In der Türkei sitzen seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 tausende Menschen in Haft, wöchentlich kommen noch heute weitere hinzu. Dabei werden viele von ihnen ohne belastbare Belege mit dem Vorwurf des Terrorismus ihrer Freiheit beraubt. Die größten Leidtragenden dieser willkürlichen Verhaftungen sind oftmals die Kinder. So ist es auch im Falle des sechsjährigen krebskranken Selman Çalışkan. Im Moment kämpft der Junge um sein Überleben.

Zahlreiche türkische Kinder wachsen seit Jahren ohne ihre Eltern auf oder müssen auf mindestens ein Elternteil verzichten. Dabei sind die Eltern dieser Kinder noch am Leben. Es handelt sich um den Nachwuchs von Familien, die nach dem Putschversuch des 15. Juli 2016 in der Türkei als Terroristen abgestempelt und inhaftiert wurden.

Während einige zusehen mussten, wie beide Elternteile zeitversetzt oder gar gleichzeitig inhaftiert wurden, haben andere „Glück im Unglück“, weil „nur“ der Vater ins Gefängnis musste. Eine ohnehin schwierige Situation, doch Krankheitsfälle machen alles noch viel dramatischer. Ein so schweres Schicksal hat beispielsweise der mittlerweile verstorbene Ahmet Burhan erlitten, über den auch auf DTJ-Online mehrfach berichtet wurde.

Selman durfte seinen Vater nach über drei Jahren nur kurz sehen

Ein ähnliches Drama spielt sich im Leben des krebskranken Selman Çalışkan ab. Der Sechsjährige leidet an einem Hirntumor. Als sich vor zwei Tagen sein Gesundheitszustand nochmals verschlechterte, wurde eine Ausnahme gemacht. Sein seit 39 Monaten inhaftierter Vater Rasim wurde für eine 1,5-stündige Visite aus dem Gefängnis entlassen, natürlich in ständiger Begleitung der Sicherheitskräfte.

Nach über drei Jahren konnten sich Vater und Kind damit erstmals wieder umarmen. Die Fotos von dem Treffen haben in den sozialen Medien viele Menschen berührt. Rasim Çalışkan sagte nach dem kurzen, aber wichtigen Treffen mit seinem schwer erkrankten Sohn, dass das immerhin besser sei als nichts. Mutter Emine Çalışkan sprach mit der Redaktion des türkischen Exilmediums Bold über das Treffen. „Gott sei Dank. Auch wenn es nur anderthalb Stunden waren. Sie haben sich endlich gesehen. Man konnte in Selmans Augen erkennen, wie glücklich er war. Sie haben regelrecht geglänzt.“

Selman kämpft in diesen Stunden um sein Leben

Selmans Mutter teilte am 11. August via Twitter mit, dass ihr Sohn in die Notfallambulanz gebracht und dort sofort in den OP-Saal der Intensivstation genommen wurde. Sein Vater musste gemeinsam mit den Sicherheitskräften zu Hause bleiben und durfte seinen im Sterben liegenden Sohn nicht begleiten. „Sein Vater musste geknickt hinterher sehen“, schrieb seine Frau. Zuvor war die Chemotherapie von Selman bereits im vergangenen Monat unterbrochen worden. Die Medikamente brachten keinen Erfolg. Am Tag, bevor Selman seinen Vater endlich wiedersehen konnte, hatte der schwerkranke Junge Blut gespuckt. Ein Hinweis dafür, dass sich sein Zustand weiterhin rapide verschlechtert.

Kritik an kurzer Besuchszeit: Staatsanwalt reagiert

Nach der Kritik in den sozialen Medien, dass die Zeit für das Treffen zwischen Vater und Sohn zu kurz gewesen sei, hat der Staatsanwalt eine Verlängerung angeordnet. Am 10. August wurde dem Wunsch der gebeutelten Familie stattgegeben. Unterstützung erhält sie übrigens seit Anfang an von der Social Media-Aktivistin Arlet Natali Avazyan. Ihren Aufruf teilten tausende User. Sie hatte sich auch schon für den verstorbenen und eingangs erwähnten Ahmet Burhan eingesetzt. Auf Twitter teilte Avazyan Fotos von dem Treffen der Familie Çalışkan. „Ich stelle hier mal das Foto von Glück rein. Selman mit seinem Vater… Ich danke Gott, dass ich dabei vermitteln durfte“.

https://twitter.com/NataliAVAZYAN/status/1292575009005801472