Seit heute Morgen 4:30 Uhr standen sich die Journalisten vor dem Münchner Oberlandesgericht die Beine in den Bauch, die Schlange wuchs und wuchs. Ziel war Saal 101, in dem Beate Zschäpes Anwalt Mathias Grasel heute um kurz vor zehn begann, die lange erwartete Erklärung seiner Mandantin nach ihrem zweieinhalbjährigen Schweigen zu verlesen. Anderthalb Stunden und 53 Seiten später füllt Zschäpes Version der Geschichte des Nationalsozialistischen Untergrundes die Schlagzeilen und Live-Ticker der deutschen Medien. Viel erwartet haben nur wenige, gehofft wurde dennoch viel.

Der erste Eindruck nach dem Ende der Verlesung ist entsprechende Enttäuschung und Kopfschütteln. Zschäpe erzählt der Welt die Geschichte einer einsamen jungen Frau mit schwerer Kindheit, die sich in die falschen Männer verliebt und mit ihnen auf ein Bonny-&-Clyde-Abenteuer in den Untergrund geht. Nur dass die zwei Clydes fanatische Neonazis sind und zu den Bankrauben mindestens zehn rassistische Morde und zwei Bombenanschläge kommen. Davon habe sie aber im Vornherein nichts gewusst und sei im Nachhinein dagegen gewesen.

Als die beiden Uwes die Polizistin Michèle Kiesewetter töteten und ihren Kollegen schwer verletzten – angeblich nur, um an ihre Handfeuerwaffen zu gelangen – sei es sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen, so empört will sie gewesen sein. Sie sei nicht informiert worden, bevor die beiden Männer zur Tat schritten, vom Bombenanschlag in der Kölner Probsteigasse habe sie gar erst aus den Nachrichten erfahren und sie dann darauf angesprochen.

Als sie vom ersten Mord, dem an dem Nürnberger Blumenhändler Enver Şimşek am 09. September 2000, erfahren hat, sei sie regelrecht ausgeflippt. Auf die Frage nach dem Warum habe sie keine Antwort erhalten, es sei nur etwas von Perspektivlosigkeit geredet worden. Zumindest sei nicht die Rede davon gewesen, dass es daran lag, dass er ein „Ausländer“ war. Erst nach dem dritten Mord, dem am Gemüsehändler Süleyman Taşköprü in Hamburg, hätten sie sich „dieses Mal (..) auch ausländerfeindlich“ geäußert. Ich komme nicht umhin, an das berühmte Cover der Satirezeitschrift Titanic zu denken: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“.

Entsprechend der Tatsache, dass sie (wie mehrmals betont) weder an der Vorbereitung, noch an der Durchführung der Attentate beteiligt gewesen sei, habe sie sich niemals als Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrundes gesehen. Sie hat eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft mit den beiden Terroristen gebildet. Teil dessen, was sie getan haben, will sie aber nicht gewesen sein. Sie habe nur nicht die Kraft aufbringen können, sich von ihnen zu trennen, denn sie habe ja sonst nichts mehr gehabt. Als sie den beiden sagte, dass sie sich der Polizei stellen wolle, hätten die ihr gedroht, sich dann das Leben zu nehmen.

Das eigene Leid dem Leid der Opfer gegenüberstellen

Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimagüler nannte ihre Geschichte ein „Lügenkonstrukt“, doch selbst wenn sie annähernd stimmen würde, wäre sie ein Zeugnis tiefster menschlicher Verkommenheit. Sie habe eine schwere Kindheit gehabt, später habe sie die Kraft nicht aufbringen können, sich von den beiden zu trennen, habe Angst vor der Polizei gehabt. Die beiden hätten gedroht, sich umzubringen und sie hätte ja außer ihnen nichts gehabt. Ein schweres Schicksal für die Frau, in das sie sich – abgesehen von der Kindheit – vollkommen selbstverschuldet manövriert hat.

Aber wie perfide ist es, diesen larmoyanten Ton an den Tag zu legen und das eigene „Leid“ in der Situation in den Mittelpunkt zu stellen, als würde es irgendeine Schuld relativieren? Als würde ihre Perspektivlosigkeit, um nicht zu sagen Feigheit, die Schuld am Tod dieser unschuldigen Menschen mindern. Denn „moralisch schuldig“ fühle sie sich, wie sie schrieb. Sie entschuldige sich „aufrichtig“ bei den Angehörigen der Opfer, dass sie die Anschläge nicht habe „verhindern können“. Für die Hinterbliebenen muss das wie blanker Hohn klingen. Diese Art von Entschuldigung könne sie für sich behalten, meinte Daimagüler.

Bisher scheint es nicht so, als würde ihre Aussage irgendetwas zur Aufklärung der Fälle beitragen. Zschäpe hätte mit Sicherheit wertvolle Informationen zum Dunstkreis um die rechte Terrorzelle preisgeben, Zusammenhänge beleuchten oder bisher unbekannte Details nennen können. Außer den langjährigen V-Mann Tino Brandt, der mit Verfassungsschutzgeld die Keimzelle des NSU aufgebaut hat, zu nennen, kommt jedoch nichts über das personelle Umfeld. Stattdessen empört sie mit der Geschichte vom naiven Ost-Mädchen, das in die rechte Szene abgerutscht ist und dann nicht das Rückgrat hatte, die Notbremse zu ziehen.

Das war so oder so ähnlich zu erwarten, dennoch ist die Enttäuschung groß. Die Hoffnungen, dass die Hintergründe, vor allem mit Blick auf die Verstrickungen des deutschen Staates in den rechten Terror, jemals umfassend aufgedeckt und all die Ungereimtheiten des Falles aufgelöst werden, sind damit geringer denn je. Stephan Lucas, ebenfalls Nebenklage-Anwalt, sah entsprechend wenig Wert in der Erklärung: „Wenn das alles ist, was Frau Zschäpe uns zu sagen hatte, dann hätte sie besser gar nichts gesagt.“ Recht hat er.