Ein Screenshot aus einem undatierten Video, das am 29.04.2019 über Al-Furkan, einem Medienkanal des IS, verbreitet wurde, zeigt den Anführer der IS-Terrormiliz Abu Bakr al-Bagdadi. (Zu dpa «Berichte: US-Militär greift IS-Führer Al-Bagdadi in Syrien an») Foto: Uncredited/Al-Furqan media/AP/dpa

Im Sommer 2014 stand die Welt für eine kurze Weile ziemlich still. Denn in den warmen Monaten ließ eine Terrororganisation die Welt erschauern. Eine Terrororganisation nannte sich „Islamischer Staat“ und rief das Kalifat aus. Heute ist davon nur noch Asche und Staub übrig. Zudem besonders viel menschengemachtes Leid.

In einem Gebiet, dass Teile von Irak und Syrien umschließt, hat eine terroristische Bande in der jüngeren Vergangenheit mit schwarzen Fahnen Angst und Schrecken verbreitet. Sie nannte sich Islamische Staat. Ihre Kämpfer haben Aleviten, Christen, Jesiden, Kurden, unbeugsame Sunniten und weitere Minderheiten kaltblütig ermordet. Entweder nahmen sie ihren „Glauben“ an, oder sie gingen in den Tod. Die zum Teil dokumentierten Massaker fanden in den sozialen Medien Verbreitung. Die Terroristen wollten nicht nur in Mesopotamien wüten, sondern überall auf der Welt die selbe Brutalität und Präsenz zeigen. Deshalb nutzten sie das Internet und waren jederzeit überall. Schließlich schlugen sie auch mit Terroranschlägen in Europa zu. Der Krieg war plötzlich vor unserer eigenen Haustür. Geopolitische Maßnahmen mussten getroffen werden. Das Gefühl von Sicherheit verschwand. In Frankreich wurden zeitweise Einrichtungen durch das Militär bewacht. In Deutschland wurden Weihnachtsmärkte aus Sicherheitsbedenken verbarrikadiert.

Islamischer Staat zog tausende Deutsche ins „Kalifat“

Auf diesem mit Blut durchtränkten Territorium haben die Terroristen den Anspruch erhoben, das neue Zentrum des Islam zu bilden. Tausende junge Muslime aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, dem Balkan und der Türkei sowie aus dem Kaukasus haben sich von dieser Bewegung mitreißen lassen. Nicht nur der Gedanke an eine Lebensweise nach ihrer extremistischen Weltanschauung, sondern sich einem Anführer zu unterwerfen, der die Heiligkeit des Kalifen für sich beanspruchte, zog diese Menschen in den Bann.

Kalifat: Was es ist und was es soll

Ein Kalifat stellt eine islamische Regierungsform dar, bei der die weltliche und die geistliche Führerschaft in der Person des Kalifen vereint sind. Zu Lebzeiten den Propheten Mohammed (sav) war dabei noch keine Rede vom Kalifat. Als Mohammed (sav) im Jahr 632 starb, suchten die Muslime einen Stellvertreter. Er sollte in erster Linie die moralische Instanz sein. Wichtiger als politische Führung war, auf mögliche Fragen weitestgehend wie Mohammed (sav) selbst zu antworten. Deshalb war ein Erfahrungsschatz bezüglich des Propheten das wichtigste Kriterium. Unter den zwei großen Schulen im Islam gibt es hier eine gravierende Streitigkeit, doch dieser Streit betrifft nicht die Rolle des Kalifen. Die junge muslimische Gemeinde konnte sich nach dem Tod des Propheten schließlich auf Abu Bakr als ersten Kalifen einigen.

Kalifat durch die Epochen

Diesem ersten Stellvertreter folgten noch drei weitere, die ebenfalls enge Vertraute des Propheten gewesen waren. Doch schon bald kam es zu Konflikten mit der alten politischen Elite in Mekka. Die alten Herrscher in Mekka waren die Umayyaden. Deshalb beanspruchten sie das Kalifat für sich. Sie eroberten dieses Amt und vergossen viel Blut. Es kostete unter anderem die Enkelkinder Mohammeds (sav) das Leben. Danach wurde das Kalifat endgültig mit politischer Macht verbunden. Die moralische Instanz wurde durch die Politik vereinnahmt. Immer wenn es gerade nötig war, wurde die religiöse Karte als Ass im Ärmel gezückt. Das Kalifat wurde zu einem machtpolitischen Instrument. Dann, im Jahr 750, lösten die Abbasiden die Umayyaden kriegerisch ab. Diese behielten das Kalifat bis zur Zeit der turkstämmigen Herrschaftsverbände, die um 1000 das Sultanat ausriefen.

Die erste Hälfte des zweiten Jahrtausends war gekennzeichnet durch viele rivalisierende islamische Reiche, die die islamische Führungsrolle für sich beanspruchten. Aufgerüttelt wurden die Muslime dann vor allem durch die Mongoleneinfälle im 13. und 14. Jahrhundert. Sie stellen eine Zäsur in der islamischen Geschichte dar. Bagdad, Samarkand, Damaskus, Kairo und al-Andalus erlebten eine Ära des Niedergangs. Mit den Osmanen gab es spätestens ab der Eroberung Istanbuls wieder ein starkes Reich, das die islamischen Farben repräsentierte. Das Kalifat blieb dann ab 1517 bis zum Untergang des Reiches bei den Osmanen, die es zunächst weniger in Anspruch nahmen, später dann ab dem 18. Jh. dann mehr. Atatürk schaffte 1924 schließlich das Kalifat ab, das mit dem IS eine wenig schmeichelhafte Wiedergeburt erlebte. Heute wollen die Terroristen des IS nahezu vollständig in ihre alte Heimat zurück. Um genauer zu sein jene, die den IS überlebt haben. Denn ihr Kalif ist nach US-Angaben tot.

Ein sterblicher Kalif wie alle anderen auch

Es ist nicht das erste Mal, dass die US-Amerikaner jemanden außerhalb der USA zur Strecke bringen. Auch George W. Bush und Barack Obama haben in ihrer Amtszeit ähnliches getan. Die Rede ist von der Jagd nach einem vermeintlichen oder tatsächlichen Feind Amerikas. Bei George W. Bush war es der ehemalige irakische Machthaber Saddam Hussein. Er regierte das Land diktatorisch und wurde später wegen des Massakers an Schiiten und Kurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Hinrichtung ist bis heute noch im Internet aufrufbar. Veröffentlichungen dieser Art gingen auch bei Obama weiter. Der rühmte sich schließlich mit dem tödlichen Angriff auf Osama bin Laden, dem Anführer von al-Qaida. Nun hat der aktuelle US-Präsident Donald Trump seine eigene Trophäe ergattert. Vor wenigen Tagen ließ das Weiße Haus verlautbaren: „Abu Bakr al-Baghdadi ist tot.“ Der Unterschied zwischen bin Laden und al-Baghdadi ist, dass sich letzterer offiziell als Kalif sah und einen Staat gegründet haben wollte.

Terror-Kalifat und die Desillusionierten

Man stelle sich vor: Jemand lebt in Deutschland, irgendwo in einem wohlbehüteten Dorf. Der Bäcker backt täglich frische Brötchen, die Verwandtschaft ist für einen da, wenn man jemanden braucht. Schule, Arbeit, einfach das ganz gewöhnliche Leben. Mag auch hin und wieder langweilig werden, doch genau diese Langeweile vermissen die meisten IS-Terroristen, die aus solchen Verhältnissen ins angeblich Kalifat gezogen sind. Das belegen Aussagen von Rückkehrwilligen oder auch die Aussagen ihrer Angehörigen. Jetzt, wo ihr Heiligster durch die Amerikaner getötet wurde, muss man sich die Frage stellen: Wie desillusioniert müssen diese Personen heute eigentlich sein?

Baghdadi war nie ein Kalif, der IS nie ein Kalifat

Das Problem: Muslime sind heute religiös relativ schlecht ausgebildet. In der Familie wird eher Tradition weitergegeben und in den Schulen fehlen Angebote für eine sachliche und fachliche Auseinandersetzung mit dem Islam als Religion. Die zahlreichen staatlichen Progamme zur Radikalisierungsprävention belegen dies. Eigentlich wird erst dann etwas getan, wenn es zu spät ist. Doch eines ist klar. Ein Kalif nach dem Vorbild des Propheten Mohammeds (sav) war der Terrorführer al-Baghdadi nie. Ebenso wenig war der IS jemals ein Kalifat, das den Islam in irgendeiner Weise richtig verkörpert hat. Genau das Gegenteil ist die einzige Wahrheit, die mit dem nahenden Ende dieses Schreckens übrig bleibt.