuchen.

Um mit Brecht zu schließen: Die Propaganda mag auch noch so gut sein, allein das Wort Fleisch sättigt nicht, das Wort Anzug hält wenig warm.