Bei dem sog. Madımak-Massaker kamen in Sivas am 2. Juli 1993 infolge eines Brandanschlages 37 Menschen ums Leben. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses erhob bereits im Jahre 2013 schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden.
Bei dem sog. Madımak-Massaker kamen in Sivas am 2. Juli 1993 infolge eines Brandanschlages 37 Menschen ums Leben. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses erhob bereits im Jahre 2013 schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden.

Die Stadt Sivas liegt in Zentralanatolien – auf der einstigen „Seidenstraße“. Sie war seinerzeit Hauptstadt des Seldschukischen Reiches und verknüpfte das Oströmische Reich mit dem Orient. Die Mongolen überfielen die Stadt, Sivas fiel, das Reich der Seldschuken zerbrach.

Als einzige Metropole in der weiten anatolischen Steppe zog sie dementsprechend bereits im Mittelalter viele Menschen aus verschiedenen Ethnien und Religionsgruppen an. Eine gewichtige Population von Christen lebt schon seit Jahrhunderten in Sivas. Auch kurdisch- und türkischstämmige Aleviten stellten einen bedeutenden Bevölkerungsanteil. Mit der sunnitischen Bevölkerung lebten all diese Bevölkerungsgruppen im Einklang. So wurden beispielsweise die Lieder des Volkspoeten Aşık Veysel, der bekanntlich aus Sivas/Şarkışla kam, von allen geachtet und rezitiert. In seiner Musik thematisierte er immer wieder Harmonie, Liebe und Vergänglichkeit: Worte, die auch verschiedene Volksgruppen einander näher brachten.

Der 2. Juli 1993 jedoch sollte zu einem katastrophalen Tag für die Geschichte von Sivas werden. Bei einer Veranstaltung zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal im Madımak-Hotel kamen infolge eines Brandanschlages 37 Menschen ums Leben; darunter auch viele Teilnehmer alevitischen Glaubens. Es wird aber oft vergessen, dass auch Sunniten unter den Opfern waren. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, aber es soll sich laut damaligen Untersuchungen um etwa die Hälfte handeln.

Die als „Sivas-Ereignisse“ bezeichneten Vorfälle vergrößerten die Kluft unter den ohnehin seit den 70er-Jahren angespannten Beziehungen zwischen sunnitischen und alevitischen Bürgern. Den damaligen Berichten zufolge versammelte sich nach dem Freitagsgebet eine Unmenge an Leuten, die wutentbrannt das Madımak-Hotel einkesselten und samt der Festival-Teilnehmer in Brand setzten. Der auf der Veranstaltung anwesende Schriftsteller Aziz Nesin hatte sich in beleidigender Weise über die türkischen Sunniten geäußert, darüber hinaus wurden Passagen aus dem umstrittenen Buch „Die Satanischen Verse“ von Salman Rushdie vorgelesen. Die Stadt war angesichts der Ausschreitungen in Panik versetzt, das Militär griff erst mit Verzögerung ein und konnte nur mit Mühe die Ausschreitungen kontrollieren.

Sivas: Stundenlange Untätigkeit der Einsatzkräfte

Zum 20. Jahrestag der tragischen Ereignisse von Sivas hatte Osman Seyfi – der ehemalige Präsident der Untersuchungskommission zu den damaligen Ausschreitungen – schockierende Details hinsichtlich der Vorfälle bekanntgegeben. Seyfi bemerkte, dass die Ausschreitungen an einem Freitagmittag begonnen hatten und bis zu den Brandanschlägen nicht ein einziger Eingriff seitens der Sicherheitsleute erfolgte.

„Wir hörten uns die Aussagen des Gemeindevorstehers des von den Aleviten bewohnten Alibaba-Stadtteils an. Der Gemeindevorsteher sagte, dass fremde Personen in den alevitischen Bezirken Gerüchte von wegen ‚die Sunniten metzeln im Stadtzentrum unsere Leute nieder‘ verbreiteten. Auch in sunnitischen Kreisen wurden von den vermeintlich gleichen Personen die Nachricht verbreitet, Aleviten würden eine Moschee im Stadtteil Alibaba zerstören“, merkt Osman Seyfi an.

Seyfi unterstreicht, dass der damals aktive Gouverneur und der Polizeipräsident von Sivas große Schwächen hinsichtlich ihrer Autorität aufwiesen. Seyfi setzt fort: „Am Anfang der Eskalation verhielt sich das Militär so, als ob es keine Waffen gehabt hätte. Während des Brandes fielen dann einige Warnschüsse und die Menge löst sich auf. Laut Angabe des türkischen Geheimdienstes MİT standen an jenem Tag nur drei Leute für den Einsatz zur Verfügung und das in einer Stadt mit 200.000 Einwohnern. Mit drei Leuten Informationen zu sammeln ist unmöglich. Zudem gaben die MİT-Leute an, dass sie zu den Ausschreitungen keine Informationen bekamen. Der türkische Geheimdienst wurde in Sivas faktisch lahmgelegt.“

Dunkler Fleck in der Geschichte

Nun sind 22 Jahre nach der „Tragödie von Sivas“ vergangen, im Zuge derer 37 Menschen, darunter Künstler, Schriftsteller und Musiker ums Leben kamen. 33 Personen wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch die Hintergründe der Ereignisse konnten bisher noch nicht abschließend geklärt werden.

„Das ‚Massaker von Sivas‘ ist ein dunkler Fleck in unserer Geschichte“, betont Seyfi. „Es werden in politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten Leute auftauchen, die diese Wunde wieder aufreißen wollen. Glücklicherweise mündete dies nicht in einen bürgerkriegsähnlichen Konflikt zwischen sunnitischen und alevitischen Bürgern.“