Ein kalter Winterabend…

Eine erdrückende Trauer begleitet die Stille.

Überall Frost, überall Schnee, überall Eis.

Ein Wetter, das deutlich macht, was für ein großer Segen es ist, zuhause im Warmen zu sitzen.

Die Hitze des großen braunen Kaminofens wärmt die gekalkten Wände und die mit Holzbrettern geschmückte Decke. Weil ich es mag, wie eine Katze hinter dem Kaminofen zu hocken, sitze ich wieder an derselben Stelle.

Wir sind sieben Geschwister; wenn mein Vater zuhause ist und auch noch ein Buch liest, herrscht Totenstille. Er ist ein Trotzkopf, leicht reizbar und ein schwieriger, schweigsamer Mensch.

Ich liebe es, wenn er über die Vergangenheit, über seine Erinnerungen spricht. Leider tut er dies sehr selten.

Ich weiß nicht mehr, wie wir auf meinen Großvater zu sprechen kamen, aber mein Vater fing an, von seinem Vater zu erzählen.

Die Gefahr, die mit dem Wort Allah verbunden war

„Euer Großvater war ein Mullah“, begann er. „Er war ein gebildeter Mann und leitete eine Madrasa, eine islamische Hochschule, und hatte viele Studenten. Es war damals verboten, bestimmte Bücher zu lesen. Ihm wurde wegen der Lektüre dieser verbotenen Bücher und weil er zudem in Teestuben von Allah predigte, vorgeworfen, Gründer einer Terrororganisation zu sein. Er wurde verhaftet. Sie brachten ihn nach Kars-Sarıkamış.

Erst nach Tagen konnte ich ihn besuchen.

Er hatte keine Kraft mehr zu stehen, weil er gefoltert wurde. Als euer Großvater auf mich zukam, waren seine Arme weit ausgestreckt. Den Grund sollte ich erst viel später erfahren: Sie hatten heiße Eier in seine Achselhöhlen gelegt. Deshalb hatten sich darin Wasserblasen gebildet. Als er versuchte seine Arme zu schließen, bekam er Schmerzen, weil seine Achselhöhlen geschwollen waren.“

Mein Vater setzte seine Erzählung über die furchtbaren Gefängniserlebnisse meines Großvaters fort. Die Trauer und der Schmerz, die er dabei empfand, ließen sich an seinen Augen ablesen. Ich war gerade erst sechs Jahre alt und sah ihn das erste mal so betroffen. Der Anblick der Augen meines Vaters und die schrecklichen Erlebnisse meines Großvaters haben sich in mein Gehirn gebrannt.

Innerlich empfand ich Wut auf diejenigen, die meinem Großvater dieses Leid angetan haben, aber davon, wer diese Leute sind, hatte ich als Kleinkind keinen Schimmer.

Es vergingen Jahre und ich war mittlerweile Schüler der vierten Klasse einer Grundschule. Zu Hause gab es eine tägliche Lesestunde, in der jeder von uns verpflichtet war, aus einem Buch zu lesen. Meine Mutter achtete genau darauf, ob wir sie einhalten und erstattete meinem Vater Bericht, wenn er nach Hause kam. Er ist gegenüber denen, die zu wenig lesen, nicht gerade barmherzig.

Es war eine dieser sehr kalten Winternächte. Mein Vater war nicht zuhause und jeder von uns las ein Buch. Eigentlich hätte er schon da sein müssen. Es war bereits 12 Uhr nachts und er kam nicht.

Meine Mutter bemühte sich, uns ihre Aufregung nicht zu zeigen. Nach einer Weile überkam uns die Müdigkeit und wir schliefen ein. In der Nacht kam mein Vater in Handschellen und in Begleitung von zwei Polizeibeamten.

Ihm wurde dasselbe vorgeworfen, wie meinem Großvater:

„Durchführung von Unterricht“

Die weißen Toros und die Stille des Todes

Sie hatten sich mit ihren Freunden versammelt, um „Unterricht“ zu machen. Mit Unterricht meinen sie das Studium von Hadithen, Korankommentaren und allgemein Islamkunde. Meine Mutter stand nun mit sieben Kindern allein da, weit weg von der Heimat. Schließlich lebten in wir in Van, über 500 km von unserer Heimatstadt Urfa entfernt. Mein jüngster Bruder konnte noch nicht richtig sprechen. „Die Hähne haben meinen Vater mitgenommen“, sagte er.

Als meine Mutter versuchte uns zu erklären, was mit meinem Vater geschah und dabei sagte „Die Polizisten haben euren Vater mitgenommen“, verstand mein kleiner Bruder, der noch zu jung war um die Aussprache des Wortes Polizist von dem des Wortes Hahn zu unterschieden, dass mein Vater von zwei „Hähnen“ abgeholt wurde.

Ich aber war alt genug und konnte wohl zwischen Polizei und Hahn unterscheiden.

Nun war mir klar: „Diejenigen, die meinen Großvater gefoltert haben, haben dasselbe nun mit meinem Vater vor.“ Auch der Adressat meiner Wut war nun klar: Die Polizei. Im Laufe der Zeit stieg meine Wut.

Die älteren Söhne unserer Nachbarn, die beschuldigt wurden, „Anarchisten“ zu sein, wurden abgeholt und nie wieder zurückgebracht; diejenigen, die als „Terroristen“ abgestempelt und in Handschellen aus ihren Häusern geholt wurden; all das sorgte dafür, dass meine Wut wuchs.

Die „weißen Toros“ (Autos des türkischen Militärgeheimdienstes, Anm. d. Red.) lauerten auf unseren Straßen. Sie brachten die Stille des Todes.

Ich machte Bekanntschaft mit dem Staat. Es geht nicht um das Militär und die Polizei als solche. Aber ich fing an, die komplexe Wirklichkeit der Sache zu durchschauen. Was für ein Unglück es für mich ist, dass meinem Vater der Staat, dessen wahres Gesicht ich erkannt habe, heilig ist! Ich habe Einwände gegen diese Heiligkeit und der Bruch mit der Umgebung meines Vaters dauerte nicht lange. Im Laufe der Zeit werde ich zunehmend ausgegrenzt, da ich nicht so denke und lebe wie mein Vater.

Der heilige Staat macht vor niemandem Halt. Er greift weiter in die Freiheit und den Lebensstil der Menschen ein.

Für ihn macht es keinen Unterschied, ob jemand links, rechts, fromm oder atheistisch ist. Für seinen ewigen Fortbestand würde er uns alle mit einem einzigen Atemzug wegpusten.

Die Zeiten ändern sich

In einer Phase, die gemessen an der Lebensdauer eines Staates sehr kurz ist, wurden die ‚Abis‘ des konservativen Milieus, die vorher den Staat bekämpft hatten, plötzlich selbst zum Staat.

Und die Freunde meines Vaters stehen nun an der Spitze des Staates. Sie zeigen nicht einmal Verständnis für diejenigen, die so sind wie sie. Die kopftuchtragenden Frauen, mit denen sie noch bis gestern vor den Gerichtsgebäuden mit dem Koran in der Hand zusammen gekämpft hatten, betrachten sie nun als armselige Verliererinnen, die das bekommen, was sie verdienen.

Ich widersetze mich dieser pseudo-religiösen Struktur, welche meint, den Staat übernommen zu haben, dabei aber nur selbst vom Staats vereinnahmt wurde. Genauso, wie ich die Taten des Staates ablehne, die meinem Großvater, meinem Vater und meinen Nachbarn angetan wurden.

Ich ersticke meinen Einwand nicht in der Stille, sondern äußere ihn in aller Öffentlichkeit, in den Fernsehsendungen, zu denen ich eingeladen werde und in meinen Kolumnen. Überall und bei jeder Gelegenheit mühe ich mich ab, den Freunden meines Vaters Einhalt zu gebieten.

Der neue Staat fühlt sich durch mich gestört. Sollte er auch.

Offen und geheim schicken sie mir tausende Botschaften. Ich soll schweigen, lassen sie mich wissen, keine Einwände erheben und mich nicht selbst ins Feuer werfen.
Sie drohen mir.

Dieselben Personen haben mich noch vor drei Jahren angefleht, für das Oberbürgermeisteramt von Ankara zu kandidieren. Genauso wie ich das damals als absurd empfand, empfinde ich die heutigen Drohungen als absurd.

Auch mein Vater schickte mir eine Botschaft: Ich solle zu ihm komme, er will mit mir reden. Ich ging hin. Er las wieder in einem Buch.

Als ich den Raum betrete, klappt er sein Buch zu. Auch er weiß, dass ich seit langem beschuldigt werde, der unbekannte Twitter-Whistleblower Fuat Avni zu sein und unter Beobachtung stehe. Auch er hat mitbekommen, dass ich so sehr bedroht werde, dass es mich quält.

Er erklärt mir seine Sorgen:

„Ich weiß auch, dass du nicht Avni oder sonst wer bist. Aber es ist klar, dass das, was du schreibst und sagst, jemand mächtiges gehörig stört.“ Dann sagt er mit leiser Stimme, fast schon flehend, ich solle nicht mehr schreiben und reden.

Ich lache… Er versteht, was ich sagen möchte.

Kein bisschen Angst

„Ich habe kein bisschen Angst. Komme was will… Ich habe sogar in Kauf genommen, ins Gefängnis zu gehen“, sage ich.

„Aber haben wir dich denn erzogen, damit du ins Gefängnis…“, er kann seinen Satz nicht zu Ende führen, er beginnt zu heulen.

Mein Vater ist ein verschlossener Mensch und hat in seinem Leben viel Leid ertragen. So leicht weint er nicht, vor allem nicht so viel.

Aber nun weint er.

Ich weiß nicht, was ihn zum Weinen bringt. Ist es, dass der neue Staat, den er und seine Mitstreiter gegründet und unterstützt haben, sein eigenes Kind auffrisst oder ist es seine väterliche Barmherzigkeit, die zu Gewissensbissen führt?

Vielleicht weint er auch nur deshalb, weil er mein Vater ist. Nach einer kurzen Stille küsse ich seine Hand und gehe fort.

Es gibt etwas, das er nicht weiß: Ich bin sein Sohn und genau wie er werde ich nicht von dem Weg abweichen, den ich für richtig halte.


Said Sefa ist Chefredakteur und Kolumnist des Nachrichtenportals Haberdar. Geboren in Urfa hat er an der Gazi-Universität Ankara Philosophie und Religionswissenschaften studiert sowie als Theaterschauspieler und -regisseur gearbeitet. Anfang des Jahres gab es Spekulationen, dass es sich bei ihm um den anonymen Whistleblower Fuat Avni handelt, was sich jedoch als haltlos herausstellte.