Zumindest auf Karten der syrischen Kurdenpartei PYD ist die Lage eindeutig. Sie zeigen an der Grenze zur Türkei im Norden Syriens ein zusammenhängendes Gebiet, das vom Irak im Osten bis weit in den Westen reicht. Rojava nennen die Kurden diese Region. Auf Deutsch: West-Kurdistan. Noch existiert ein solches zusammenhängendes Gebiet nicht. Doch viele Kurden träumen davon, dass Rojava eines Tages ihr Autonomiegebiet wird. Oder sogar ein eigener Staat.

Immerhin sind die Kurden einer Verwirklichung dieses Traumes in den vergangenen zwei Jahren nähergekommen. Mit Hilfe von Luftangriffen der internationalen Koalition, die von den USA angeführt wird, haben sie von der Terrormiliz IS in Nordsyrien große Gebiete erobert. Zuletzt rückten sie in die Stadt Manbidsch ein, ein strategisch wichtiger Sieg. Andere Regionen nahmen die Kurden auf eigene Faust vom syrischen Regime oder Rebellen ein.

Mittlerweile sind die Kurden in Nordsyrien die stärkste Kraft und haben in drei „Kantonen“ eine Selbstverwaltung ausgerufen. Direkt an der Grenze zur Türkei ist ein mehr oder weniger autonomes kurdisches Gebiet entstanden, das jedoch nicht miteinander verbunden ist.

Wechselnde Bündniskonstellationen

Sehr gut sind dabei die Beziehungen zu den USA. Für Washington ist die eng mit der PYD verbundene Kurdenmiliz YPG im Kampf gegen den IS in Syrien wichtigster Partner am Boden. Die von der YPG dominierten Demokratischen Kräfte Syriens hätten „so hart und so gut gekämpft, um Manbidsch zu befreien“, lobte Pentagonsprecher Peter Cook die Kurden. Der Sieg sei äußerst wichtig für die Anti-IS-Koalition gewesen.

Die Machtausdehnung der Kurden in Nordsyrien ist zugleich das Ergebnis einer Politik, die geschickt agiert, aber knallhart ihre eigenen Interessen verfolgt. So kooperieren die syrischen Kurden mit dem Regime, wenn nötig. Sie bekämpfen es aber auch, wenn sie es für notwendig erachten – so wie vor Kurzem im Nordosten Syriens, als beide Seiten über Tage in der Stadt Hasaka zusammenstießen.

Die Kurdenpartei hat sich zwar auf die Fahnen geschrieben, in Rojava ein demokratisches System zu errichten. Tatsächlich handele es sich aber um eine „kontrollierte Freiheit“, wie ein syrisch-kurdischer Journalist aus der Region sagt. „Die PYD hat hier alles unter Kontrolle. Sie kann hier machen, was sie will.“ Regelmäßig etwa würden Journalisten festgenommen oder eingeschüchtert, klagt er.

Türkei will kurdische Autonomie in Nordsyrien unter allen Umständen verhindern

Schon lange haben die Siege der Kurden auch die Türkei auf den Plan gerufen, die unter allen Umständen eine kurdische Autonomie auf syrischem Boden verhindern will. Ankara fürchtet Auswirkungen auf die Kurden im eigenen Land – und verweist immer wieder darauf, dass PYD und YPG eng mit der PKK verbunden sind. Die PKK ist in der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation verboten und verübt dort regelmäßig Anschläge. Auch hinter dem Attentat am Freitag im türkischen Cizre soll sie stecken. Die PYD sei „eine Zweigstelle der PKK“, sagt Mustafa Yeneroğlu, Abgeordneter der türkischen Regierungspartei AKP.

Seit Monaten greift das türkische Militär Syriens Kurden immer wieder mit Artillerie an. In dieser Woche dann erreichte der Konflikt einen neuen Höhepunkt, als türkische Panzer über die Grenze rückten und syrische Rebellen dabei unterstützten, die Grenzstadt Dscharablus einzunehmen. Zwar richtete sich die Offensive zunächst gegen den dort herrschenden IS. Tatsächlich dürfte es aber Ziel des Einsatzes sein, eine weitere Machtausdehnung der YPG in Nordsyrien zu stoppen.

„Die Türkei wird nicht dulden, dass an der Grenze zu ihr eine Terrororganisation einen mehrere hundert Kilometer langen Landstrich durch Unterdrückung und ethnische Vertreibungen unter ihrer Kontrolle bringt“, sagt AKP-Politiker Yeneroğlu. Die YPG fördere von Syrien aus den PKK-Terrorismus in der Türkei.

Ankara verlangt von den Kurden, dass sie sich auf das Gebiet östlich des Euphrats zurückziehen, was auch die USA mittlerweile von der YPG fordert. Unklar ist, wie weit das bereits passiert ist. Fest steht aber: Weitere Gebiete unter ihrer Kontrolle wollen die Kurden nicht abgeben, auch nicht die ohne kurdische Mehrheit. „Wir haben viel Blut verloren, um die Gebiete zu befreien“, sagt Sipan Ibrahim, Rojava-Vertreter in Deutschland. „Wir werden kein Dorf abgeben.“

Wenn es sein muss, wollen sich die Kurden auch mit Gewalt zur Wehr setzen. „Egal wer uns angreift: der IS, die Türkei, das Regime oder Rebellen“, sagt Ibrahim. „Wir werden immer bereit sein, unsere Gebiete zu verteidigen.“ (Jan Kuhlmann, dpa/ dtj)