Eine Studentin hält einen türkischen Pass (l) und einen deutschen Reisepass in der Hand. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Ein Meinungsbeitrag von Ercan Karakoyun*

Die Gesellschaft in der Türkei ist polarisiert und tief gespalten.

In Deutschland leben Menschen überwiegend friedlich zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Friesen und Sachsen, Berliner und Bayern, Rheinländer und Westfalen, Katholiken und Protestanten, Juden und Muslime, Agnostiker und Atheisten, Italiener und Inder. Ein ausgewogenes Grundgesetz hält zusammen, was scheinbar nicht zusammengehört. Die freie Meinungsäußerung ist gesichert. Jeder kann jeden kritisieren, ohne dass man sich gleich den Schädel einschlägt.

Ach ja, und dann gibt es noch uns „Türken“:

Die Entwicklung in Erdoğans Türkei – und das Wahlrecht vieler Deutsch-Türken in beiden Ländern – stellt uns vor spannende Fragen:

Ist es nicht ein Widerspruch, wenn man in einer Demokratie lebt, aber für eine Diktatur stimmt? Kann man eine Politik unterstützen, die in der Türkei Rechte verbietet, die man hier für sich einfordert oder zumindest gern in Anspruch nimmt? Sind Auseinandersetzungen zwischen Kurden und AKP-Anhängern ein „türkischer Konflikt“, auch wenn sie in Deutschland ausgetragen werden? Und darf die in der Türkei übliche Verfolgung Andersdenkender in Deutschland fortgeführt werden?

Missverständnisse und Irritationen schüren Ängste und Aggressionen

Soziale Vielfalt ist eine Herausforderung. Natürlich kommt es bei großer Unterschiedlichkeit – egal in welchem System – schnell mal zu Reibungen. Missverständnisse und Irritationen führen zu Ängsten und Aggressionen.

In Deutschland legen Gesetze die Spielregeln fest, um für Gerechtigkeit und einen transparenten Ausgleich der Interessen zu sorgen. Staatliche Organe und Gewaltenteilung stellen sicher, dass es verbindliche Kriterien zur Konfliktlösung gibt. Jeder und jede hat die gleichen Rechte und Pflichten. Alle sind vor dem Gesetz gleich. Wer die Freiheiten anderer eingrenzt, wird bestraft.

In der Türkei ist das etwas anders. Hier wird Vielfalt nicht gestärkt und befriedet. Hier wird Gleichförmigkeit verordnet. Wer anderer Meinung als die Regierung wird verfolgt. Wer Oppositionelle denunziert, wird belohnt. In vielen Bereichen der Türkei gilt das Faustrecht; es gibt Vogelfreie, für die selbst die grundsätzlichen Menschenrechte keine Geltung besitzen.

Wir – selbst so vielfältigen – Deutsch-Türk*innen stehen vor grundsätzlichen demokratischen Fragen: Bin ich Deutsche*r und verhalte mich gemäß meiner demokratischen Werte immer und überall gleich, was bedeutet, dass ich in der Türkei als Verräter*in verfolgt werde? Oder bin ich Türk*in und verhalte mich auch jenseits der Türke gemäß der despotischen Regeln, schon allein, um dort lebende Angehörige nicht zu gefährden?

Zerreißprobe für die innersten und tiefsten persönlichen Werte

Solche Fragen sind eine Zerreißprobe für die innersten und tiefsten persönlichen Werte. Es sind Gewissensfragen, die sich die meisten Deutsch-Deutschen nicht (oder nicht mehr) stellen. Aber sie könnten sich fragen, wie sie bei dieser Diskussion mitwirken können. Sie müssen sich fragen, ob sie sich „raushalten“ aus den teilweise erbitterten Streitereien der türkischen Exilant*innen oder ob es nicht ihre demokratische Pflicht ist, sich schlichtend, vermittelnd und vor allem die Opfer schützend einzumischen.

„Einmischen“ – schon das Wort signalisiert, dass es darum geht, Homogenität aufzulösen, Vielfalt zu vergrößern oder mehr noch: die bereits bestehende Vielfalt als eigene Realität zu akzeptieren. Nach der Generation der sogenannten „Gastarbeiter“ sind wir „Deutsch-Türken“ nämlich längst fester Bestandteil der Gesellschaft geworden.

Wir leben in allen Orten und arbeiten in nahezu allen Branchen. Wir passen gut nach Deutschland, heißt es gern; aber manchmal heißt es auch das Gegenteil. Und es stimmt irgendwie beides, weil es „den Türken“ ebenso wenig gibt wie „den Deutschen“. Weil sich jede soziale Gruppe, egal wie groß oder klein, sich stets ändert, wächst oder schrumpft und nicht mal in sich selbst kongruent ist. Und weil in der Bevölkerung Deutschlands inzwischen mehr als jeder Vierte „Migrationshintergrund“ hat und sich die 20 Millionen Menschen in der vermeintlichen Minderheit genauso wenig wie die 60 Millionen der deutsch-deutschen Mehrheitsgesellschaft nun mal nicht über einen Kamm scheren lassen. Im Gegenteil: Es lassen sich jenseits nationalstaatlicher oder rassistischer Kategorien nämlich gänzlich andere Milieus und Gruppierungen herausfiltern: demokratische oder anti-demokratische zum Beispiel.

Die demokratische Ordnung in Deutschland ist keine Momentaufnahme. Sie ist historisch gewachsen. Und sie kann durch geordnete Prozesse weiterentwickelt werden. Demokratie heißt auch, dass Mehrheiten wechseln, aber die Rechte der Minderheiten immer gewahrt bleiben müssen.

Information und Austausch als Voraussetzung für ein funktionierendes Miteinander

Voraussetzung dafür, dass das alles funktioniert, sind Information und Austausch. Wenn wir voneinander wissen, verstehen wir uns besser. Information ist der Kitt in einer sich wandelnden Gesellschaft. Sie vermittelt Verständigung. Damit aus dem freien Spiel der kulturellen Kräfte kein Kampf der Kulturen wird, brauchen wir diesen Dialog.

Dieser Dialog muss allerdings vielschichtig sein: Wir brauchen einen funktionierenden Dialog der Religionen. Wir brauchen einen Dialog zwischen den Kulturen, Dialog zwischen den Ethnien, Dialog zwischen den Milieus. Wir brauchen nicht nur interreligiösen, sondern auch intra-religiöse Dialoge. Auch unter den Türkeistämmigen brauchen wir eine Vielzahl an Dialogen. Dass der derzeit nahezu unmöglich ist, erhöht deren Wichtigkeit.

Wir brauchen innerdemokratische Dialoge, aber auch Dialoge zwischen Demokraten und Anti-Demokraten – und zwar egal welcher Herkunft. Der Neonazi aus Dresden ahnt vermutlich nicht, was ihn mit dem Erdoğan-Anhänger in Wuppertal verbindet; und die Klimaschützerin aus der Lausitz hat eventuell mehr mit der Muslima in Offenbach gemein als sie denkt.

Kurz: Dialog, also Austausch auf Augenhöhe, muss alle gesellschaftlichen Ebenen umspannen. Und die Frage „In einer Demokratie leben, aber für eine Diktatur stimmen?“ ist genauso wichtig sein wie die Frage „Für Demokratie sein, aber anti-demokratisches Verhalten ignorieren?“

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Ercan Karakoyun wurde 1980 in Schwerte geboren und hat dort bis zu seinem Abitur gelebt. Im Rahmen eines Stipendiums der Friedrich-Ebert-Stiftung schloss er sein Studium der Raumplanung an der Universität Dortmund mit dem Schwerpunkt Stadtsoziologie ab. Seit der Gründung der Stiftung Dialog und Bildung im November 2013 ist Karakoyun ihr Vorsitzender. Die Stiftung informiert über die Ursprünge, die Entwicklung und die Aktivitäten der Hizmet-Bewegung in Deutschland sowie über die Ideen und die Arbeit Fethullah Gülens. Mehr zu Karakoyun erfahren Sie hier.