Sedat Peker mit Reşat Hacıfazlıoğlu. Foto: Screenshot/Youtube

Zweimal trat der türkische Innenminister Süleyman Soylu vor die Presse. Zweimal schaffte er es, die Fragen der Journalisten unbeantwortet zu lassen. Man dürfe erst gar nicht damit anfangen, den Urheber der Fragen ernst zu nehmen. Denn diese seien erfundene Behauptungen eines Mafiosi. Der Urheber, Sedat Peker, scheint gerade erst warmzulaufen und nicht gewillt, aufzuhören.

Es ist das zweite Mal, dass Sedat Peker aus seinem Exil in den Vereinigten Arabischen Emiraten einen Telefonmitschnitt veröffentlicht. Wie beim ersten Telefonat mit dem Betreiber der regierungsnahen Webseite internethaber.com Hadi Özışık telefoniert Peker via Videocall mit einem Vertrauten des türkischen Innenministers Süleyman Soylu.

Diesmal ist es Reşat Hacıfazlıoğlu, den Soylu im Fernsehen einen Freund nannte. Peker beschwert sich bei Hacıfazlıoğlu über den Innenminister, der ihn aufgrund seiner Videobotschaften aus dem Exil als einen Dreckskerl und Anführer einer organisierten Verbrecherbande bezeichnet hatte. „Wir haben so viel für ihn getan, schon für seinen Vater. Wie kann er mich einen Dreckskerl nennen? Er war mein Ticket zurück. Was nun?“. Mit diesen Worten beklagt sich Peker bei Hacıfazlıoğlu über Soylu und verfolgt ein klares Ziel. Den Innenminister öffentlich demontieren. Denn dieser hatte bei seinen zwei Auftritten vor Journalisten geschworen, niemals Kontakt zu Peker gehabt zu haben. „Wenn einer das Gegenteil beweist, dann gehe ich freiwillig an den Galgen“, so Soylu.

Hacıfazlıoğlu spricht indirekt von Erdoğan – „Druck von dem da oben“

Im Telefonat zeigt sich Hacıfazlıoğlu als Peker-Versteher, dessen Wut auf den Innenminister nicht unbegründet erscheint. Peker selbst ärgert sich weniger über dessen Vorwurf, Anführer einer kriminellen Vereinigung zu sein, als darüber, ein Dreckskerl genannt zu werden. Man würde seine Töchter hänseln, das sei für ihn unverzeihlich. „Für meine Töchter habe ich die Welt in Brand gesteckt“, so Peker über den einen Schritt zu weit, weshalb er nun seinen Verstand in Urlaub geschickt habe, jedoch mit seiner Intelligenz in den Krieg ziehe. „Von nun an sollen alle alles wissen“, so Peker weiter.

Doch warum gerade Soylu, den Peker schließlich so aktiv unterstützt habe, sich bei dessen Machtgerangel mit Berat Albayrak gegen ihn stellte, kann Peker gar nicht verstehen. Auch Hacıfazlıoğlu zeigt sich in diesem Punkt erschüttert und verspricht, sich bald mit Soylu auszusprechen. Sie hätten bereits in der Jugend von Soylu diesen gegen den Einfluss von Mehmet Ağar beschützt, auch der Vater von Soylu schätze Sedat Peker unter anderem deswegen sehr. „Er ist nun leider sehr krank, ansonsten hätte er so etwas sicher nicht erlaubt“, so Hacıfazlıoğlu über den Vater des Innenministers.

Welche Rolle spielt Erdoğan?

„Ich habe den Eindruck, dass es Druck von dem da oben gibt. Damit eure Beziehung zueinander unterbrochen wird“, spricht Hacıfazlıoğlu seine vage Vermutung an. Ein Hinweis auf den türkischen Staatspräsidenten? Der Exil-Journalist und Peker-Kenner Cevheri Güven sieht in diesem Detail eine nächste Eskalationsstufe. „Sedat Peker hat Erdoğan auf die Matte gelegt“, so Güven über den intelligenten Schachzug von dem „Neu-Youtuber“. Denn damit habe Peker Erdoğan signalisiert, dass er in seine Richtung sticheln könnte, wenn er nicht endlich eine Verhandlungsbasis erhalte.

Denn eine Rückkehr nach seinem offenen Streit mit Soylu ist wegen dessen Einfluss nun endgültig vom Tisch. Da sich Peker auch mit Offenlegungen von eigenen Straftaten selbst belastet, braucht er künftig einen weitaus mächtigeren Komplizen. Zumal sich Peker seit den ersten Videos mit Schwergewichten wie Mehmet Ağar, Berat und Serhat Albayrak angelegt hat. Doch sollte sich Erdoğan weiterhin an die Seite von Süleyman Soylu stellen, kann von nun an davon ausgegangen werden, dass sich sein Feldzug auch auf den türkischen Präsidenten ausweiten wird.

Soylu versteckt sich hinter dem Präsidenten

Indes sinkt die Glaubwürdigkeit von Süleyman Soylu, der zwischenzeitlich als Nachfolger von Erdoğan gehandelt wurde, weiter. Insbesondere dessen Bilder aus der Putschnacht, wie er bewaffnet auf die Straßen ging, machten ihn in Teilen der türkischen Bevölkerung beliebt. Auch seine teils kurdenfeindlichen, homophoben und islamistischen Äußerungen in der jüngeren Vergangenheit sorgten für einen Zuwachs an Popularität im nationalistischen Milieu. Doch die glaubwürdigen Anschuldigungen vonseiten Pekers sowie die nicht ernstzunehmenden Auftritte von Soylu in den Talkshows haben den Innenminister entblößt.

Vor allem seine Aussage, die er zwar sofort revidierte, womit er die Zuschauer der Peker-Videos mit jenen von Kinderpornographie gleichsetzte sowie seine permanenten Ausweichmanöver auf kritische Fragen, haben ihn unbeliebt gemacht. So sucht Soylu gerade deshalb nun Zuflucht unter dem mächtigen Schatten von Erdoğan. Dieser hatte sich, wie bereits bei den Korruptionsenthüllungen Ende 2013, zunächst zurückgezogen.

Doch vor zwei Tagen kam die Wende: „Wir stehen hinter unserem Innenminister“. Welche Entwicklung die Geschichte noch nehmen wird, liegt nun in den Händen von Peker. Dieser ist sich sicher: „Ich werde dich wie einen Kettenhund führen, so sehr werde ich dich demütigen. Aber ich werde das sachte und allmählich machen. Es wird ein langsamer und schmerzhafter Prozess werden“, so Peker über Soylu in Video 7.