Am 1. Juli 2019 jährt sich die Ermordung von Marwa el-Sherbini zum zehnten Mal. Eine israelische Künstlerin nutzt dieses traurige Jubiläum, um öffentlichkeitswirksam ein Zeichen gegen rechten Terror zu setzen.

In diesen Tagen wird in Deutschland (wieder) über die Gefahren des Rechtsextremismus diskutiert. Hintergrund ist die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten und CDU-Politikers Walter Lübcke. Beim mutmaßlichen Täter Stephan E. handelt es sich um einen einschlägig bekannten Rechtsextremisten, der sich auch im Dunstkreis des NSU-Netzwerks bewegt haben soll.

Einzelfall + Einzelfall = Einzelfall?

Während die deutschen Behörden und viele Medien oft von Einzelfällen und -tätern sprechen, ergibt sich, betrachtet man die Entwicklung über einen längeren Zeitraum, ein anderes Bild. Rechter Terror in Deutschland ist ein Problem, das nicht von der Hand zu weisen ist, und das nicht erst seit dem Herbst 2015. Der mörderischen NSU-Serie fielen zuvor über einen Zeitraum von zig Jahren mehrere türkeistämmige Menschen zum Opfer. Am Montag jährt sich zudem eine grauenvolle Tat zum zehnten Mal, bei der eine ägyptische Muslimin vor einem deutschen Gericht vor den Augen ihres Mannes und Sohnes erstochen wurde.

„Wissen Sie, dass Holocaustleugnung in Deutschland verboten ist!“ Mit diesen Worten sprach der Richter damals Alexander Wiens an, der kurze Zeit darauf die Pharmazeutin Dr. Marwa el-Sherbini im Dresdener Landgericht erstach. Der Russlanddeutsche Wiens hat ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, Muslime haben demnach nichts in Deutschland zu suchen. Das sagt er vor Gericht.

Zeichen gegen Rechts vor dem Kanzleramt

Die in Deutschland lebende israelische Künstlerin Noa Gur hat aus dem Stoff des tragischen Schicksals Marwa el-Sherbinis eine (reverse) Tanzperformance inszeniert, die bundesweit aufgeführt wird. Mit der Uraufführung im öffentlichen Raum, vor dem Bundeskanzleramt in Berlin, setzt die Regisseurin ein klares politisches Zeichen – für die Anerkennung der Gefahr von Rechts, die Unterschätzung dieser Gefahr durch die Behörden und für die Erinnerung an eine junge ägyptische Familie, die durch antimuslimischen Rassismus zerstört wurde.

Im Anschluss an die Aufführung, die morgen ab 17 Uhr stattfindet und bei der die schreckliche Tat von Dresden in Teilen nachgestellt wird, spricht Sprachwissenschaftlerin und Medienpädagogin Sabine Schiffer zum Verlauf des Geschehens vor zehn Jahren und den Entwicklungen seither.

Schiffer befasst sich mit Hatecrime und insbesondere antimuslimischem Rassismus. Sie war eine der ersten, die die Ansicht vertrat, „dass der antiislamisch motivierte Mord an Marwa El-Sherbini nicht allein ein isolierter Akt eines Einzeltäters“ gewesen sei, sondern „im Kontext verbreiteter antiislamischer Stimmungen verstanden werden“ müsse.