„Korkuyoruz. Düşünmekten ve sevmekten korkuyoruz. Insan olmaktan korkuyoruz.“ Nichts oder nicht alles verstanden? Diese Sätze stammen aus einem bedeutenden Werk moderner türkischer Literatur – Tutunamayanlar von Oğuz Atay. Kaum ein anderer Roman wurde so sehr diskutiert wie dieser. Er wird bis heute intensiv gelesen und beeinflusste die türkischsprachigen Intellektuellen der letzten 30 Jahren. Aber eben nur die türkischsprachigen. Zwei Schwestern, Selma Wels und Inci Bürhaniye, wollten dies ändern. Sie wollten diese tolle Literatur, die sie seit ihrer Kindheit von ihren Eltern kannten, unbedingt mit ihren Freunden teilen, die eben nur sehr wenig bis gar kein Türkisch verstanden.

Auf der Istanbuler Buchmesse 2010 bemerkten die beiden, dass es viel zu wenig türkische Literatur gibt, die ins Deutsche übersetzt wurde. Und stellten mit Entsetzen fest: In der deutschen Literatur werden Türken oftmals nur als klischeebesetze Prolls, Gastarbeiter, Dönerverkäufer und Kopftuchträgerinnen dargestellt werden. Wie also sollten sie mit diesen Klischees aufräumen und stattdessen die Schätze der türkischen Literatur unter die Leute bringen?

Sie entschieden sich, einen Verlag zu gründen. Ein Verlag, der sich vorgenommen hat, türkische Literatur zu übersetzen und zu veröffentlichen und kürzlich fünf Jahre alt wurde.

Seither lautet ihr Motto „Wir sind eine klischeefreie Zone“

Ausgangspunkt war ein ausführlicher Businessplan, den sie dem Gründer-Center vorlagen, um ein Startkapital zu bekommen. Binooki, der Name des Verlags, geht auf das türkische Wort für „Zwicker“ zurück – binokel. Mit dem eingeschobenen „O“ liest man im Verlagslogo das englische Wort book.

Nun mussten sich die Schwestern die Lizenzen von türkischen Autoren und Verlagen besorgen. Wenig später standen die ersten Autoren fest. Im Oktober 2011 starteten sie mit Klassikern der türkischen Literatur und gaben „Korkuyu Beklerken“ von Oğuz Atay heraus. Monika Demirel übersetzte Alper Canıgüz sowie Yazgülü Aldoğan. Trotz anfänglicher Bedenken, ob das deutschsprachige Publikum die Literatur annehmen wird, hielten die beiden an ihrem Plan fest. Selma und Inci bewarben ihre Bücher in sozialen Netzwerken und warben persönlich vor das KulturKaufhaus Dussmann – bis Dussmann schließlich selbst die Werke in sein Sortiment aufnahm. Das hat sich gelohnt: Heute führt der Verlag 27 Titel im Programm und bekam bisher drei Auszeichnungen. 2012 wurde ihm der „Virenschleuderpreis“ für das erfolgreichste Marketing im Social Web zuteil, 2013 bekam er den BuchMarkt-Award in Bronze als „Newcomer des Jahres“ sowie den „Kurt-Wolff-Förderpreis“.

Allerdings muss Binooki auch aufgrund politischer Überzeugungen zurückstecken. Im Mai 2014 verlegte Binooki die „Gezi-Anthologie“. Hier stellen junge Autoren ihre Meinungen und Beobachtungen zum wohl berühmtesten Park der Türkei und seine Proteste dar. Seitdem bekommen die beiden Schwestern keine Fördergelder mehr aus der Türkei.

Wer in den Büchern ein bisschen schmökern möchte, kann sich natürlich in eine Leseecke im Dussman verschanzen. Man kann aber auch im Meyan in der Goltzstraße in Schöneberg reinschauen. Dort kann man bei gemütlicher Caféatmoshäre und leckeren türkischen Gerichten die türkische Literatur in Ruhe lesen.