83% der eingebürgerten Türken trauern alter Staatsangehörigkeit nach

Unter dem Motto ‚Ja, ich will. Einbürgerung jetzt.’ hat die NRW-Landesregierung ihre Einbürgerungsoffensive vorgestellt. „Wir wollen, dass sich mehr Menschen in Nordrhein-Westfalen einbürgern lassen. Denn sie leben mit uns. Sie gehören hierher. Und wir wollen gleiche Rechte für alle“, sagten Integrationsminister Guntram Schneider (li.) und Innenminister Ralf Jäger (re.) (beide SPD) bei der Vorstellung der Offensive am Montag in Düsseldorf.

Bereits im Vorfeld zu dieser Kampagne hatte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft im Rahmen eines „Einbürgerungsempfanges“ in der Landeshauptstadt gefordert, Deutschland müsse „ein echtes Einwanderungsland und Einbürgerungsland werden mit einer Willkommens- und einer Anerkennungskultur.”

„Unser Motto ‚Ja, ich will. Einbürgerung jetzt.’ kommt nicht von ungefähr. Wir wollen Lust machen, auf eine positive Entscheidung für den deutschen Pass. Wer seit Jahren hier bei und mit uns in Nordrhein-Westfalen lebt, der soll auch mitentscheiden und mit gestalten können“, so Schneider bei der Vorstellung. Minister Jäger betonte: „Die Einbürgerung sollte nicht auf die lange Bank geschoben werden. Denn nur wer eingebürgert ist, hat die volle Gleichberechtigung. Und die wollen wir mit dem deutschen Pass vielen in NRW ermöglichen, zumal die Eingewanderten oft alle Voraussetzungen erfüllen.“

Plakate sollen Willkommenskultur stärken

Im Zusammenhang mit der Einbürgerungsoffensive wirbt die NRW-Landesregierung mit Flyern und Plakaten für den deutschen Pass. Auf drei Plakatmotiven überzeugen Migranten verschiedener Nationen mit „Ja, ich will.“-Botschaften. „Wir wollen damit zeigen: Nordrhein-Westfalen grenzt nicht aus, sondern bindet ein. Wir sind ein einbürgerungsfreundliches Land und freuen uns auf die Menschen, die mit ihrem ‚Ja‘ zum deutschen Pass zeigen, dass sie zu uns gehören. Sie verdienen Respekt und Anerkennung“, wird Jäger vom „Migazin“ zitiert. „Die Plakate sollen in lokalen Ämtern um die Einbürgerung werben. Denn ein Ziel der Einbürgerungsoffensive ist auch, dass wir in unseren Ämtern die Anerkennungs- und Willkommenskultur stärken“, sagte der Integrationsminister.

Ein neuer Internetauftritt gibt zudem Antworten auf die wichtigsten Fragen bei der Beantragung des deutschen Passes sowie Infos zu Ämtern und Ansprechpartnern in allen nordrhein-westfälischen Kommunen. Die Einbürgerungsoffensive sei ein langfristig angelegtes Projekt, betonte Minister Schneider. Deshalb wollen er und sein Kollege Jäger eine Tour durch die Kommunen starten und an Einbürgerungsfeiern teilnehmen sowie bei Podiumsdiskussionen für die Einbürgerung werben. Eine wichtige Rolle spiele die Beseitigung von Einbürgerungshemmnissen, betonten beide. Und: „Wir müssen endlich Mehrstaatigkeit als Normalität akzeptieren. Es passt nicht in unsere Zeit, dass jemand neben seinem deutschen Pass keine weitere Nationalität besitzen darf. Dieser veraltete Grundsatz gehört in die Mottenkiste.“ Jäger und Schneider wiesen auf die jüngste Bundesratsinitiative der Landesregierung für den Doppelpass hin, der eine Mehrheit in der Länderkammer fand, und forderten: „Der Bund muss endlich seinen Widerstand gegen die Mehrstaatigkeit aufgeben und sich bewegen. Dazu gehört auch die Abschaffung der Optionspflicht für Kinder und Jugendliche.“

Erstmals wieder seit langem mehr als 30.000 Einbürgerungen in NRW

Die Entwicklung der Zahl der Einbürgerungen war höchst unterschiedlich. Ein einmaliger Höchststand an Einbürgerungen war im Jahr 2000 aufgrund der damaligen Reform des Staatsangehörigkeitsrechts zu verzeichnen. Damals stellten 66.000 Migrantinnen und Migranten einen Antrag auf Einbürgerung.

In den folgenden Jahren sanken die Einbürgerungszahlen allerdings erheblich. Ausschlaggebend für viele Zugewanderte ist dafür die fehlende Möglichkeit zweier Pässe, wie auch die jüngste NRW-Studie unter Türkischstämmigen bestätigt. Dennoch: 2012 wurde in Nordrhein-Westfalen erstmals wieder die Schwelle von 30.000 Einbürgerungen im Jahr überschritten. Die rot-grüne Landesregierung führt dies auch auf die verstärkten Bemühungen um Migrantinnen und Migranten im Land zurück.

Im vergangenen Jahr hat der Landtag einhellig das Integrations- und Teilhabegesetz verabschiedet, mit dem Migranten im Alltag besser unterstützt werden sollen. Die Verwaltungen und Behörden sollen sich besser auf die Bedürfnisse der Einwanderer einstellen. Freilich ist auch klar, dass der Bund bei der Einwanderungspolitik die entscheidenden Weichen stellt.

Im Zeitraum zwischen 2000 und 2012 haben sich nach Angaben des Integrationsministeriums rund eine halbe Million Menschen für den deutschen Pass entschieden. Im vergangenen Jahr waren unter den 30.282 Eingebürgerten erneut mit großem Abstand rund 12.000 Türken (Vorjahr 10.169). Die Einbürgerungsoffensive der Landesregierung entspringt wohl auch einer eher ernüchternden Erkenntnis: Ein Erhebung des Zentrums für Türkeistudien in Essen macht deutlich, dass ein Großteil der türkischstämmigen Menschen die Einbürgerung klar ablehnt und eine Bereitschaft bei lediglich acht Prozent sieht.

90% fühlen sich weiterhin stark mit der Türkei verbunden

Die Forscher fanden heraus, dass sich viele Türkeistämmige stärker mit ihrem Herkunftsland als mit Deutschland identifizieren und dass dies auch nach der Einbürgerung so bleibt. „Gut ein Viertel (27 Prozent) ist froh, die alte Staatsbürgerschaft aufgegeben zu haben, mehr als die Hälfte stimmt dem jedoch gar nicht zu. Trotz der notwendigen Aufgabe der türkischen Staatsbürgerschaft fühlt sich die weit überwiegende Mehrheit (90 Prozent) weiterhin der Türkei sehr oder eher zugehörig und 83 Prozent würden eine Wiedereinbürgerung in die Türkei beantragen, wenn dies möglich wäre”, heißt es in der Studie.

Die Hauptgründe, die gegen eine Einbürgerung sprächen, seien der zwangsläufige Verlust der türkischen Staatsbürgerschaft und dass kaum Vorteile gesehen werden. Auch sind die Motive der Generationen, sich einbürgern zu lassen oder dies nicht zu tun, ganz unterschiedlich: „Für die erste Generation spielen fehlende Anreize und eine Rückkehrabsicht eine überdurchschnittliche Rolle”, heißt es in der Studie, Die zweite Generation sei eher durch den Aufwand abgeschreckt. „In der dritten Generation spielen hingegen die emotionalen Gründe eine herausgehobene Rolle, fehlende Anreize oder zu hoher Aufwand werden unterdurchschnittlich häufig genannt. Auffallend ist der relativ hohe Anteil von Drittgenerationsangehörigen, der sich aufgrund einer möglichen Rückkehr nicht einbürgern lassen möchte.”

Darüber hinaus zeigten zahlreiche Studien gerade aus den letzten Jahren, dass alltägliche Ausgrenzungserfahrungen und eine Zunahme rassistischer Einstellungsmuster innerhalb der Bevölkerung – für die sinnbildlich die Sarrazin-Debatte steht – die Distanz türkischer Einwanderer zu Deutschland und deren Verbundenheit mit der Türkei begünstigt hätten. (dpa/Die Welt/Migazin)