Schiitischer Geistlicher unterstützt sunnitische Demonstranten

Bagdad/Kerbela – Am vergangenen Wochenende erhielten die Demonstranten „prominente“ Unterstützung, als der frühere Stellvertreter von Ex-Präsident Saddam Hussein, Isset Ibrahim al-Duri, eine Videobotschaft veröffentlichte, in der er seine Solidarität mit den Demonstranten verkündete. Seither rätseln die Iraker über seinen Aufenthaltsort. Am Mittwoch hieß es in irakischen Medien, er sei nach einem Besuch in der Anbar-Provinz nach Katar – bekannt als Unterstützer der Sunniten in der Region – gereist. Al-Duri ist der einzige Saddam-Getreue, der nicht gefangen genommen wurde und genießt bei vielen sunnitischen Irakern immer noch hohes Ansehen.

Doch die Kritik an Regierungschef Nuri al-Maliki schweißt im Irak Aktivisten aus verschiedenen politischen Lagern zusammen. Die Protestierenden fordern Reformen und die Freilassung von willkürlich festgesetzten Gefangenen.

Zwar marschieren bei den seit Weihnachten andauernden Demonstrationen gegen die Regierung immer noch vorwiegend sunnitische Araber auf, was die Angst vor einem erneuten Aufflammen der konfessionellen Gewalt weckt – immerhin hatten nach dem Einmarsch der Amerikaner und dem Sturz Saddams im Jahre 2003 vorwiegend nach Konfessionen getrennte Milizen das Machtvakuum im Zweistromland gefüllt.

Am Dienstag erklärten sich jedoch auch schiitische Geistliche aus der Stadt Nadschaf solidarisch mit den Protestierenden, was die Angst vor einem bewaffneten Aufstand der irakischen Sunniten – vorerst – beseitigte.

Schiitischer Religionsgelehrte unterstützt sunnitische Demonstranten

Ali al-Nadschafi, der Sohn des Religionsgelehrten Baschir al-Nadschafi, sagte dem irakischen Nachrichtenportal „Schafak“, sein Vater unterstütze die Forderung der Demonstranten nach besseren staatlichen Dienstleistungen. Gleichzeitig habe er die Gegner des Ministerpräsidenten aber davor gewarnt, bei ihren Protestaktionen Parolen zu rufen, die den Frieden zwischen Sunniten und Schiiten gefährden oder das Regime von Ex-Diktator Saddam Hussein verherrlichen.

Al-Maliki nahm sich selbst aus der Schusslinie, indem er mehreren Ministern seiner Regierung den Auftrag gab, die „legitimen Forderungen der Demonstranten“ anzuhören. In einer Erklärung seiner Regierung hieß es, die Demonstranten müssten nun ihrerseits ein Komitee bilden, das in ihrem Namen mit den Ministern sprechen solle. Bei einer Sitzung des Parlaments kam es zu hitzigen Wortgefechten zwischen Abgeordneten der von Säkularen und Sunniten gegründeten Al-Irakija-Liste und der schiitischen Rechtsstaats-Koalition Al-Malikis.

Als Zeichen ihrer Solidarität mit den Demonstranten boykottierten am Dienstag einige sunnitische und kurdische Abgeordneten eine Parlamentssitzung. Die Organisatoren der Proteste in der fast ausschließlich von Sunniten bewohnten Anbar-Provinz kündigten am Dienstag an, sie wollten Aktivisten und Politiker anderer Religionsgruppen zu einem Besuch einladen, damit sich diese mit den Anliegen der Demonstranten vertraut machen könnten.

Gewalt ist im Irak leider immer eine Option – für alle Seiten

Al-Maliki, der seit April 2006 Ministerpräsident des Irak ist, verfügt jedoch auch über Rückhalt in der Bevölkerung. In der Stadt Kerbela demonstrierten mehrere Hundert seiner Anhänger. Wie die Nachrichtenagentur Sumeria News berichtete, stand dabei auf einem ihrer Transparente: „Wir werden der Türkei, Katar und Saudi-Arabien nicht erlauben, die Einheit des Irak zu zerstören.“ Auch in den Städten Basra, Diwaniyah, Al-Muthana and Babil demonstrierten Schiiten für Al-Maliki.

Als Hauptstütze Al-Malikis dienen jedoch die über 270.000 Mann starken und von den Amerikanern während der Zeit der Besatzung aufgebauten irakischen Streitkräfte.

Dass Gewalt im Irak immer noch an der Tagesordnung ist, beweist ein Vorfall im Nordirak. In der nördlichen Stadt Mossul zündeten Extremisten eine Autobombe. Nach Angaben der Polizei starb eine Passantin. Vier Menschen wurden verletzt. Das in den von Chaos und Gewalt geprägten Jahren nach der amerikanischen Invasion gewachsene Misstrauen zwischen irakischen Sunniten und Schiiten sowie die anderen Konflikte in der Region machen die jetzigen Demonstrationen zu einem politischen Drahtseilakt. (dpa/dtj)