Der russische Präsident Wladimir Putin spricht mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

„Wir kamen darin überein, nicht nur Blue Stream auszubauen, sondern auch eine zusätzliche Leitung zu verlegen und, falls notwendig, an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland einen Gashub für die Versorgung Südeuropas zu bauen.“ Diesen Satz sagte sagte der russische Präsident Wladimir Putin am Montag bei seinem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Diese Ankündigung hat sich nun bewahrheitet.

Nach dem Aus für die transeuropäische Erdgasleitung South Stream hat der russische Energieriese Gazprom einen Strategiewechsel für Europa beschlossen. Die Einstellung Russlands zum europäischen Markt ändere sich grundlegend, sagte Gazprom-Chef Alexej Miller dem Moskauer Staatsfernsehen in einem Interview. „Das ist der Anfang vom Ende unseres Modells, bei dem wir uns auf Lieferungen bis zum Endverbraucher auf dem europäischen Markt orientierten“, sagte Miller in der Sendung „Nachrichten am Samstag“.

Die EU sehe sich nach ihrem Boykott von South Stream künftig dem neuen mächtigen Transitland Türkei gegenüber, sagte Miller. Als strategischer Partner Russlands werde die Türkei künftig 50 Milliarden Kubikmeter Gas in Europa verteilen können. Dieses „Gasventil“ könne das Land im geopolitischen Machtpoker mit der EU einsetzen, sagte Miller weiter.

Türkei als strategischer Partner Russlands

„Was die Umfänge unserer Lieferungen angeht, so kommt die Türkei dann nach Deutschland auf dem zweiten Platz“, sagte Miller. Während Deutschland für den Norden Europas das wichtigste Verteilungszentrum für russische Gaslieferungen sei, werde die Türkei künftig diese Stellung im Süden einnehmen.

Kremlchef Wladimir Putin hatte das Ende von South Stream bei seinem Türkei-Besuch am Montag verkündet. Die Entscheidung sei endgültig, betonte Miller im Staatsfernsehen. Zwar habe Russland bereits vier Milliarden Euro auf seinem eigenen Gebiet in den Leitungsbau investiert. Allerdings würden diese Kapazitäten künftig für die Lieferungen in die Türkei genutzt.

Die bestellten Leitungsrohre würden ebenfalls – wie für South Stream geplant – durch das Schwarze Meer verlegt, sagte Miller. Anlandepunkt sei dann aber die Türkei und nicht das EU-Mitglied Bulgarien.

EU und Russland: Ringen um Einfluss auf dem Balkan

Das Aus der russischen South Stream Gasleitung und der damit einhergehende Wegfall der Abhängigkeit der Balkanstaaten vom russischen Gas hat Auswirkungen auf den politischen Einfluss Moskaus in der Region. Mit dem Vorhaben wird neben der Gasversorgung Europas auch die von Merkel auf der Balkan-Konferenz vom August 2014 hervorgehobene „europäischen Perspektive“ der Balkan Staaten zementiert. Der Einluss Russlands in der Region wird dadurch zurückgedrängt.

Doch das hat seinen Preis: Künftig müssten die Versorger in Europa selbst die Leitungen zu den Verbrauchern verlegen, betonte Miller. Gazprom kümmert sich demnach nicht mehr um den Bau von Leitungen in der EU. Der Konzernchef begründete den Kurswechsel von Gazprom mit der EU-Bürokratie, die auch South Stream zum Scheitern gebracht habe. Die EU-Kommission hatte bemängelt, dass Gazprom sowohl das Gas liefern als auch die Leitung betreiben sollte. Das sei mit EU-Recht nicht vereinbar.

Folgenreich ist das Aus für South Stream vor allem für Bulgarien, die Ukraine und Serbien. Nach Darstellung Millers muss das EU-Land Bulgarien nicht nur auf 6000 Arbeitsplätze verzichten. Es blieben zudem drei Milliarden Euro Investitionen sowie die jährlichen Transitgebühren aus. Außerdem würden die bisher durch bestehende andere Leitungen durch Bulgarien transportierten 18 Milliarden Kubikmeter Gas ebenfalls in das neue Transitland Türkei umgeleitet. Die Rolle der Ukraine – bisher das wichtigste Transitland für russische Gaslieferungen in die EU – werde künftig bedeutungslos sein, sagte Miller.

Türkei und Kroatien als Gewinner des Aus für South Stream

Für Belgrad bedeutet das Aus der Gasleitung South Stream einen herben Rückschlag. Kein Land ist Russland bei dem Projekt South Stream mehr entgegengekommen als Serbien. 2008 wurde die Mehrheit von 51 Prozent des Erdölkonzerns NIS an Gazprom für 400 Millionen Euro verkauft.

Die EU beschloss im Kontext des Aus des South Stream Projektes, auf der nordkroatischen Adriainsel Krk im Eiltempo ein Terminal für Flüssiggas (Liquefied Natural Gas – LNG) zu errichten. Von Krk wird das Gas in vier Hauptrichtungen gepumpt: Nach Norditalien und über Slowenien ins österreichische Baumgarten. Der dritte Strang führt nach Ungarn. Von dort können Tschechien, die Slowakei und sogar die Ukraine erreicht werden. Schließlich soll eine Pipeline entlang der Adriaküste nach Montenegro und Albanien im Süden führen. (dtj/dpa)