Foto: Sandra Neugebauer

Gymnasium, Sport, Theaterunterricht, Stimmbildung, Klavier. Muss das Kind das alles auf einmal mitmachen? Oder geht es auch anders, kann man einem Kind seinen Raum zur Entfaltung zu geben? Am Beispiel eines Kurzportraits über Katja Turtl [1], einer Kostüm- und Bühnenbildnerin, wird deutlich, wie viel Potenzial Kinder in sich tragen, aus Alltagserfahrungen ihren Berufswunsch zu entwickeln – und zu leben.

Da erzählte sie, wie fasziniert sie als Kind immer darüber war, dass innerhalb zwei, drei Stunden eine Welt aufgebaut wurde, diese Welt dann 90 Minuten lang Gehör fand und man sie dann in einer Stunde wieder abriss. Jetzt ist sie Kostüm- und Bühnenbildnerin. Katja Turtl wusste bereits mit 16 Jahren, dass sie im Theater arbeiten möchte.

Wieso Theater, fragt man sie. Weil ich da aufgewachsen bin, erzählt sie. Wie das wohl ist, frag ich mich. Am Theater aufgewachsen zu sein. Lauter Bekannte zu haben, die am Theater arbeiten. Von Schauspiel, Oper und Sinfonien sozialisiert zu sein.

Fokus auf das Individuum richten – nicht auf die Schulart

An Turtls Schullaufbahn ist erkennbar, dass sie nicht auf dem Gymnasium war und dennoch studiert hat. Bei ihr sei nicht darauf geachtet worden, auf welche Art von Schule sie geht, sondern wie ihr Wohlbefinden dabei ist: Erst in der 10. Klasse habe sie sich dazu entschieden, das Abitur anzustreben. Bis zu diesem Zeitpunkt stand für ihre Eltern nicht der Name des Abschlusses im Vordergrund – sondern das Wohlbefinden ihrer Tochter und dass sie selber entscheidet, mit wem sie in einer Klasse sein möchte. Turtl bevorzugte es also mit denjenigen in einer Klasse zu bleiben, die den Realschulabschluss angestrebt haben. „Schule spielte für mich bis zur elften Klasse keine große Rolle. Ich habe kaum etwas für die Schule machen müssen. Das war bei meinen ehemaligen Klassenkameraden, die lieber auf das Gymnasium gewechselt haben, anders. Nicht, dass ich es nicht geschafft hätte – die Noten dafür hatte ich. Aber ich hätte weniger Zeit für mich und meine Hobbies gehabt“, schätzt Turtl heute ein.

Das Gymnasium ist kein Muss

An Turtls Schullaufbahn wird ersichtlich, dass ein Kind vor allem den Raum der Selbstentfaltung braucht und nicht zwangsläufig auf dem Gymnasium gewesen sein muss, um studiert zu haben. Dadurch, dass Turtl aus strukturellen Umständen auf der Gesamtschule blieb und dort erst einmal den Realschulabschluss gemacht hat, habe sie im Gegensatz zu ihren Freunden, die auf dem Gymnasium waren, genug Zeit gehabt, um Theater und Musik zu machen.

Geboren in Greiz in Thüringen studierte sie Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Nach ihrem Abschluss war sie als Ausstattungsassistentin am Neuen Theater Halle, am Deutschen Theater Berlin und am Staatsschauspiel Dresden engagiert. Heute ist Katja Turtl seit 2013 freischaffende Bühnen- und Kostümbildnerin.[1] Im Gespräch mit Turtl wird deutlich, dass sie vielleicht gar nicht zu ihrem Beruf gefunden hätte, wenn sie diese Zeit nicht gehabt hätte, um sich ihren Interessen zu widmen. Sie sagt, es sei in jedem Bereich sehr wichtig, das ein Kind in seiner Aktivität – egal ob im Theater, Sport, in der Musik, im Tanz oder Ähnlichem – zu unterstützen und ihm diesen Ort zu gewähren.

Wie viel von dem, was Turtl als Kind geprägt hat, sich auf ihren Beruf ausgewirkt hat, ist offenkundig. Aktuell ist sie Bühnen- und Kostümbildnerin des Theaterstücks Kriegerinnen“ [2] auf der Mannheimer Bürgerbühne des Nationaltheaters Mannheim und übt ihren Beruf mit dezenter Leidenschaft aus, die sich in ihrem leisen Engagement sichtbar macht.

Foto: Sandra Neugebauer

[1] Turtl, Katja: Bühne + Kostüm, URL: http://www.katjaturtl.de/, Stand 17.05.2015

[2] Nationaltheater Mannheim: Kriegerinnen, URL: https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/spartenuebergreifend/stueck_details.php?SID=1983, Stand 17.05.2015.