Türkei-Politik, Türkei, Diskussionskultur, Aleviten, Muslime

„Meide alles, was die Menschen trennt, und tu alles, was sie eint“

Leo Tolstoi

Ich ahnte schon im Voraus, dass dieses Gespräch eskalieren wird. Da sitzen wir im Kino, die Sitzkonstellation absichtlich so gewählt, der eine links, der andere rechts, ich in der Mitte. Ein Akt der Verzweiflung und ein erbärmlicher Versuch von mir, die Diskussion, mehr oder weniger, unter Kontrolle zu bringen. Zwei Menschen mit zwei unterschiedlichen Weltanschauungen, zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten, zwei unterschiedlichen Lagern und zwei unterschiedlichen Meinungen bezüglich der Türkei-Politik. Wir wollen uns den neuen Hitman-Film im rappelvollen Saal angucken. Wir sind mit unseren Jungs zu elft im Kino. Jeder von uns ist laut und das lassen wir jeden im Raum spüren. Doch die Diskussion um die Türkei-Politik wird immer lauter und sticht deutlich aus der Menge hervor. Meine Worte an unsere Freunde, ein bisschen leise zu sein, um den Film zu verstehen, geht natürlich bei diesem lautem Gelächter und Geschrei unter. An den Gesichtsausdrücken erkenne ich, dass wir jedem anderen im Saal gewaltig auf die Nerven gehen. Es hatte schon angefangen, als wir uns trafen. Irgendwas ist wieder in der Türkei passiert und zwei von ihnen debattieren, als hätten sie mehr Wissen als das ganze Internet und reden ohne Punkt und Komma, als wären sie auf Wahlkampftour für das türkische Staatspräsidentenamt. Keiner lässt locker. Das blöde Gequatsche eskaliert, weil der eine etwas sagt, was er nicht sagen sollte, der andere daraufhin etwas tut, was er nicht tun musste, ich schlichte, worauf ich eigentlich keine Lust hatte und verdammt nochmal im Grunde überhaupt nicht wollte. Weder dem Mitarbeiter des Kinos, der uns bittet, die  Räumlichkeit zu verlassen, noch den Zuschauern, die uns unter Applaus verabschieden und demütigen, kann man ihre Entscheidung und ihren Frust, bei diesem Verhalten, das wir an den Tag gelegt haben, besonders verübeln. Bis auf die Knochen blamiert und mit gesenktem Haupt verlassen wir den Kinosaal ohne zehn Minuten etwas vom Film gesehen zu haben. Und nach all dem schaffen es die beiden Streithähne immer noch nicht, die Klappe zu halten.

Ein Armutszeugnis!

Ein Freund von mir wollte die Liebe seines Lebens heiraten und musste, so wie es in türkischer Tradition und Kultur Brauch ist, den Vater um seinen Segen bitten. Aber es kam noch nicht mal zum Treffen der Eltern. Der Vater der Tochter stellte sich quer, weil er von der politischen Einstellung meines Freundes und seiner Familie gehört oder vorher schon gewusst hatte. Ich wusste lediglich, dass mein Freund und seine Eltern mit der MHP sympathisierten. Jedoch hätte ich niemals, aber auch wirklich in keinerlei Hinsicht mir vorstellen können, dass das ein Problem werden könnte. Wie dumm muss eigentlich ein Mensch sein? Du idiotischer, verantwortungsloser Vater, stellst dich der Liebe zweier Menschen in den Weg, nur weil der Mann eine andere Politik im Kopf hat als du es gern hättest? Ist dir die Frage, wie der Mann über die jeweiligen türkischen Parteien denkt wichtiger, als zu wissen, ob er deine Tochter aufrichtig liebt, sie bis ans Ende ihrer Tage in den Armen trägt und er der Richtige für deine kleine Prinzessin ist? Tja, was soll man eigentlich noch dazu sagen, offenbar sind die türkischen Parteien für einige wirklich signifikanter geworden als die Zukunft und das persönliche Wohlbefinden der eigenen Kinder!

Noch ein Armutszeugnis!

Als kleiner Junge habe ich mir gerne die alten türkischen Filme von Kemal Sunal und Yılmaz Güney angesehen und war der Fan schlechthin. Ich war von ihrer Schauspielkunst immens fasziniert. Sie und ihre Gabe berührten mich und waren für mich, wie vielen anderen in ihrer Kindheit sicherlich auch, immer eine großartige Unterhaltung und Inspiration. Während ich mir den Film dann ansah, sagte mir mein Onkel, der neben mir verweilte, autoritär und kalt, dass der eine Kurde und der andere Alevite sei. Es war mir in dem Moment nicht gänzlich begreiflich, was er meinte, nur halt, dass sie keine von uns und ihre Werke für uns Tabu seien. Mein Onkel trichterte mir ein, sie gehörten zu der anderen Seite und seien damit sozusagen unsere Feinde. Ich sollte nicht die hoffnungsvollen und höchstmenschlichen Figuren in ihnen sehen, die Yılmaz Güney und Kemal Sunal verkörpern, nein, ich sollte von da an nur noch den Kurden Yılmaz Güney und den Aleviten Kemal Sunal sehen. Und ja, irgendwie waren ihre Filme und ihre Schauspielkunst nicht mehr das, was sie vorher waren, weil ich sie mit anderen Augen betrachtete bzw. betrachten sollte.

Und noch ein Armutszeugnis! Ich weigere mich so zu denken und handeln!

Rückblickend betrachtet denk und weiß ich doch, wie falsch solche Einstellungen auf meine Mitmenschen sind. Ich weigere mich so zu denken und handeln. Es ist einfach nur so unglaublich primitiv, armselig, dumm, und, was ich am meisten hasse, es spaltet die Menschen. Es spaltet die Hingabe, es spaltet die gemeinsame Zukunft. Es spaltet die Familie, es spaltet Vater und Sohn, Bruder und Bruder, Schwester und Schwester, Freund und Freund. Es spaltet Wesen, die dazu geboren wurden, zusammenzuhalten, weil ein Land und ein Volk darauf angewiesen ist. Es spaltet uns.

Wir sollen nicht das Gute, sondern immer zuerst nur das Schlechte im Menschen sehen. Wir sollen nicht das Barmherzige in ihren Herzen, sondern ihre Politik im Kopf feststellen. Wir sollen uns nicht an das Gebet, was wir gemeinsam verrichtet haben, sondern an den Streit in den sozialen Netzwerken erinnern. Wir sollen keine Freunde sein, wir sollen Feinde werden. Wir. Sollen. Nicht. Eins. Sein.!

Wir müssen nicht auf die gleiche Weise denken, um auf die gleiche Weise zu lieben!

Ja es stimmt wahrscheinlich, dass die politische Sichtweise viel über die Persönlichkeit eines Menschen aussagt, aber es muss, darf und kann kein Grund sein, jemanden in ein Topf zu werfen, mit einem Deckel obendrauf zuzuschließen, es bombensicher mit Hammer und Nägel dingfest zu machen und ihn nie wieder rauszulassen. In unseren Freundschaftskreisen gibt es die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Sichtweisen auf die unterschiedlichsten Dinge des Lebens. Und trotzdem sind es unsere Freunde. Warum? Weil wir in ihnen immer das Gute sehen, ihre kleinen Charakterschwächen verzeihen und sie so annehmen wie sie sind und sie uns so annehmen wie wir sind. Wir müssen nicht auf die gleiche Weise denken, um auf die gleiche Weise zu lieben. Menschen, die schon seit Jahrzehnten glücklich verheiratet sind, können euch darüber tagelang was erzählen und Romane schreiben. Unterschiedliche Meinungen sind gut. Sie sind ein Zeichen von Pluralität und immer ein produktiver Gewinn für eine Gesellschaft. Es soll und muss unterschiedliche Meinungen geben. Aber ist dies ein Grund, nicht mehr miteinander zu reden oder geschweige denn sich gegenseitig zum Feind zu erklären? Wie repetitiv, phantasielos und öde wäre doch die Menschheit, wenn wir alle gleich denken, gleich reden, gleich handeln und die gleichen Persönlichkeiten hätten? Waren es nicht Menschen wie Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Malcolm X oder Willy Brandt, die wir bewundern, die sich in die Weltgeschichte geschrieben, grad weil sie anders waren und sich für Eintracht, Gerechtigkeit und Frieden eingesetzt haben?

Waren es nicht wir, die mehrere Jahrhunderte lang die entscheidende Macht in Kleinasien, im Nahen Osten, auf dem Balkan, in Nordafrika, auf der Krim waren und sie wie fünf Finger zu einer unbesiegbaren geballten Faust zusammenschweißten? Waren es nicht wir, die 1453 Konstantinopel erobert haben und damit als Brücke zwischen Orient und Okzident für den Globus beistanden und beistehen? Sind es nicht wir, die die Nachkommen der Osmanen sind, die in ihrer 600 Jahre der Existenz reiche Früchte in den Bereichen der islamischen Kunst, Kultur, Spiritualität, Literatur, Philosophie und Wissenschaft unermüdlich zur Zivilisation der Völker der Erde ihren Beitrag leisteten? War es nicht unser Mimar Sinan, der die architektonischen Meisterleistungen vollbrachte, den die Welt heute als einen der größten Architekten aller Zeiten bezeichnet und den „Euklit seiner Epoche“? Waren es nicht die augenöffnenden Gedichte von Mehmet Akif Ersoy und seine in alle Ewigkeiten festgeschriebene Nationalhymne, die uns alle im Befreiungskrieg vereinte, uns als Wegweiser diente und wie ein Brunnen der Inspiration und höchster Blüte gegen den Feind stärkte?

WIR waren das. Das waren WIR. WIR. !!!

Ja, es ist eine Tatsache, dass das politische Klima in der Türkei sehr stark vergiftet ist, es ist auch Tatsache, dass kein sozialer Frieden in der Türkei herrscht und die Tatsache, dass es ihr an allen Ecken und Kanten an Diskussionskultur fehlt. Und ich glaube auch, es wird langsam Zeit, dass sich das ändert.

Welche frage stellst Du, Leser, Dir grade?

Ich glaube folgendes:

Woher weiß ich, dass der Typ in seinen Worten neutral und seine Absicht rein ist?

Dann kann ich Dir bezüglich dieses Artikels nur folgende Antwort geben: Mein Lieber, meine Liebe, Du stellst leider die falsche Frage. Selbst die weisesten Menschen erkennen die reine und gute Absicht nicht immer.

Weder soll man meiner Meinung nach das eine noch das andere sein. Zu denen noch zu jenen gehören. Sich von irgendjemandem für irgendetwas in irgendeiner Weise instrumentalisieren lassen. Man soll jedem Menschen die Hand reichen, man sollte in allererster Linie den Menschen und sein Inneres sehen und nicht seine festgefahrene Meinung über irgendein Ereignis oder sonst der gleichen. Man sollte das Gütige und Sanfte sehen. Die Gemeinsamkeit sehen und nicht die Unterschiede. Man sollte alles und nichts sein für das eine.

Ich denke, dass es Menschen gibt, die man nicht überzeugen kann. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich nicht überzeugen lassen wollen. Ich glaube auch, dass es Menschen gibt, deren Inneres im Laufe ihres Lebens zu viele schwarze Flecken davongetragen hat, der Zynismus die Oberhand bei ihnen gewonnen hat, die Welt und die Menschen in ihnen nur noch in schwarz und weiß, gut und böse, stark und schwach kategorisiert ist. Wenn ich manchmal durch die Straßen von Berlin gehe oder mich beispielsweise in Facebook anmelde, Kommentare lese, die ich nicht lesen möchte und die Erfahrung machen muss, dass es Menschen gibt, deren Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen kälter ist als die Antarktis und die Skrupellosigkeit schlimmer als die eines tollwütigen Hundes, wird meine Welt und die Überzeugung an die Nächstenliebe und Selbstlosigkeit, wie eine unaufhaltsame Lawine wirkend, ein Stückchen Dunkler und Grauer. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, sie in irgendeiner Weise vom Guten zu überzeugen.

Viele Menschen ziehen es leider vor, ein Eimer Beton zu trinken und mit Härte durchs Leben zu gehen, statt sich weich wie ein Marshmallow gegenüber unseren Mitmenschen zu verhalten. Vielleicht habe ich einfach nicht die Stärke und Fähigkeit dazu. Aber vielleicht Du, lieber Leser !?

Die Türkei macht derzeit eine sehr schwierige Zeit durch. Menschen, die wir lieben, sterben. Unnachgiebigkeit, Unnachgiebigkeit gegenüber der Hoffnungslosigkeit für Frieden in uns und der Türkei, ist in solch trübseligen und schmerzvollen Zeiten von enormer Wichtigkeit!

Ich kann nur hoffen, ich irre mich und bete zu Allah, dass ich niemals den Glauben und die Hoffnung an die Menschen verlieren werde und irgendwann so ende und meinen Kindern eine Ideologie der Aufsplitterung und Gleichgültigkeit in die Köpfe injiziere. Weil ich weiß, weder mir, meinem Volk, noch meinem Land, dem ich bis zu meinem letzten Atemzug die ewige Treue, Liebe und Dienerschaft geschworen habe, würde ich damit einen Gefallen tun. Und das sage ich mit großer Hochachtung vor jedem Menschen, der sich, so wie ich, einem Land verbunden fühlt!

PS: Geht mal nach Çanakkale. Dem Ort, an dem die Schlacht von Gallipoli stattfand. Öffnet weit die Augen. Atmet da die Luft ein. Zieht sie tief in euch ein. Jeder, der mal die Möglichkeit bekommt, dorthin zu gehen, sollte es tun. Ich denke, er ist dazu verpflichtet. Und ich denke, dass unsere Vorfahren, die alles verdient haben, zumindest das verdient haben: Diesem historischen Ort. Diesem Ort der Gänsehaut. Diesem Ort der Tapferkeit. Dem Ort, wo unzählige Mütter ihre Kinder verloren haben, zehntausende Väter und Söhne, unterschiedlichster Charaktere, alle für ein und dieselbe Sache, ehren- und heldenhaft, Seite an Seite, furchtlos im Angesicht des Todes, gekämpft, ihr Blut vergossen, ihr Leben für eine Flagge, ein Land, ein Volk, ein Ideal, für UNS gestorben sind.

…Vielleicht wissen dann ja einige, was ich meine!