26.09.2021, Berlin: Olaf Scholz, Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat, winkt nach der Wahlparty im Willy-Brandt-Haus. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Kaum jemand hätte vor Monaten geglaubt, dass Olaf Scholz ernsthaft an den Türen des Kanzleramts rütteln kann – außer er selbst. In den letzten Wochen vor der Wahl wurde der nüchterne Hanseat zum neuen Politstar.

Olaf Scholz überlässt nichts dem Zufall. Hinter nahezu jedem Auftritt des 63-Jährigen steckt Kalkül – auch als er so früh und so deutlich wie kein anderer sagte: „Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.“

Seitdem hat Scholz abgenommen, so sehr, dass ihn manche als ausgemergelt beschreiben. Auch das ist Teil des Plans, sollte ihn für den Wahlkampf und die schwierige Zeit danach topfit machen. Viel Sport, kein Alkohol, das zog der Vizekanzler über Monate durch –  Disziplin bis hin zur Selbstkontrolle. Im unmittelbaren Wahlkampf unterlief ihm, anders als der Konkurrenz, kein Ausrutscher.

„Scholzomat“

Scholz, aufgewachsen in Hamburg und wohnhaft in Potsdam, gilt als Hanseat durch und durch. Seine Ideen verfolgt er stoisch – maximal garniert mit einem verschmitzten Grinsen oder einer Ironie, die viele nicht recht verstehen. Dass CSU-Chef Markus Söder ihm einmal „schlumpfiges Gegrinse“ vorwarf, findet Scholz witzig – und erzählt seitdem immer wieder amüsiert, wie viele Schlumpf-Figuren er geschenkt bekomme.

Noch mehr als das Image des Schlumpfs hängt ihm aber ein anderes an: Der „Scholzomat“, eine emotionsbefreite Phrasen-Dreschmaschine. Tatsächlich: mitreißende Reden, überschäumende Gefühle, das verbindet man nicht mit ihm. Scholz selbst beschreibt sich als verlässlich – langweilig sagen andere. Worüber man sich einig sein kann, ist ein unerschütterlicher Pragmatismus.

Der Mann, der die Hartz-IV-Reform durchsetzte

Kritik lässt der Vizekanzler gern von sich abperlen – so ähnlich, wie man das auch über Kanzlerin Angela Merkel sagt. Bei ihm geht es da vor allem um schwer nachvollziehbare Skandale aus der Finanzwelt: Wie stark ist er verstrickt in die Cum-Ex-Affäre um eine Hamburger Bank? Hätte er mehr machen müssen, um den mutmaßlichen Milliardenbetrug bei Wirecard zu verhindern? Warum funktioniert die Bekämpfung der Geldwäsche so schlecht?

Scholz ist auch eng mit einem Kapitel SPD-Geschichte verbunden, an das sich vor allem linke Sozialdemokraten mit Grausen erinnern. Als Generalsekretär von 2002 bis 2004 setzte er für Kanzler Gerhard Schröder die Hartz-IV-Reform mit durch – gegen den Willen vieler SPDler und von noch mehr Menschen in Deutschland. Dass Scholz und seine Partei nun Bürgergeld statt Hartz IV wollen, hätte leicht zum Glaubwürdigkeitsproblem werden können – ging aber unter.

Mit 17 und Locken dabei

Zugleich hat sich Scholz als Finanzminister international einen Ruf als Macher erarbeitet, genießt etwa beim französischen Amtskollegen Bruno Le Maire großen Respekt. Zu Beginn der Corona-Krise fackelte er nicht lang, sondern schnürte enorme Hilfspakete für Bürger und Unternehmen. Er ist Keynesianer, verfolgt also den Ansatz, dass der Staat in einer Krise gezielt Geld ausgeben statt sparen muss. Deutschland kam besser durch die Krise als manches Nachbarland.

Als Jugendlicher war Scholz Schulsprecher und nach eigener Beschreibung ein ziemlich unsportlicher Gymnasiast. Mit 17 trat er in die SPD ein – manche sagen, das wildeste an seiner Zeit als Jungsozialist sei die Frisur mit den dichten Locken gewesen. Davon war schon nicht mehr viel zu sehen, als der Arbeitsrechts-Anwalt mit 40, recht spät, zum ersten Mal in den Bundestag einzog.

Bürgermeister in Hamburg

Nach einem Aufstieg über verschiedene Ämter setzte Scholz als Bundesarbeitsminister Branchenmindestlöhne durch und entwickelte in der Finanzkrise das Instrument der Kurzarbeit weiter. 2011 wurde er Erster Bürgermeister in Hamburg. An der Elbe erlebte Scholz seine nach eigener Aussage politisch dunkelste Stunde: die gewalttätigen Krawalle nach dem G20-Gipfel 2017. Vor dem Hintergrund gerät fast in Vergessenheit, dass er auch eine beispielhafte Wohnungsbaupolitik für niedrige Mieten betrieb.

Zuletzt war Scholz Finanzminister, Vizekanzler und einer von Deutschlands beliebtesten Politikern. In seiner Partei dagegen wurde er lange nicht so innig geliebt. Die Wahl um den SPD-Vorsitz verlor er 2019 krachend und für viele völlig überraschend an das linke Duo aus Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Manche wären zurückgetreten – Scholz dagegen plante voller Selbstüberzeugung die Kanzlerkandidatur.

dpa/dtj